Alan Case: Pop für Erwachsene

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Alan Case wurde ja für sein Album "Dark Matter" in der Szene reichlich abgefeiert - und das völlig zurecht. Dabei hat sein Album mit Progressive Rock eigentlich fast gar nichts zu tun, aber offensichtlich schauen immer mehr Progger über den Tellerrand - und werden fündig.

Du bist gelernter Physiker - ist das nützlich, wenn man Musik macht?

Ich glaube, ein Physiker zu werden, hat eine tiefe Wirkung auf mich - sowohl was das Leben generell, als auch die Musik speziell betrifft. Meiner Meinung nach gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Naturwissenschaften und der Musik. In beiden Gebieten benötigt man die gleiche Art von Kreativität um erfolgreich zu sein. Natürlich könnte man jetzt argumentieren, daß man zu Zeiten von Bach noch nicht soviel von moderner Physik wußte und dennoch hat man Meisterwerke der Musik geschaffen, aber ich bin überzeugt, daß ein großer Geist auch immer eine spezielle Beziehung zur Natur hat. Sie verstehen die Gesetze der Natur ohne sie in ihren Details zu kennen.

Ist es nicht ein sonderbares Gefühl, wenn die eigene Musik zunächst in Japan erscheint, weil man in der Heimat offensichtlich kein Interesse zeigt?

Zunächst einmal war ich sehr froh, daß mir mein japanisches Label Marquee überhaupt die Möglichkeit gab, das Album zu veröffentlichen. Aber es war schon frustrierend, wenn der eigene Aktionsradius sozusagen eingeschränkt ist auf ein Land am anderen Ende der Welt. Außerdem ist bei einer solchen Entfernung sehr schwierig, alle relevanten Dinge im Griff zu behalten, trotz des gewissen exotischen Touches eine Japan - Deals. Aber bei mir entstand schon der Wunsch, meine nächste Platte zumindest in der Nähe meiner Heimat zu veröffentlichen, was ja nun auch geklappt hat.

Aber eine "neue" Platte im klassischen Sinne ist es ja nicht geworden...

Es gibt bedeutende Unterschiede zwischen "Dark Matter" und "Wide Awake", und es lag mir fern, irgendwelche Verwirrung heraufzubeschwören. Fast das gesamte Material auf "Dark Matter" wurde in der einen oder anderen Form verändert oder ergänzt, außerdem gibt es drei neue Songs. Für mich ist es vielmehr tatsächlich ein neues Album, was auch den neuen Titel rechtfertigt. Nebenbei, "eigentlich sollte auch das japanische Album schon "Dark Matter" heißen, aber die Leute dort zogen "Wide Awake" vor.

Du hast zwar viele Anhänger in der Prog-Szene, aber typischen Prog spielst du nicht. Was also machst du?

Die Frage ist für mich schwer zu beantworten. Bee & Bee Records, mein neue Plattenfirma, beschreiben meine Musik als Synthese auch Pop, Rock und Symphonic Rock. Ich denke, das trifft es ganz gut, obwohl es natürlich auch nicht als endgültige Beschreibung gelten kann. Es ist immer schwierig, Musik in Worte zu fassen. Musik ist wie eine eigene Sprache, eine Sprache, die meiner Meinung nach die direkteste Form der Kommunikation darstellt, die man sich vorstellen kann. Vielleicht ist es ja am einfachsten, zur Beschreibung auf andere Künstler zu verweisen, auf Leute wie Kansas, Styx, Gentle Giant, Kayak, Magellan. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.....

Du arbeitest auf dem Album mit fünf Sängern. Glaubst du wirklich, daß sich die Stücke auf dem Album so unterscheiden, daß dieser Aufwand gerechtfertigt ist?

Genau genommen sind des sogar sechs, ich selbst singe ja auch. Auch wenn es eine gemeinsame Basis meiner Songs gibt, was die verwendeten musikalischen Mittel betrifft, an der Oberfläche sind die Stücke völlig unterschiedlich - das rechtfertigt die verschiedenen Sänger. Leute wie Alan Parsons oder Ayreon arbeiten auch so, und für mich ist daran nichts unnormales. Ich schließe allerdings nicht aus, daß ich zukünftig eine andere musikalische Richtung einschlage und ich auch mit den Lead Vocals anders umgehe.

Das Album hat zwar ein sehr professionelles Artwork, ein Booklet mit den Texten allerdings gibt es nicht...

Ich bin sehr zufrieden, was das Artwork angeht. Es ist nicht so sehr auf die Person des Künstlers fokussiert, sondern mehr auf die Musik. Und genau so sollte es auch sein. Grundlage war ein Gemälde von Katelijne van Oudenaarde, das durch die Musik dieses Albums inspiriert wurde. Das Gemälde ist übrigens auf der Rückseite des Booklets abgebildet. Dolores Bremer, die zu den führenden Köpfe bei Bee & Bee Records gehört und ebenfalls Musikerin ist, hat es dann weiter bearbeitet und sich um das komplette Design und Layout gekümmert. Unterm Strich spiegelt das Artwork genau die Atmosphäre wieder, die ich mit meiner Musik darstellen möchte. Und was die Texte angeht, so vermisse ich sie natürlich auch im Booklet. Ich habe Wochen gebraucht, bis ich den richtigen Text für die jeweiligen Trax zusammen hatte. Ein schwacher Text ist tödlich für die Wirkung eines Songs. Auch wenn ich in erster Linie Musiker bin, lege ich dennoch großen Wert darauf, daß Musik, Text und Artwork eine Einheit bilden. Daß die Texte fehlen liegt einfach daran, daß bei fünfzehn Songs soviel Text vorhanden ist, daß ein normales Booklet einfach zu dick geworden wäre, um es einigermaßen bequem in die Hülle zu bekommen. Wir hätten das komplette Design der CD ändern müssen - aber wer auf die Lyrics wert legt, kann sie bei der Plattenfirma anfordern oder auf meiner Webseite nachlesen; www.geocities.com/alan-case.

Wir haben ja schon mehrmals dein neues Label erwähnt - nicht gerade ein Major. Wie kamt ihr zusammen?

Genau genommen kamen sie auf mich zu, und so klein ist es gar nicht - und es wächst ziemlich schnell. Sie haben einiges bewirkt, betrachtet man die Medienpräsenz, die sie für dieses Projekt erreicht haben - immerhin in TV, Radio und Presse. Außerdem sind sie mittlerweile der größte Vertrieb in Holland für diese Art von Musik. Sie wurden durch diverse Reviews für "Wide Awake" auf mich aufmerksam, auch wenn das Album hier so gut wie nicht zu kriegen war. Das Label macht einen sehr positiven Eindruck auf mich, und ich bin zuversichtlich, daß es die richtige Entscheidung war, hier zu signen.

"Fast Asleep" fällt verglichen mit den anderen Songs auf dem Album ein wenig aus dem Rahmen. Ein Longtrack, der aus meiner Sicht einige Parallelen zu Arena aufweist...

Ich muß dir hier widersprechen. Wie ich schon sagte, haben unter der Oberfläche alle meine Songs einen gemeinsamen Nenner. Natürlich hat jeder Titel seine eigene spezielle Qualität, und tatsächlich könnte man sagen, daß "Fast Asleep" von allen Songs die stärksten symphonischen Elemente enthält. Aber diese Elemente sind genauso in anderen Songs vorhanden, zum Beispiel in "I Don't Need a Lover", "Nighteye", "Celebrate Your Life" und "Wide Awake", ich glaube also nicht, daß "Fast Asleep" aus dem Rahmen fällt. Ich gebe dir übrigens recht, was die Ähnlichkeiten mit Arena angeht - allerdings sieht die Sache genau anders herum aus, weil "Fast Asleep" bereits 1995 noch vor dem ersten Arena - Album veröffentlicht wurde.

Woher nimmst du deine Inspiration?

Auch diese Frage ist schwer zu beantworten. Dieser Begriff ist sehr schwer faßbar. Natürlich beeinflussen mich Komponisten wie Bach, Ravel, Lennon/McCartney, Kerry Livgren und zahlreiche andere. Aber wenn du selbst komponierst, dann muß aus all diesen Einflüssen etwas eigenständiges entstehen. Dieser Prozess ist wahrscheinlich geprägt durch persönliche Erfahrungen, Ereignisse (nicht zwangsläufig selbst erlebte), Menschen oder Phänomene - alles Dinge, die einen bleibenden Eindruck im Bewußtsein hinterlassen. In diesem Sinne sind auch die Ehrfurcht vor der Natur und die unfaßbare Vielfalt der Existenz eine Quelle der Inspiration für mich.

Was war das wichtigste Ereignis in deiner Karriere bisher und wie geht es weiter?

Was den ersten Teil der Frage angeht, solltest du mich das auf dem Sterbebett fragen. Ich hoffe, ich würde dann antworten, der Tag, als ich bei den Deal bei Bee & Bee unterzeichnet habe. Es ist wohl für eine solche Frage noch ein wenig zu früh. Aus künstlerischer Sicht würde ich gegenwärtig meine Suite für Streichorchester nennen, auch wenn diese noch nie aufgeführt wurde. Und Teil zwei, ich erwähnte ja schon auf deine Frage nach den unterschiedlichen Sängern, daß sich hier vielleicht etwas tun wird. Ich glaube nicht, daß Veränderungen im Stil etwas bewußtes, absichtliches sind. In jedem Bereich des Lebens ist man permanenten Änderungen unterworfen, entwickelt sich weiter - jedenfalls sollte es so sein. Das alles hat eine unvermeidbare Wirkung auf die künstlerischen Ergebnisse, aber ich sehe das mehr als eine natürliche, stufenweise Entwicklung als einen plötzlichen Sprung in eine entgegengesetzte Richtung. Ich kümmere mich nicht um Trends, auch wenn ich dafür in Kauf nehmen muß, mein Leben lang weitestgehend unbekannt zu bleiben. Ich hoffe, ich kann immer mit gutem Gewissen mein Spiegelbild betrachten und komme nie in die Situation, mit meiner Vergangenheit nichts mehr zu tun haben zu wollen, so wie Peter Gabriel, der seine Zeit mit Genesis als "gesunden Teil des Aufwachsens" bezeichnet und der dadurch jeden, der die alten Genesis mag, als einen Idioten darstellt. Ich habe einige künstlerische Ziele, zum Beispiel das Schreiben einiger klassischer Stücke, wie die bereits erwähnte Arbeit für Streicher.

Bleibt aber zu hoffen, daß auch der Pop - und Rocksektor dabei nicht zu kurz kommt.


© 03/2000 Renald Mienert
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