Camel: Auf dem Wüstentrip - oder die Karawane zieht weiter

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Im Progressive Rock Sektor kann man das Jahr 1999 wohl als das Jahr der alten Männer bezeichnen. Als ob sie gerade jetzt demonstrieren wollten, daß sie noch immer ein gewichtiges Wort in der Szene mitzureden haben, veröffentlichten viele Bands, die schon seit mehreren Jahrzehnten aktiv sind, neue Album - Yes, Jethro Tull oder Saga. Und was um so erfreulicher ist: In jedem Fall war das Ergebnis absolut hörenswert. Das gilt auch - und vielleicht sogar besonders - für Camel.

Renald Mienert unterhielt sich mit Andrew Latimer über die (nicht immer) gute alte Zeit und natürlich über das neue Studioalbum „Rajaz"


Camel wurden bereits Anfang der Siebziger Jahre gegründet. In den ersten Jahren der Bandgeschichte wurde der Sound vor allem durch Andrew Latimer und Peter Bardens bestimmt, der zuvor immerhin mit „Them" gearbeitet hatte. So entstanden nach dem noch wenig beachteten Debüt „CAMEL" (1973) Alben wie „MIRAGE (1974), „THE SNOW GOOSE" (1975) oder MOONMADNESS (1976) und RAIN DANCES (1977). Mit dem Album „BREATHLESS" (1978) kam es dann zur Trennung zwischen Latimer und Bardens, allerdings sind beide auch heute noch eng befreundet.
Peter lebt heute in Malibu, 600 Meilen von mir entfernt. Wir sprechen sehr regelmäßig miteinander und haben über all die Jahre den Kontakt nicht verloren.

Nach dieser Trennung wurde Andrew Latimer endgültig zum Kopf der Band, wobei gelegentlich sogar von teilweise diktotorischen Zügen gesprochen wurde.

Ich liebe solche Äußerungen. Nun, ich würde mich selbst natürlich nicht unbedingt als einen Diktator bezeichnen. Ich habe mit sehr vielen Musikern gearbeitet, seit sich die Originalbesetzung veränderte und ich habe natürlich einen besonderen Standpunkt, eine besondere Vision von dem, was Camel ausmachen sollte. Diese Vorstellung habe ich bereits seit es Camel gibt. Aber ich habe die beteiligten Künstler auch immer ermutigt, sich am Songwriting zu beteiligen, ihre eigenen Ideen einzubringen. Ich glaube, man braucht in jeder Band aber auch eine Person, die die Fäden in der Hand behält, jemand, der die Richtung vorgibt, sonst wird die Musik irgendwie orientierungslos. Das hat nichts damit zu tun, das die eine Meinung richtiger als die andere sein muß. Wichtig ist natürlich, daß die anderen diese Visionen mittragen, daß man den Weg gemeinsam geht.

Dieser gemeinsame Weg führte bei Camel häufig zu Konzeptalben, wobei diese wiederum häufig literarische Vorlagen umsetzten. So basierte bereits „THE SNOW GOOSE" auf einem Roman von Paul Gallico und „DUST AND DREAMS" auf John Steinbeck's "The Grapes of Wrath"
Es muß zwar nicht immer ein Konzeptalbum sein, aber ich liebe es schon, meine Musik nach einer Story, nach einem roten Faden zu schreiben. Du weißt, wo die Geschichte anfängt und wo du schließlich ankommen mußt. Für mich ist es oftmals einfacher zu schreiben, wenn ich eine solche inhaltliche Vorgabe habe. Du schaust dir die Personen an, die in den Geschichten vorkommen und überlegst dann, welche Musik könnte zu welchem Charakter passen.

Betrachtet man die Discographie Camels, so kommen sogar hartgesottene Fans nicht darum herum, von einigen Ausrutschern zu sprechen. Am schlechtesten kommt in der Regel ausgerechnet das Studioalbum weg, das zum zehnten Geburtstag der Band auf den Markt kam: „THE SINGLE FAKTOR".
Wahrscheinlich haben diese Leute recht. Es war damals eine sehr schwere Zeit für mich. Mit unserem Drummer Andy hatte damals das letzte der Gründungsmitglieder die Band verlassen, ich allein war von den ursprünglichen Camel übrig geblieben. Ich war natürlich sehr desillusioniert. Ich ging zur Plattenfirma und zum Management und sagte: So, das war's, es macht keinen Sinn mehr, die Band Camel als solche noch weiter existieren zu lassen. Aber sie haben gesagt: „Du bist sowieso der Kopf der Band, du hast den Hauptanteil am Songwriting und du hast einen Vetrag. Wir wollen ein neues Album." Ich habe es dann gemacht, aber den Songs fehlte die Orientierung. Ich denke es gibt auf „The Single Faktor" auch gelungene Passagen, aber in ihrer Ganzheit funktionierten das Album nicht besonders. Und das haben die Fans natürlich gemerkt. Natürlich ist es schwer für mich, ein Urteil über meine eigene Arbeit zu fällen, denn ich mag natürlich irgendwie alles, was ich mal gemacht habe. Meine Alben sind so etwas wie Kinder für mich.

Und es kann auch noch schlechter kommen, als nur ein mittelprächtiges Album produziert zu haben. Ab Mitte der Achtziger gab es von Camel praktisch überhaupt kein Lebenszeichen, was dazu führte, daß viele schon meinten, die Band hätte sich aufgelöst.
Aufgelöst hatten wir uns nicht, es war mehr eine Zeit ohne nennenswerte Aktivitäten von uns. Aber du sprichst wieder eine sehr komplizierte Phase in unserer Geschichte an. Wir hatten eine ziemlich üble Tour hinter uns, denn Andy, unser Drummer, hatte damals eine wirklich schreckliche Zeit und das hat sich auf die gesamte Band ausgewirkt. Dann gab es einen Rechtsstreit mit dem ehemaligen Manager Geoff Jukes, der vorwiegend mich betraf, weil ich das einzige Gründungsmitglied der Band war. Auch das hat mich ziemlich ausgepowert. Dieser Rechtsstreit hat mich ein Jahr gekostet und ich habe wirklich daran gedacht, komplett mit dem Musik machen aufzuhören. Aber ich konnte nicht aufhören.

Zum Glück für die Fans. Statt dessen entschloß er sich zu einem wirklich radikalen Schritt - 1988 zog er nach Kalifornien, wo er später sein eigenes Label „Camel Productions" gründete.
Ich hatte „Dust And Dreams" schon geschrieben, und auch wenn ich mit der zweiten Hälfte des Albums nicht ganz so glücklich war, versuchte ich in England einen Plattenvertrag zu bekommen. Ich nahm mit verschiedenen Labels Kontakt auf, bekam aber immer das gleiche zu hören: „Du bist viel zu alt und mit dieser Art von Musik kriegst du nie mehr irgendwo einen Deal." Ich sagte „Vielen Dank" und stand wieder vor der Frage, mache ich weiter oder werfe ich die Flinte ins Korn. Ich verkaufte mein Haus und ging nach Amerika. Ich glaubte irgendwie, dort hätte man einfach mehr Möglichkeiten. AIso überarbeitete ich die zweite Hälfte des Albums, investierte viel Geld in das Studio und so entstand die Platte, obwohl viele Leute sagten, ihr seid zu lange aus dem Geschäft, euch will keiner mehr hören. Aber ich glaubte diesen Stimmen nicht. Ich war sicher, die Fans hatten uns nicht vergessen, sie waren immer noch irgendwo da draußen und warteten. Und erfreulicherweise kam das Album wirklich gut an und wir hatten die Möglichkeit mit Camel Production unser eigenes unabhängiges Label zu etablieren. Aus heutiger Sicht, war das eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Es ist einfach für mich viel günstiger, mein eigenes Label zu haben. Ich bin so völlig alleine für meine Karriere verantwortlich, ohne mich um die Interessen irgendeiner Plattenfirma zu kümmern. Es ist ein furchtbarer Druck, wenn jemand kommt und von dir verlangt, eine Single zu schreiben. Viele Künstler haben geniale Visionen, und scheitern an der Umsetzung oft wegen der Plattenfirmen.

Wobei einem nicht nur Plattenfirmen oder Manger das Leben schwer machen können. Manchmal tut es auch schon ein ganz normales Erdbeben, aber selbst das konnte das Erscheinen des bereits zuvor erwähnten Albums „DUST AND DREAMS" im Jahre 1991 nicht verhindern.
Das Erdbeben war eine sehr erschreckende Erfahrung für mich. Es ist schon ein beängstigendes Erlebnis, wenn du mit eigenen Augen siehst, wie sich die Erde plötzlich bewegt, wie du es eigentlich nur vom Ozean kennst. Was die Romanvorlage betrifft, das Buch von John Steinbeck hat mich sehr berührt, weil ich mich in der Geschichte auf eine gewisse Weise selbst wiedergefunden habe. Es ist die Geschichte von Leuten, die von Oklahoma nach Kalifornien ziehen. Sie glauben, dort ein besseres Leben und ihre Freiheit zu finden, und so ähnlich ging es mir damals auch. Genau wie die Helden in dem Buch hatten auch wir damals Probleme über Probleme, aber wenn man diese Probleme löst, ist man schließlich stärker als zuvor.

Ob Camel heute nun lediglich zu alter Stärke zurückgefunden haben, oder stärker sind als jemals zuvor, muß jeder selbst entscheiden. Nach dem Studioalben „HARBOUR OF TEARS" (1996) und dem Veröffentlichen diverser Livemitschnitte über Camel Productions gibt es nun mit „RAJAZ" auch wieder ein neues Studioalum.
Ich habe den Begriff „Rajaz" in einem Buch über Weltmusik gefunden, ein Buch, das mir unser Bassist Colin gab. Als die Araber mit ihren Karawanen die Wüsten durchquerten, sangen sie Lieder, die auf dem Rhythmus der Schritte der Kamele beruhten. Das half ihnen, das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Das jedenfalls sagt die Legende. Ich fand den Gedanken wundervoll: Der Rhythmus der Kamele hilft den Menschen, ihr Ziel zu erreichen. „Rajaz" ist aber kein klassisches Konzeptalbum geworden. Man betrachtet es besser als eine Sammlung von Short Stories. In dem Album findet man dann auch viele dieser arabischen Einflüsse. Aber das ist etwas, das Camel schon immer gemacht haben - unterschiedlichste Elemente in ihrer eigenen Art interpretieren.

Waren die Releases von Camel Productions bisher mangels eines deutschen Vertriebes nur über diverse Mailorderkanäle erhältlich, hat man mit Inside Out für „Rajaz" auch wieder einen zugkräftigen Partner gefunden.
Ich glaube, es ist sehr wichtig, daß auch die Leute in Deutschland wieder in die Läden gehen können und die neue Camel-Scheibe dort stehen sehen. Es ist natürlich für ein kleines Label schwierig, einen weltweiten Vertrieb zu organisieren. Wir haben viel Post von Fans aus Deutschland bekommen, die sich darüber geärgert haben, daß sie unsere neuen Alben nicht kaufen konnten. Wir können das aber nur mit dem Material machen, für das die Rechte bei uns liegen, nicht für die Alben, die bei DECCA veröffentlicht wurden. Aber auch das mag sich irgendwann ändern. Ich bin generell optimistisch, was unsere Musik angeht! Ich glaube, es ist für die ganze Szene besser geworden. Allein der Fakt, daß einige der Band es geschafft haben auch außerhalb der Szene populär sind, spricht dafür.

Und solange Bands wie Camel solche Musik machen, sollte es auch weiter bergauf gehen.

Camel - Discographie (Auswahl ohne diverse Compilations und Live-Alben)

CAMEL (1973)
MIRAGE (1974)
THE SNOW GOOSE (1975)
MOONMADNESS (1976)
RAIN DANCES (1977)
A LIVE RECORD (1978 - Live)
BREATHLESS (1978)
I CAN SEE YOUR HOUSE FROM HERE (1979)
NUDE (1981)
THE SINGLE FACTOR (1982)
STATIONARY TRAVELLER (1984)
DUST & DREAMS (1991)
HARBOUR OF TEARS (1996)
RAJAZ (1999)


© 02/2000 Renald Mienert
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