Flying Circus

: Nach dem zweiten Streich

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Nachdem die deutsche Band vor zwei Jahren bereits für ihr Debüt "Seasons" hochgelobt wurde, ist seit einiger Zeit auch das Nachfolgealbum im Kasten. Zwar bleibt man dem eingeschlagenen Weg treu, konnte aber qualitativ noch einmal deutlich zulegen.

Renald Mienert unterhielt sich mit Bassist Markus und Sänger Michael.

Genau wie das Debüt ist auch eure aktuelle Scheibe bei Early Birds erschienen. Das Label startete ja 1998 mit drei Veröffentlichungen recht vielversprechend, seitdem wurde es allerdings eher ruhig.

Der Chef von Early Birds hat zunächst versucht, das Label hauptberuflich zu führen, zwischendurch hat er dann aber doch wieder angefangen zu arbeiten, so dass für das Label einfach weniger Zeit blieb. Im Augenblick werden also ein Teil all dieser Tätigkeiten, die sonst beim Label bleiben – wie zum Beispiel die Promotion-Aktivitäten - von uns selbst erledigt, aber das wird sich zukünftig bestimmt wieder ändern.

Was mich angeht, so ist Led Zeppelin immer noch euer Haupteinfluss – was wohl hauptsächlich am Gesang liegen mag. Allerdings sind die progressiven Elemente deutlicher hervorgetreten.

Die erste CD war einfach eine Art Bestandsaufnahme – wir wählten die besten Songs aus, die wir bis dahin geschrieben hatten. Es sind auch relativ alte Songs dabei, die aus einer Zeit stammten, als wir uns noch sehr stark am Hard-Rock orientierten. Über die Jahre hinaus haben wir uns aber immer mehr in eine progressivere Richtung entwickelt, so dass es nun tatsächlich so klingen mag, als gäbe es so etwas wie einen stilistischen Sprung. Die neuen Songs spiegeln auch einfach die Tatsache wieder, dass sich die einzelnen Bandmitglieder selbst musikalisch weiter bewegt haben, einfach ihre Fähigkeiten verbessert haben. Einige Leute haben sich unser neues Album angehört und haben gesagt: He, ihr habt Spock’s Beard gehört!

Auch ihr müsst euch ja gelegentlich mit dem Vorwurf konfrontieren lassen, dass eure Mucke aufgrund der Retroeinflüsse eigentlich absolut überflüssig ist und nichts mit dem Begriff "progressiv" zu tun hat.

Die Frage "Was ist nun progressiv und was nicht?" wird natürlich immer wieder gestellt, aber uns ist sie eigentlich ziemlich egal. Besonders auf dem ersten Album sind noch relativ viele Retro-Elemente vorhanden, aber uns geht es in erster Linie einfach darum, die Musik zu machen, die wir selbst hören wollen. Vorwürfe in diese Richtung sind uns zwar nicht völlig egal, aber in erster Linie geht es darum, unsere eigene Kreativität auszuleben. Wir hören aber auch neuere Sachen, und da hat sich ja besonders in der letzten Zeit so einiges getan. Ich denke da an Bands wie Spock’s Beard oder Porcupine Tree, die ja auch ihre Wurzeln in den Siebzigern haben, diese aber auf eine neue Ebene gehoben haben. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass diese Mischung aus Hard- und Progressive Rock, die ja unsere Musik charakterisiert, auch etwas neues darstellt. Wir erfinden das Rad zwar nicht neu, aber aus der Vielzahl der Einflüsse die wir haben, entsteht bei Flying Circus durchaus etwas Eigenständiges.

Ihr bezeichnet eure Musik selbst als Hard-Prog, und habt euch somit eine eigene Schublade definiert..

Das war eigentlich eher Zufall. Wir haben längere Zeit darüber nachgedacht, welche Schublade für uns passen würde. Es kommt ja doch recht oft vor, dass Leute fragen, was macht ihr denn für Musik? Wir haben lange gerätselt, und als das erste Album erscheinen sollte, hatte Reinhard von Earlie Birds ja die Idee, die CD’s zu verpacken, wie man es eigentlich von Japan-Importen gewohnt ist, also mit einer Banderole, und auf der sollte kurz und knapp der Stil der Musik zu lesen sein. Nur war ihm genau wie uns noch kein passender Begriff eingefallen. Hard Rock? Prog Rock? Und dann sagte ich ohne groß darüber nachzudenken, schreib doch Hard Prog. Und wenn man drüber nachdenkt, ist es eigentlich genau das, was wir machen.

Was bei eurem Album auffällt ist neben der Musik natürlich das aufwendig gestaltete Artwork. Das muss doch sicher mächtig Kohle gekostet haben.

Wir haben es selber auch einfach gern, dass bei einer CD auch dem Auge etwas geboten wird. Das gibt der Musik eine ganz andere Dimension. Glücklicherweise haben wir ja den Lorenz in der Band, der auch ganz hervorragend zeichnen kann. So haben wir also für die Bilder nichts bezahlen müssen und die Kosten waren gar nicht so hoch, wie andere vielleicht denken mögen, zumal ich ja auch das Layout gemacht habe.

Habt ihr so etwas wie ein Rezept, wie eure Songs entstehen?

Wir haben alle sechs ziemlich unterschiedlich musikalische Einflüsse. Durch diesen Input kommt eigentlich unterm Strich immer mehr heraus, als hätte einer alleine einen Song geschrieben. Manchmal hat man ja nicht nur einen Songidee, sondern einem schwebt schon vor, wie der fertige Titel klingen könnte, aber so sieht das tatsächliche Ergebnis dann nur in den seltensten Fällen aus. Zu schräge Klänge werden gerade gerückt, oder ein zu glatter Song bekommt noch ein paar Kanten verpasst. Die Balance in der Band ist da eigentlich ziemlich gut.

Haben sich nach dem Debüt Kontakte zu anderen Künstlern ergeben?

Viele Kontakte gibt es eigentlich nicht, da ja unsere Aktivitäten bisher doch sehr regional orientiert waren. Wir hatten auch überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir durch die erste CD dann schon bundesweit bekannt wurden. Es gibt einige Bands in unserer Nähe, die man zwar auch in die Prog-Ecke stellen kann, die aber nicht unbedingt zur deutschen Creme de la Creme des Prog zählen, also nicht so bekannt sind wie zum Beispiel Sylvan. Die Leute von Chandelier kennen wir sehr gut, die leben ja praktisch hier gleich um die Ecke, aber die Band gibt es ja leider nicht mehr. Da wären natürlich auch noch unsere Label-Kollegen Shades Of Dawn, aber auch die hatten jetzt lange Zeit Besetzungsprobleme. Das spricht natürlich auch Bände, wie lange man braucht, bis man wieder Leute findet, die solche Art von Musik überhaupt machen wollen. Und grössere Prog-Festivals wie es sie in den Staaten gibt, haben ja in Deutschland nicht funktioniert. Gerade Prog hat schlechte Karten, wenn es um Gigs geht. Die jungen Leute interessieren sich nicht für die Musik, und die älteren hören sich zwar gerne die CD’s an, aber gehen nicht mehr so gerne auf Konzerte. Spock’s Beard oder Ayreon mögen in den Charts sein, aber ob uns das hilft, das wissen wir nicht so genau – vielleicht wenn wir mal einen solchen Act supporten könnten. Wir haben ja kaum eine Chance, mit unserem Album bei einer Kette wie WOM ins Sortiment zu kommen, und wenn die Verfügbarkeit kaum gegeben ist, können die Leute die CD auch nicht kaufen. Aber es bleiben ja immer noch die typischen Szene-Kanäle. Und wir sind wirklich überrascht, wie weit wir mit verhältnismässig wenig Mitteln schon gekommen sind.

In Deutschland seit ihr zumindest in der Szene mittlerweile mehr als nur regional bekannt. Wie sieht das im Ausland aus?

Die erste CD lief in Polen und Frankreich recht gut, für die zweite gab es über das Internet bisher immerhin auch Kontakte in die Schweiz. Uns hatte auch ein Radiosender aus Mexico kontaktiert, und erstaunlicherweise erreichte uns dann auch tatsächlich eine Anfrage, wo man das Album denn in Mexico kaufen könne. Wir mussten den Fan dann enttäuschen und an die deutschen Mailorder-Anbieter verweisen.

Zum Schluss die obligatorische Frage, nach euren Zukunftsplänen?

Wir nehmen halt an Auftritten mit, was mitzunehmen geht. Ansonsten denken wir auch an neue Songs. Wir haben gesagt, solange der Gewinn aus einer CD die Produktion der nächsten sichert, solange machen wir einfach weiter.

Wir bitten darum.


© 12/2000 Renald Mienert
DURP - eZine from the progressive ocean
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