Ayreon: Grüsse vom Urknall

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Die Prog-Szene im kollektiven Freudentaumel: Nach Transatlantic schafft auch Ayreon den Charteinstieg - und gleich mit beiden Alben um den "Universal Migrator". Renald Mienert unterhielt sich mit dem holländischen Alleskönner Arjen Anthony Lucassen.

Auf dir muss doch nach dem Erfolg von "Into The Electric Castle" ein enormer Druck gelegen haben?

Nach Electric Castle haben viele Leute zu mir gesagt, ein Album wie "Electric Castle" kannst du nicht mehr toppen. Aber solche Aussagen stacheln mich erst recht an, und ich denke, natürlich kann ich! Druck wirkt auf mich da immer eher positiv. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mit jedem Album besser werde. Ich sehe das schon daran, dass ich für die Arbeit einfach weniger Zeit brauche. Viele Dinge fallen mir immer leichter - komponieren, texten, aber es wird auch immer problemloser große Namen zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Die Geschichte, die du in den beiden neuen Alben erzählst, ist ja genau genommen eine Fortsetzung deines ersten Albums "The Final Experiment".

Zunächst dachte ich daran, ein klassisches Sequel zu "The Final Experiment" zu machen. Eine CD sollte die Geschichte weitererzählen, für den Fall das Experiment gelingt, die zweite für den Fall eines Fehlschlages. Die Sache erwies sich aber als zu schwierig, außerdem bestand die Gefahr, ins Moralisieren zu geraten. Und Ayreon soll dem Hörer ganz bewußt die Möglichkeit geben, abzuschalten, ich will keine moralischen Statements geben. Außerdem stand ich vor der Frage, was passiert, wenn das Experiment gelingt? Eine Welt ohne Kriege? Ich glaube, wir haben alle diese aggressiven Triebe in uns. Ich habe lange über dieses Konzept nachgedacht, es dann aber verworfen. Dann kam mir die Idee, nicht wie bei "Electric Castle" die Personen gemeinsam durch eine Handlung zu führen, sondern jeden Sänger nur ein Lied singen zu lassen. Aber wie sollte man so eine Geschichte erzählen? Die ausschlaggebende Idee hatte ich dann beim Joggen. Was wäre, wenn man seinen Helden in Hypnose versetzt und ihn so Stationen seines Lebens erneut durchleben lässt, aber auch mehr, sogar seine früheren Leben. Und in diesen kann er ja sogar eine Frau gewesen sein. Das war der Anfang der Geschichte. Ich liebe ja den Einsatz von Space-Effekten auf meinen Alben, da wäre es schön, die Story nicht auf der Erde spielen zu lassen. Wir sind heute schon technisch so weit, zum Mars zu fliegen, also verlegte ich die Handlung dorthin. Und dann hatte ich doch die Verbindung zu "The Final Experiment". Das Experiment ist gescheitert. Im Jahr 2084 ist das Leben auf der Erde vernichtet, nur die Kolonisten auf dem Mars haben überlebt, aber da es mit der Versorgung durch die Erde nun nicht mehr klappt, ist auch hier mittlerweile bis auf einen jeder gestorben. Mit dem Integrieren der früheren Leben bewegte ich mich zeitlich immer weiter zurück, und als ich im Mittelalter landete kam mir dann die Idee, warum kann nicht Ayreon selbst eine der Inkarnationen unseres Helden sein? Auf dem zweiten Album gibt es übrigens auch eine Verbindung zu "Electric Castle" Als der Held aus dem Weißen Loch austritt, kommt er in die Andromeda-Galaxis und findet dort einen bewohnten Planeten und dort lebt diese übermächtige Intelligenz "After Forever" aus dem letzten Doppelalbum. Ich liebe diese Verknüpfungen, auch wenn sie nicht von vornherein geplant sind.

Stand für dich von vornherein fest, wieder mit verschiedenen Sängern zu arbeiten?

Unbedingt! Ich glaube, meine Lieder haben eine so unterschiedliche Atmosphäre, dass es sich förmlich anbietet, jeden Song von einem anderen Künstler singen zu lassen. Natürlich ist es auch gut für die Promotion. Du wirst ernst genommen, die Leute sehen, da ist Fish dabei, dass muss das ja gut sein. Oder jetzt eben Neal Morse oder Bruce Dickinson. Aber das heisst nicht, dass ich die Sänger nur aus kommerziellen Aspekten auswähle, in erster Linie muß seine Stimme zu dem Song passen.

Aber die Rolle des Ayreon hast du doch sicher für dich selbst reserviert?

Nein! Ayreon sollte ursprünglich von Angelo Branduardi gesungen werden, dem italienischen Liedermacher. Ich habe ihn mal im Rockpalast gesehen, und fand ihn großartig, Es hat dann aber aus Termingründen nicht geklappt. Es gab ja ohnehin von allen Songs zunächst Versionen, die ich eingesungen hatte. Und was genau diesen Song anging, hatte ich aber dann auch sofort ein so gutes Gefühl dabei, ihn selbst zu singen. Dabei ist es dann auch geblieben , zumal es auch noch der Part war, der Ayreon direkt betraf. Mittlerweile bin ich ziemlich stolz darauf, zumal es eines der ersten Male ist, dass ich meine Stimme nicht durch Effekte verfremde.

Natürlich interessieren sich besonders die Metaller für die Zusammenarbeit mit Bruce Dickinson...

Es gibt Beziehungen zwischen meinem Management und dem von Bruce Dickinson. So erhielt Bruce zunächst eine CD von "The Electric Castle" mit einem Brief von mir, der die Bitte enthielt, ihn auf dem neuen Album dabei zu haben. Ich habe natürlich gedacht, davon hörst du nie wieder was. Aber es stellte sich raus, dass Bruce das Album liebte. Er ist überhaupt ein ziemlicher Prog-Fan und sagte, er würde es gerne machen. Das Problem war dann nur, Bruce in mein Studio zu kriegen. Bruce ist generell sehr beschäftigt und als ich dann noch von der Maiden-Reunion hörte, dachte ich, jetzt kann ich es doch vergessen. Ich habe schließlich ein Jahr gebraucht, aber es war generell recht langwierig, bis ich die Sänger komplett hatte - vom ersten Kontakt bis hin zu dem Augenblick, in dem ich sie in meinem Studio hatte. Mal sind sie auf Tour, dann reagiert plötzlich keiner mehr und so weiter. Ich mußte jede Menge organisieren, bis hin zu Flugtickets. Aber wenn die Leute dann bei mir am Mikro stehen, dann ist das so ein tolles Gefühl! Zum Beispiel Neal Morse, der Mann ist so ein Talent. Damian Wilson, wow!

Du hast schon Neal Morse erwähnt, er hat Transatlantic ja ziemlich dominiert...

Neal ist einfach so gut, dass man das Gefühl hat, er muss überhaupt nicht arbeiten, alles ist einfach so in seinem Kopf. Da ist es wohl ganz normal, dass er eine Szene dominiert. Bei mir war der Song aber schon fertig komponiert, und daran hat er such auch gehalten. Nur beim Text hat er gesagt, jetzt habe ich in den ersten beiden Strophen gesungen was du willst, jetzt singe ich, was ich will. Natürlich habe ich ihn gelassen.

Hast du dich eigentlich speziell für Teil 2 besonders mit den dort auftretenden physikalischen Phänomenen beschäftigt?

Wenn man so etwas macht, dann muss es auch vom Inhalt her perfekt sein, auch was die astro-physikalischen Aspekte angeht. Es war für mich allerdings nie ein Problem, denn ich habe mich schon immer für diese Dinge interessiert.

Es ist doch eigentlich eine ziemlich einfache Methode, ein Album abwechslungsreich zu gestalten, indem man einfach softe und härtere Songs verwendet. Genau diese Möglichkeit hast du dir ja verbaut. Da besteht doch die Gefahr, einen Langweiler zu verzapfen!

Von Anfang an gingen meine größten Befürchtungen in diese Richtungen. Wie kann man es schaffen, eine ruhige Platte zu machen, dass die Leute nicht nach einer halben Stunde einschlafen? Oder eine heavy Scheibe, ohne dass die Leute nach einer halben Stunde gelangweilt sind? Ich habe mir dann "Wish You Were Here" angehört, eine ruhige Scheibe von Anfang bis Ende und nie langweilig. Es musste also gehen! Es war eine riesige Herausforderung, und ob es gelungen ist, müssen die Hörer entscheiden.

Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die nur das eine oder das andere Album des Universal Migrators zu kaufen. Hättest du nicht von vornherein ein Doppel-Album machen können?

Ich bekomme wirklich zahlreiche Mails, da schreiben mir die einen: Wir lieben die ruhigen - symphonischen Trax, aber wir hassen die harten Gitarren. Aber gut, wir kaufen deine Alben trotzdem. Die anderen sagen, die harten Sachen sind geil, aber vergiss doch dieses Prog-Zeug. Also habe ich es dieses Mal getrennt. "Electric Castle" war eine Doppel-CD und als solche vom Preis her recht günstig. Aber der Aufwand ist natürlich der gleiche, wie bei zwei normalen Alben. Es hat sich unterm Strich rentiert, da sich die CD gut verkaufte, aber wir haben nicht so viel daran verdient. Aber dieses finanzielle Wagnis wollte ich nicht ein zweites Mal eingehen. So nebenbei werde ich jetzt auch noch erfahren, wo meine Fans anzusiedeln sind, eher im Prog oder eher im Heavy - Lager. Es wird auch Fans geben, von mir aus speziell von Maiden, die kaufen sich die harte Scheibe wegen Bruce. Und vielleicht werden sie dadurch auch auf die andere aufmerksam. Und vielleicht gefällt sie dem einen oder anderen ja sogar. Obwohl natürlich ein wirklicher Metal-Head sich schwer damit tut, sowas zuzugeben. Bei Transatlantic ist es ja vermutlich aus so gelaufen, dass sich viele das Teil vor allem wegen dem Dream Theater-Drummer gekauft haben und so vielleicht auch Gefallen am Prog gefunden haben. Echte Ayreon-Fans werden natürlich beide Alben kaufen, aber ich schätze, dass die Metal-Scheibe sich insgesamt besser verkaufen wird, die Szene ist einfach größer, die Fans sind leichter zu erreichen. Es gibt vermutlich Hunderttausende Floyd-Fans, die wissen, wenn eine neue Floyd-Scheibe auf den Markt kommt, aber die wissen nichts von Ayreon.

Wer ist denn dieser Gjalt, den du angeblich in den Credits von Teil 1 nicht erwähnst, aber dafür in Teil 2 - dort steht es dann aber genau anders herum...

Das ist mein Bruder! Wir haben uns als Kind immer gestritten, hassten uns regelrecht. Er liebte eine völlig andere Musik, dann war ich bei Vengeance, und er sagte, Rock'nRoll Shower - wie blöd! Und dann habe ich die erste Ayreon-Platte gemacht und das hat ihm gefallen und mittlerweile ist er richtig stolz auf das was ich mache. Allerdings ist es bei mir zu einer Regel geworden, ihn im Booklet zu veralbern. Wahrscheinlich ist er immer noch damit beschäftigt, von den Credits des einen Albums in die des zweitens zu schauen.....

Was ist eigentlich aus dem Projekt geworden, einen Film zu "The Final Experiment" zu machen?

Ich habe mittlerweile einen Vertrag unterschrieben. Boris Vallejo wird die Zeichnungen entwerfen, alles wird dann computeranimiert. Die Produktion wird Tschechien stattfinden, weil die Kosten dort wesentlich geringer sind als zum Beispiel in Hollywood. Aber es wird wohl mindestens zwei Jahre dauern.

Solange werden wir auf ein neues Album hoffentlich nicht warten müssen.


© 08/2000 Renald Mienert
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