EverEve: Jahreszeiten in Moll

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Wieder einmal musste der gute alte Tolkien für eine Namensgebung herhalten, wenngleich in diesem Fall in etwas kniffliger Form. Ever Eve kommen aus Deutschland und wenn man sich den ersten Teil des Herrn der Ringe vornimmt, findet man mit ein bisschen Glück in der zweiten Hälfte ein Gedicht, in dem der Begriff Ever Eve erwähnt wird - vorausgesetzt, man hat das englische Original zur Hand, mit der deutschen Übersetzung hat man in diesem Fall schlechte Karten.
“Seasons” heisst das bei Nuclear Blast erschienene Debüt und ist eine der anspruchsvollsten Neuerscheinungen der letzten Monate auf dem Gebiet des Düster-Metals.
Details erfragte Grimoire bei Keyboarder Michael Zeissl.

Die Band wurde 1993 gegründet und seit 1995 arbeitet man mit einem stabilen Line Up. Nach dem üblichen Demo und einer gemeinsamen Promo-CD mit einer befreundeten Band wurde Anfang 1996 ein Tape flächendeckend an Labels verteilt, woraus sich schließlich der Deal mit Nuclear Blast entwickelte. Dass auf Seasons ungemein talentierte Musiker am Werk sind, hört man sofort. Als solche hat man ja wohl hoffentlich auch ein paar Macken vorzuweisen...

Ich denke mal, dass unser Drummer Marc ein bisschen zuverlässiger sein könnte, besonders was das Besorgen von irgendwelchen Dokumenten betrifft. Außerdem benutzt er sein Auto als Mülleimer, CD-Aufbewahrungsstätte, Wohnzimmer usw. Bassist Stefan ist äußerst mitteilungsbedürftig, wogegen sein Namensvetter Stephan (git) damit glänzt, irgendwelche Dinge, die ausführlich besprochen worden sind, zwei Minuten später nochmals zu hinterfragen. Tja, ebenso wie Gitarrenkollege Thorsten lebt er halt in einer eigenen Welt, wobei bei letzterem noch ein gesundes Maß Faulheit dazu kommt. Tom, unser Sängerbarde, hat ein wenig Probleme damit, zu lange mit dem Rest auf engstem Raum zusammenzusein, was dazu führt, dass er sich ab und zu ein wenig abseilt. Was meine Macken angeht, solltest du theoretisch natürlich jemand anders fragen, aber ich denke, dass ich manche Sachen in Verbindung mit der Band zu verbissen sehe, und etwas mehr Lockerheit nicht schaden könnte - insbesondere bei geschäftlichen Angelegenheiten.

Ihr habt euch nach einem Begriff aus einem Gedicht von Tolkien benannt. Tolkien steht nun ja eher für Fantasy als für Gothic, allerdings zieht sich auch durch sein Werk eine gewisse melancholische Grundstimmung, die auch für eure Musik typisch ist. Oder sehe ich das falsch?

Ich denke, dass du Recht hast. Allerdings besteht keine engere Verbindung zwischen uns und Tolkiens Werk. Es gibt durchaus Bandmitglieder, die Tolkien verehren, dass wir unseren Bandnamen aus dem Herrn der Ringe gewählt haben, ist eher Zufall. Uns gefiel der Klang des Namens und die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten. Eine Deutung, die sicher naheliegt, ist Ever Eve als Kurzform von „forever evening“ zu betrachten.

Welches inhaltliche Konzept steht hinter „Seasons“? Egal welche Jahreszeit es ist, wenn du in der entsprechenden Stimmung bist, hat jede in erster Linie düstere Seiten?

Eine detaillierte Beantwortung dieser Frage würde mit Sicherheit den Rahmen eures Magazins sprengen, also versuche ich mich auf das Essentielle zu beschränken. Es war uns grundsätzlich wichtig, verschiedene Ebenen im Konzept zu verarbeiten, so dass sich einerseits verschiedene Interpretationsansätze ergeben und andererseits die Möglichkeit besteht, je nach Wunsch und Zeitaufwand, unterschiedlich tief in die Thematik einzutauchen. Den äußeren Rahmen - und somit die erste Ebene - bilden die vier Jahreszeiten mit der Beschreibung der für uns damit verbundenen Charakteristika. Auf dieser Grundlage haben wir versucht, Metaphern und Stimmungsbilder aus der Natur als symbolische Darstellungen für menschliche Situationen und Gefühlszustände zu verwenden. Diese Vorgehensweise war übrigens von Anfang an typisch für Ever Eve. Durch diese Natursymbolik ist nun einerseits etwas Konkretes dargestellt worden, nämlich Beginn und Ende einer Liebesbeziehung, das wiederum andererseits auf abstrakte Inhalte verweist. Diese abstrakten Inhalte bilden den zweiten grundlegenden Bestandteil von Ever Eve - Texten, eine Prise Philosophie. Wobei man hier anmerken muss, dass Philosophie ein recht hochtrabender Begriff ist, für uns bedeutet er in erster Linie, sich über das Leben Gedanken zu machen, und sich dabei von einigen Nihilisten und Existentialisten beeinflussen zu lassen. Du siehst, wir haben versucht, das Ganze so zu gestalten, dass auch Leute, die die Platte nicht einfach nur nebenbei hören, etwas davon haben. Man sollte allerdings auch nicht verschweigen, dass die Gefahr besteht, sich in irgendwelchen pseudo-intellektuellen „hochgeistigen“ Gefilden zu verirren und ich hoffe, dass wir nicht an unserem eigenen Anspruch gescheitert sind.

Die Kompositionen auf „Seasons“ sind sehr komplex, so dass man schon einige Durchläufe braucht, bis man die Stücke sozusagen intus hat. Aber irgendwann ist dann zumindest bei mir der Knoten geplatzt. Neben den härteren Parts gibt es auch immer wieder fast symphonisch anmutende Passagen, wobei ich gelegentlich den Eindruck hatte, als würden Keyboards und Gitarre bewusst gegeneinander arbeiten. Besonders, als ich das Album noch nicht so oft gehört hatte, entstand bei mir hier der Eindruck, diese Passagen seien überarrangiert...

Ebenso wie bei der inhaltlichen Konzeption verwenden wir auch eine Menge Zeit für musikalische Arrangements. Am Anfang einer Songidee steht oftmals der „Kopf“, der die Verteilung der Noten und Stimmen - oft nach klassischem Vorbild - festlegt. Hat der „Kopf“ seine Arbeit getan, kommt der Bauch hinzu, also das Gefühl, das letztlich entscheidet, ob es so klingt, wie wir es empfinden. Ob das Ganze dann überarrangiert ist, kann ich nicht beurteilen, entscheidend für uns ist, dass jedes Bandmitglied hundertprozentig hinter der Musik stehen kann, sonst wird die Stelle oder das Lied solange verändert, bis es allen gefällt. Eine weitere Absicht, die eventuell zu deinem Eindruck geführt hat, ist die Tatsache, dass wir viel Wert auf Feinheiten legen, die dem Hörer vielleicht erst nach und nach auffallen und dass wir darüber hinaus darauf achten, dass jedes Instrument gleichberechtigt ist. Übrigens lässt das momentane Songwriting darauf schließen, dass das neue Material ein wenig abgespeckter und eingängiger sein wird.

Ungewöhnlich vielseitig der Gesang - von puren Schreien der Verzweiflung bis zu Growls ist alles vertreten, ausserdem werden deutsche und englische Texte gemischt, wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass diese Stimmakrobatik auch live reproduziert werden kann. Und was die Zweisprachigkeit betrifft, besteht darin nicht die Gefahr, die Homogenität der Songs aufs Spiel zu setzen?

Die unterschiedlichen Gesangsstile dienen dazu, die Atmosphäre eines bestimmten Teiles zu unterstreichen, ebenfalls eine Art Markenzeichen von uns. Live werden die Songs grundsätzlich so dargeboten, wie auf der CD. Das bereitet unserem Sänger eigentlich keine Probleme, der Mixer kommt dabei allerdings schon leicht ins Schwitzen. Und zum zweiten Teil der Frage noch mal eine kleine Reminiszenz an unser Konzept. Es war stets unsere Absicht, dass jeder Song Teil des Gesamtkonzepts ist, aber auch für sich genommen als Einzelsong existieren kann. Insofern sehe ich die Homogenität nicht gefährdet. Die deutschen Texte entstanden ganz natürlich, einerseits aus dem Wunsch heraus, einmal etwas auf deutsch zu schreiben, andererseits aus der Absicht, einen Text zu verfassen, der bezüglich Versmaß und Rhythmus einem klassischen Sonett entspricht, wie bei „A new winter“

Ever Eve können schon auf eine beachtliche Live-Erfahrung verweisen. Immerhin war mit offizieller Support von My Dying Bride. Letzter Höhepunkt dürfte aber die Tour mit den finnischen Amorphis gewesen sein.

Aus unserer Sicht war die Tour ein voller Erfolg, auch wenn Amorphis mit den Besucherzahlen nicht hundertprozentig zufrieden waren. Nichtsdestotrotz wurden wir sowohl vom Tourmanagement, von der Crew, als auch von den Finnen selbst stets nett und fair behandelt, und ich wage zu behaupten, dass so etwas wie eine kleine Freundschaft zwischen Amorphis und Ever Eve entstanden ist. Auch die Publikumsreaktionen waren sehr positiv für uns, was um so höher einzuordnen ist, da die CD am Anfang der Tour noch nicht veröffentlicht war. An dieser Stelle sei auch betont, dass der Livesektor für uns sehr wichtig ist, und wir versuchen, in jeder Minute unser Maximum zu geben und die Songs auf der Bühne zu „leben“ - wie schon gesagt, jeder steht hundertprozentig hinter der Musik.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Tourneen sind da sicher keine Ausnahme...

Passiert ist natürlich einiges: Von einem brennenden Backstage-Raum in Holland, über Konzertabsagen in Frankreich aufgrund von politischen Ausschreitungen, bis hin zur ausgekugelten Kniescheibe von Amorphis-Sänger Pasi Koskinen drei Tage vor Tournee-Ende. Zum Glück konnte er dennoch die restlichen Gigs absolvieren, was ihm das Vergnügen einbrachte, von uns am letzten Konzerttag zusammen mit seinem Jungs mittels Schlagsahne und Toilettenpapier etwas verziert zu werden.

Nun gibt es im Bereich des Düster-Metals ja mittlerweile fast mehr Schubladen als Bands. Ever Eve werden in der Regel in die Gothic-Schublade gesteckt. Jede Sache hat bekanntlich zwei Seiten.

Natürlich wollen wir in keine Schublade gesteckt werden, aber ich finde, dass bei der heutigen Marktüberflutung das Schubladendenken durchaus einen Sinn macht, da es der groben Orientierung dienen kann. In dieser Hinsicht glaube ich schon, dass wir in der Gothic-Metal-Schublade noch am besten aufgehoben sind, zumal Thorsten und ich durchaus von Gothic beeinflusst sind und wir einen Großteil der Songs schreiben. Bei den Arrangements kommen dann allerdings die unterschiedlichen Einflüsse der übrigen Bandmitgieder zum Tragen, so dass uns unsere Schublade vielleicht doch zu eng wird.

Bleibt abzuwarten, wie sich die Band zukünftig entwickeln. Es ist zwar ungerecht, aber nach einem solchen Start, erwartet man zwangsläufig eine Steigerung. Hätte man zehn Jahre lang stinknormalen Death Metal gespielt und dann ein Album wie „Seasons“ abgeliefert, hätte alles gelobhudelt, zu welchen erstaunlichen Entwicklungen doch manche Bands imstande sind. Das ist ja nun wohl vorbei....

Du hast prinzipiell natürlich recht, aber wir können uns nicht erlauben, so zu denken. Man muss als Band zu jeder Zeit das Beste geben und das machen, was man persönlich für richtig hält. Ob dies schlussendlich auf eine Steigerung hinausläuft, bleibt abzuwarten. Es spricht alles dafür, dass das nächste Album einige Parallelen zum ersten aufweisen wird, so wird es wohl wieder ein grundlegendes Konzept geben, das diesmal noch offener gestalten sein wird. Es zeichnet sich darüber hinaus aber auch ab, dass die Songs ein wenig schneller und eingängiger werden. Bevor das ganze allerdings im Kasten sein wird, stehen noch einige Sommerfestivals und eine erneute Tour auf dem Programm.

Vielleicht sieht man sich ja dann irgendwann bei Out of the dark - Part IV.....


© Renald Mienert
DURP - eZine from the progressive ocean
http://www.durp.com/