Chroma Key: Keinen Bock auf Metal

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Kevin Moore, Ex-Keyboarder im Traumtheater, hat gerade mit "You Go Now" das zweite Album seines eigenen Projektes CHROMA KEY veröffentlicht. Dabei setzt er den auf "Dead Air For Radios" eingeschlagenen Weg konsequent fort. Manche Metaller mögen schluchzen, aber eigentlich war nix anderes zu erwarten. Renald Mienert fragte nach.

Hattest du beim Debüt nicht Bammel, dass die Metal-Fans das Album nicht akzeptieren würden?

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass es mehr Kritik aus dem Lager der Metal - und Dream Theater Fans geben würde. Die meisten Interviews, die ich damals gab, waren für Metal-Magazine oder Metal-Radioshows, was natürlich auch daran lag, dass Massacre zunächst einmal ein Metal-Label ist. Aber die Reaktionen waren ziemlich gut. Und was die Dream Theater - Fans angeht, so haben sie vielleicht schon durch den letzten Song, den ich für Dream Theater auf "Awake" geschrieben habe, geahnt, in welche Richtung ich mich mit Chroma Key musikalisch bewegen werde.

Man kann ja fast auf den Gedanken kommen, dass du über Jahre hinweg eine Mucke gemacht hast, die dir eigentlich gar nicht lag.

Ich habe einfach das Interesse an der Metal-Musik verloren, sie hat mir nichts neues mehr gebracht. Es waren immerhin acht Jahre. Und die Musik die ich dann bevorzugt hörte und auch komponierte hatte nichts mehr mit Metal zu tun. Ich wollte auch weg von diesen ausgefeilten Instrumentalpassagen, mit denen man das Publikum beeindruckt, und mehr noch, besonders Musikerkollegen. Mir geht es darum, eine bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre zu erzeugen. Ich denke meine Haupteinflüsse sind Peter Gabriel und Roger Waters, besonders wie er Effekte und Samples einsetzt, ich mag auch Laurie Andersen.

Und das ist dir auf jeden Fall gelungen. Was zeichnet "You Go Now" aus?

Das neue Album ist noch elektronischer als das Debüt, ich arbeite mit weniger Musikanten zusammen, alle Drums sind programmiert und ich spiele auch Bass. Es ist mehr eine Zusammenarbeit zwischen mir und dem Co-Produzenten Steve Tushar. Er hat auch schon am Debüt mitgewirkt, aber ist diesmal noch stärker involviert und war auch als Co-Writer bei einigen Songs dabei. Seine Mitwirkung hat aus meiner Sicht auch ein Einfluss auf den Sound.

Kannst du ein paar Worte zu dem Gitarristen David Iscove sagen, der als Gastmusiker auf dem Album zu hören ist?

Ich habe David über Steve kennengelernt. Er ist noch sehr jung und spielt in einer Band, mit der er gerade auf der Suche nach einem Deal ist. Mir hat sein Stil gefallen und so kam er zu dem Job. Gitarre ist eines der Instrumente, die ich nicht spielen kann, Bass ja, aber Gitarre nicht.

Und wie ist das eigentlich mit den weiblichen Vocals, die auf "When Yo Drive" zu hören sind?

Alle Samples auf diesem Song stammen von einem Tape. Ich habe mal im Radio eine Sendung gehört, in der es um Meditationsmöglichkeiten ging. Zwischen den gesprochenen Worten ist auf diesem Tape eben auch diese Frau zu hören, die a capella singt. Ich habe die Stimme dann elektronisch verfremdet, aber es sieht immer noch so aus, als sei es ein Vocal-Track, in Wahrheit ist es jedoch ein rein instrumentaler Song.

Nicht nur deine Musik ist ungewöhnlich, auch das Artwork, ich meine speziell dieses Foto....

Auf dem Album ist ja ein Song "Astronaut Down". Und im Studio hing dieses Bild mit dem Astronauten. Das passt ja prima, habe ich gedacht, und so kam das Foto auf das Cover. Das ist schon ein sonderbares Bild: Der Astronaut mit dem Helm und irgend jemand justiert wahrscheinlich das Helmmikro. Aber so, wie es fotografiert ist, denkt natürlich jeder, irgendwer fummelt im Mund des Astronauten herum.

Plattenproduktionen stehen ja oft im Zeichen von Pleiten, Pech und Pannen - auch bei Chroma Key?

Einmal ist uns zwar die Festplatte abgeschmiert, nach sechs Monaten, aber wir konnten zum Glück alle Daten retten. Es lief eigentlich alles ziemlich glatt. Ich wusste ja genau, wie die Songs klingen sollten, ich brauchte diesmal keinen Drummer, weil die Drums programmiert werden sollten, also musste ich keine Zeit vergeuden mit irgendwelchen Vorspielen.

Wenn ich an deine Zusammenarbeit mit Fates Warning denke, so hast du ja dem Metal nicht völlig den Rücken gekehrt. Als ich die neue Fates-Scheibe "Disconnected" hörte, dachte ich zunächst sogar, dass dein Einfluss größer geworden ist, als auf "A Pleasant Shade Of Gray".

Ich glaube nicht. Die Parts sind jedenfalls alle vom Jim komponiert. Bestenfalls ist es meine Art des Keyboardspiels und der Einsatz von Samples, die solche Vergleiche möglich machen.

Du bist ja mit Dream Theater intensiv getourt, wie sieht das bei Chroma Key aus?

Chroma Key ist ein Studioprojekt und ich vermisse die Gigs auch nicht. Mir gefällt es, Stücke zu schreiben und aufzunehmen, kreativ zu sein. So ist jeder Tag unterschiedlich, bist du auf Tour, ist es jedesmal das selbe. Ich beginne lieber mit den Arbeiten für ein neues Album anstatt nach einer Möglichkeit zu suchen, mit Chrom Key live zu spielen.

Ich hab noch mal "Awake" rausgekramt und mir dein Foto angeschaut, du hattest die typische Metal-Matte. Jetzt sind die Haare ab - Zufall oder auch ein äußeres Zeichen für den Stilwechsel?

Ich denke, das war wirklich purer Zufall und hat nichts mit meiner Karriere zu tun.


© 09/2000 Renald Mienert
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