Yes: Auf der Leiter weiter nach oben?

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Bei „Open Your Eyes" waren die Fans sich weitestgehend einig - nicht gerade eine Glanzleistung der Progressive Rocker der ersten Stunde. Um so gespannter war man auf „The Ladder", und diesmal sind die Meinungen immerhin unterschiedlich. Ging der Rezensent im Empire recht hart mit dem Album ins Gericht, so gibt es doch genügend positive Stimmen zu dem neuen Output. Renald Mienert unterhielt sich mit Chris Squire

Betrachtet man die Internet-Präsenz einer Band wie Yes, dann stellt man sehr schnell fest, daß diese - verglichen mit der anderer Bands - eine wesentlich stärkere Rolle zu spielen scheint.

Ich glaube, daß viele der Yes-Fans gleichzeitig typische Internet-User sind. Wahrscheinlich gehören zu beidem die gleichen Eigenschaften, jedenfalls sind die meisten Yes-Fans auch ziemlich fit, wenn es um Computer geht. Darum haben wir vor der Veröffentlichung dieses Albums ja auch solche Dinge wie eine digitale Postkarte verwendet.

Der Titel des neuen Albums bezieht sich ja wohl auf eine Ausstellung, die etwas mit John Lennon und Yoko Ono zu tun hat.

Wenn du es sagst. Jedenfalls ist es eine Idee, die von Jon stammt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Aber gleichzeitig wird ja der Titeltrack auch als Musik für ein Computerspiel verwendet. Wie kann das funktionieren?

Das Spiel heißt „Homeworld" und erscheint etwa zur gleichen Zeit wie das Album. Die Geschichte ist schnell erzählt. Wir arbeiteten an dem Album in Vancouver in Kanada, und die Leute von Sierra, das ist die Firma, die das Spiel entwickelt, sitzen in Seattle, was nicht weit von Kanada entfernt ist. Sie haben wohl irgendwann festgestellt, daß sie Yes-Fans waren, und als sie erfuhren, daß wir sozusagen gerade in ihrer Nachbarschaft an neuem Material arbeiten, haben sie um ein Treffen gebeten und uns dort dann gefragt, ob wir nicht die Musik zu dem Spiel schreiben wollten. Es hat sich dann einfach so ergeben, daß wir genau den Song auswählten, an dem wir gerade arbeiteten - The Ladder. Für das Spiel haben wir ihn dann in „Homeworld" umbenannt. Auch da mußt du eigentlich Jon fragen. Als wir uns für diesen Song entschieden, stand zunächst die Musik im Vordergrund. Jon hat dann dafür gesorgt, daß der Text auch mit der Idee des Spiels zusammenpaßt.

Als ich mich vor dem Frankfurter Gig im Rahmen der „Open Your Eyes" - Tour mit Steve Howe unterhalten konnte, sagte er mir, daß es immer darauf ankommt, bei einem Album das richtige Gleichgewicht zu finden - zwischen Melodie und Komplexität, zwischen Tradition und Weiterentwicklung. Habt ihr es auf „The Ladder" gefunden?

Ich glaube schon. „The Ladder" ist ein sehr gutes Album geworden, wahrscheinlich eines der besten Alben, die Yes je gemacht haben. Es läuft einfach gut durch. Wir haben im Studio alles live gespielt, und es hat sich gezeigt, daß dies ein gutes Vorgehen war. Als wir uns im Oktober letzten Jahres in Vancouver trafen um mit den Aufnahmen zu dem neuen Album zu beginnen, entschieden wir uns, daß die Bandmitglieder alle gleichermaßen am Songwriting beteiligt werden sollten. Jeder hatte seine Ideen, die er einbrachte, und die dann gemeinsam mit dem Rest der Band zu Songs vervollständigt wurden. Dabei spielte es absolut keine Rolle, von wem die Ideen kamen. So entstehen die besten Tracks. Alle diese verschiedenen Einflüsse, zum Beispiel diese Karibik-Grooves, wurden so in die Songs integrierte. Nichts war Absicht, nichts war geplant. Es ist einfach so passiert. Bei einigen Songs gibt es orientalische Klänge zu hören, die Songs sind schon sehr unterschiedlich, aber das ganze Album ist doch gleichzeitig auch sehr ausgewogen.

Das Album wurde ja von dem leider verstorbenen Bruce Fairbairn produziert....

Wir hatten eine sehr gute Zeit mit Bruce Fairbairn und als er kurz vor Fertigstellung des Albums verstarb, hat uns das natürlich sehr getroffen. Wir sind sehr stolz, auf das, was er für dieses Album mit uns gemeinsam getan hat, denn es war wirklich eine sehr gute Arbeit. Das Album ist vielleicht so eine Art Vermächtnis.

Kannst du etwas zum Status von Igor in der Band sagen?

Igor ist immer noch so etwas wie ein Gastmusiker. Er arbeitet ja nun schon eine Weile für Yes, war diesmal auch in das Songwriting integriert und gab wirklich gute Impulse. Er macht seine Sache absolut zufriedenstellend für uns, und vielleicht werden wir uns ja entscheiden, ihn im nächsten Jahr zu einem offiziellen Bandmitglied zu machen. Wir haben jetzt mit Billy und Igor zwei jüngere Leute dabei, was sich positiv auf die restlichen alten Männer auswirkt. Frisches Blut kann nicht schaden.

Eine Rückkehr von Rick Wakeman steht also nicht auf der Tagesordnung?

Ich habe lange nicht mit Rick gesprochen. Er hat sehr viel mit seiner eigenen Karriere, seinen eigenen Projekten zu tun. Das muß nicht heißen, daß wir nie wieder zusammen arbeiten werden, aber im Augenblick sind wir sehr froh, mit Igor zu arbeiten.

Du bist ja das einzige Yes-Mitglied, das bei allen Alben dabei war. Hast du am Beginn deiner Karriere daran gedacht, so lange durchzuhalten?

Daran war nie zu denken. Nimm nur die Beatles. So richtig bekannt waren sie so ab 1963. Und 1970 war schon alles vorbei. Das waren sieben Jahre, und alle hielten das für eine extrem lange Zeit. Als wir mit Yes begannen, habe ich gedacht, o.k., laß es fünf Jahre halten, dann haben wir auch schon einiges erreicht. Aber nun, heute sind wir immer noch da, und es macht immer noch Spaß.

Trotzdem gab es ja auch einige Krisen in eurer Karriere, nach „Drama" zum Beispiel, als die Band drohte auseinanderzubrechen. Aber ihr kamt immer wieder zusammen...

Dahinter verbirgt sich eigentlich kein großes Geheimnis. Wir lieben es einfach, gemeinsam Musik zu machen, und ich glaube, du kannst es am einfachsten mit Leuten vergleichen, die schon lange verheiratet sind. Manchmal braucht man etwas Abstand, dann kommt man wieder zusammen. Das Problem bei Yes ist nur, daß an mir wahrscheinlich immer die Küchenarbeit hängenblieb.

Es gibt einige Alben von Yes, die werden aus meiner Sicht ziemlich unter Wert gehandelt. Mir gefällt zum Beispiel „Talk" sehr gut...

Das Problem mit „Talk" lag wohl mehr auf der vertrieblichen Seite. Wir arbeiteten damals mit einem ziemlich kleinen Label, mit Victory. Es ist sicher auch ein gutes Album, aber wir arbeiten dort sehr viel mit Computern und so kann schon der Eindruck entstehen, daß es irgendwie unterkühlt wirkt. Ich bevorzuge da wirklich „The Ladder", wo mehr live gespielt wird.

Yes sind natürlich gerade wegen ihrer komplexen Prog-Songs berühmt. Euren größten kommerziellen Erfolg hatten ihr aber mit dem mainstreamigen „Owner Of A Lonely Heart" - stört dich das?

Ich bin damit ehrlich gesagt nicht so ganz einverstanden, daß dieser Song so untypisch für Yes sein soll. Wenn etwas vor allem für Yes typisch ist, dann gerade die Fähigkeit, unterschiedlichstes Material zu spielen. Das ist genau das, was uns am Leben erhält. Dadurch bleibt unser Interesse an der Musik bestehen. Veränderungen gehören nun mal zu Yes dazu. Ich mag diese Abwechslung.

Woher kommt es eigentlich, daß ihr gerade in den letzten Jahren wieder so ungeheuer produktiv seid?

In den Achtzigern haben wir sehr viel Zeit gebraucht, um ein Album fertigzustellen. Es lief alles ziemlich langsam, die Pausen zwischen den Platten waren sehr groß. Wir haben uns ein wenig zu sehr zurückgelehnt. Jetzt wollen wir wieder intensiver arbeiten, einfach die Sache permanent am Laufen halten.

Es gab ja zwischenzeitlich Gerüchte bezüglich einer Tour gemeinsam mit ELP?

Wir würden gerne mit ELP arbeiten, aber als wir darüber nachdachten, war es leider schon zu spät, um kurzfristig etwas organisieren zu können. Die Pläne sind nicht ganz aus der Welt, aber auf der kommenden Tour wird es wohl nicht klappen. Jedenfalls ist das mein jetziger Wissensstand.

In diesem Fall ist aufgeschoben hoffentlich nicht aufgehoben.


© 10/1999 Renald Mienert
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