Ian McDonald: Die Rückkehr eines vergessenen Königs

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

King Crimson? Klar, kennt doch jeder. Foreigner? Erst recht. Ian McDonald - nie gehört. O.K. - vielleicht unterstelle ich da vielen unserer Leser etwas, aber für Schlagzeilen hat besagter Herr in den letzten Jahren ja nun wirklich nicht gesorgt. Jetzt meldet er sich mit seinem ersten Soloalbum zurück.

Du bist seit dreißig Jahren im Rockgeschäft, hast in zwei Bands gespielt, die Rockgeschichte geschrieben haben. Aber auch seit deinem Ausstieg bei Foreigner sind schon etliche Jahre ins Land gegangen. Warum hat es so lange gedauert, bis „Driver's Eyes" erschien?

Es liegt garantiert nicht daran, daß ich nicht wollte. Aber irgendwie hat es bisher nie geklappt. Es ist nicht so einfach, einen Plattenvertrag zu kriegen, wie du vielleicht glaubst. Ich hatten schon vor ein paar Jahren einen Deal mit einer Plattenfirma, der aber in letzter Minute geplatzt ist. Es hat eine Weile gedauert, einen neuen Vertrag zu bekommen, aber schließlich bin ich jetzt ganz zufrieden. Ich glaube, das Album ist besser geworden, als es ein paar Jahre früher gewesen wäre. Die Songs haben mehr Tiefgang.

Das Album wurde schließlich auf dem Label von Steve Hackett veröffentlicht...

Ich kenne Steve schon sehr lange. Wir wurden schon vor seiner Zeit mit Genesis Freunde. Wir haben uns dann einige Jahre aus den Augen verloren und arbeiteten für seine Tour zu dem „Genesis re-visted" - Album wieder zusammen. Da war es ganz natürlich, daß ich Steve bat, an meinem Album mitzuwirken und es schließlich auch auf seinem Label zu veröffentlichen.

King Crimson gelten mit ihrer experimentellen Musik als Pioniere des progressive Rock. Foreigner waren die klassischen Mainstream-Rocker. Mit beiden Bands hat der Sound deines Debüt allerdings nichts gemein. Warum?

Das ist schwer zu beschreiben, ich weiß es auch nicht. Es liegt wahrscheinlich einfach in der Art und Weise, wie ich an bestimmte Dinge herangehe, wie ich mich mit dem musikalischen Stil beschäftige, an dem ich gerade arbeite. Wenn du zum Beispiel „Driver's Eyes" nimmst, dort findest du so viele musikalische Stilrichtungen auf dem Album. Ich habe all diese verschiedenen Einflüsse. Ich bin mit ihnen groß geworden. Natürlich war da zunächst einfach Rock'nRoll, das wird immer ein Haupteinfluß sein, aber auch Jazz und Klassik. Ich spiele ja auch eine Menge verschiedener Instrumente.

Womit hast du dich eigentlich nach der Trennung von Foreigner beschäftigt?

Ich lebe seit fünfundzwanzig in New York und arbeite hier, ich habe verschiedene Sachen gemacht. Ich habe Musik für Werbespots geschrieben, habe produziert und als Sessionmusiker gearbeitet. Ich habe nicht viel live gespielt oder war auf Tour. Ich habe John Wetton getroffen und dann eine Show hier mit ihm gespielt. Dann kam die schon erwähnte kleine Tournee durch Japan mit John und Steve Hackett. Danach habe ich mich darum gekümmert, dieses Album endlich fertigzustellen.

Das heißt, du hattest aber immer irgendwie mit Musik zu tun?

Um ehrlich zu sein, es gab auch ein paar Jahre, da hatte ich nichts mit Musik zu tun, hatte praktisch vergessen, daß ich ein Musiker war. Ich habe andere Sachen ausprobiert, aber in meinem Hinterkopf hat doch immer wieder der Gedanke an dieses Album herumgespukt. Und ich bin froh, daß ich es jetzt endlich gemacht habe. Einen großen Anteil daran hatte auch meine Freundin, sie half mir, das Selbstvertrauen wieder zu finden. So fand ich schließlich ein Label und verfügte über die Mittel, das Album zu realisieren. Das ist ein weiterer Grund dafür, daß es so lange gedauert hat. Ich benötigte einfach ein gewisses Budget. Es ist nicht die Art von Album, daß du einfach so zu hause am Computer zusammen bastelst. Ich brauchte ein richtiges Studio mit richtigen Musikern - und das kostet Geld.

Auffällig an deinem Album ist natürlich die Liste der Gastmusiker - Gary Brooker von Procul Harum, Peter Frampton, John Wetton, Steve Hackett, aber mit Lou Gramm von Foreigner und Mike Giles und Pete Sinfield Kollegen von deinen früheren Bands. War es eigentlich schwierig, die Leute zusammen zu trommeln?

Termine waren ein Problem, diese eher logistischen Dinge wie Reisen und so. Es war überhaupt kein Problem, die Leute zu überzeugen, an dem Album mitzuwirken. Jeder hat sich gefreut, als ich ihn darum bat, worüber ich natürlich sehr froh war. Es sind ja alles Freunde von mir, mit denen ich bereit sind er Vergangenheit gearbeitet hatte, so war es nicht zu schwer, sie an dem Projekt zu beteiligen. Was mir aber besonders an dem Album gefällt, auch mein Sohn ist darauf zu hören. Er spielt auf einem der Stücke Gitarre.

Du agiert auf der CD ja auch als Lead Sänger. Hast du das früher schon einmal gemacht?

Auf einem Album, ja. Aber normalerweise habe ich bisher nur im Background gesungen. Ich habe in letzter Zeit sehr daran gearbeitet, meinen Gesang zu verbessern, habe Gesangsübungen gemacht. Ich wollte aber trotzdem nicht zu viele Vocals auf dem Album übernehmen. Ich habe mehr Wert darauf gelegt, auch als Produzent zu wirken, als unbedingt im Mittelpunkt zu stehen und die Möglichkeit zu nutzen zu singen. Darum habe ich Freunde gebeten, zu singen, so bleibt man als Produzent objektiver. Das Album als Einheit war mir wirklich, und es ist schwer, die Qualität einzuschätzen, wenn man fast alles alleine macht. Natürlich passen auch die Stimmen der unterschiedlichen Sänger perfekt zu den jeweiligen Songs, und sie machen das Album für den Hörer interessanter. Einige Fans halten es wahrscheinlich nicht für progressiv genug. Ich schon, das Album vermischt diverse Sounds und Stile. Die Leute, die sich wirklich genauer mit meiner Person beschäftigt haben, werden das auch erkennen. Und auch wenn es mal nur Pop sind, was zählt ist ein guter Song, es muß nicht immer eine ungeheuer komplexe Komposition sein. Außerdem kommt es darauf an, daß das komplette Album eine Einheit darstellt, nicht nur einfach eine Aneinanderreihung verschiedener Titel. Ich wollte eine Platte, die man von Anfang bis Ende hören kann.

Ich finde, deine Stimme ähnelt den Lead Vocals bei Allan Parsons....

Mag sein, jemand anderes hat das auch schon einmal erwähnt. Aber das ist genau, was ich meine. Ich kann meiner eigenen Stimme gegenüber nicht objektiv sein. Natürlich denke ich, wenn ich singe, nicht daran zu klingen wie der oder der...

Du hast ja schon erwähnt, daß du in New York lebst. Keine Stadt wie jede andere...

Nun, hier gibt es sehr viele wirklich gute Musiker, sehr viele gute Studios. Und für mich jedenfalls ist es eine wundervolle Stadt, Ich liebe es wirklich, hier zu leben. Es ist vielleicht nicht einfach, aber das ist es wahrscheinlich nirgends, man muß überall sehen, wie man zurecht kommt.

Wie stehst du eigentlich heute zu deinen früheren Bands, sagen wir mal, zu King Crimson?

Was King Crimson angeht, so habe ich zwar keine Alben mehr von ihnen gehört, aber ich glaube, daß sie immer noch sehr interessante Musik machen, und das Robert alles versucht, die Band am Leben zu halten. Vielleicht treffen wir uns ja mal wieder und es kommt zu einer neuen Zusammenarbeit, der Gedanke könnte mir schon gefallen. Wir haben ewig keinen Kontakt miteinander. Er hat seine Karriere und ich habe meine, aber wenn sich unsere Wege mal wieder kreuzen sollten.

Besonders Künstler, die schon lange dabei sind, frage ich gerne danach, wie sich das Business denn über die Jahre verändert hat?

Ich glaube, der Wettbewerb ist heut einfach stärker. Und es gibt viel zu viele Leute, die versuchen, Musik zu machen, mal schnell eine CD veröffentlichen. Würde man aus jeder Band den talentiertesten Musiker auswählen, und daraus neue Bands formen, wäre es immer noch genug. Außerdem muß eine Band heute mit dem ersten Album erfolgreich sein. Die Plattenfirmen geben dir keine Chance, dich zu entwickeln. Früher haben viele Künstler ihre besten Arbeiten erst nach ein paar Jahren veröffentlicht. Denk zum Beispiel an Sergeant Peppers von den Beatles.

Und gleich noch eine Standardfrage: Was können wir zukünftig von dir erwarten?

Natürlich beabsichtige ich, auch zukünftig Platten zu machen. Aber es dauert wohl noch eine Weile, bis ich wieder ins Studio gehe. Die Dinge müssen erst in meinem Kopf Gestalt annehmen. In der Zwischenzeit werde ich weiter als Produzent arbeiten. Ich würde „Driver's Eyes" auch gerne live vorstellen, aber ich weiß nicht, wie ich die Gesangsparts vergeben soll. Es ist schließlich nicht möglich, alle diese Sänger für eine Tour zusammen zu bekommen. Aber, wenn ich das Problem gelöst habe, warum nicht. Es ist natürlich auch eine Frage der Organisation.

Viele Leute sind auf „Driver's Eyes" besonders von dem letzten Track begeistert, „Let There Be Light", bei dem Gary Brooker die Vocals übernimmt. Hast du auch einen Lieblingstrack?

Wenn, dann würde ich eher „You are a part of me" wählen, der von John Waite gesungen wird. Aber eigentlich bin ich auf das ganze Album stolz.

Mit Recht!


© 11/1999 Renald Mienert
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