Indisciplined Lucy: Skandinavier außerhalb der Schubladen

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Eine ungewöhnliche Band sind sie schon, das betrifft die Musik, die eingesetzten Instrumente und es beginnt schon mit dem Namen. Außerdem weiß man gar nicht so richtig, ob es die Band überhaupt noch gibt. Trotzdem sprach die DURP mit dem Bassisten Jakob Luttinger.

Den Namen gab es schon vor der Musik. Ungehorsam war immer ein Teil unseres Lebens, sowohl musikalisch als auch in allen anderen Bereichen. Ungehorsam bedeutet für uns es abzulehnen, in bestimmte Formen und Strukturen gepresst zu werden, auch hier gilt wieder sowohl musikalisch aber auch im gesamten "richtigen" Leben. Die Figur der Lucy ist unsere eigene Erfindung, ein geheimnisvolle Figur, von der unser Sänger Pelle gelegentlich meint, sie wäre sein Alter Ego.

Wenn ein Kritiker nicht weiß, wie er die Musik einer Band beschreiben soll, dann kann er es sich einfach machen, und die Frage an die Künstler weitergeben.

Unsere Musik ist eine Mischung aus dem Schönen und dem Niederträchtigen, dem "sich Gedanken machen" und dem Unbekümmerten. Ein Versuch Grenzen und Formen aufzubrechen. Wir glauben, daß Musik, auch wenn man sie als "progressive" bezeichnet, ihre eigenen Regeln und vorgegebenen Strukturen besitzt. Wir lieben alle Arten von Musik, Mainstream und alles was darüber hinaus geht.

Das klingt nach einem anspruchsvollen musikalischen Konzept und wirft natürlich die Frage nach der Umsetzung auf.

Für unser Album kamen die ursprünglichen Songideen meist von Pelle oder Micke, unserem Gitarristen. Von da an haben wir den Songs gemeinsam das typische "Lucy" - Feeling gegeben. Ganz zum Schluß wurden die Streicher-Arrangements ergänzt und den Tracks so die endgültige Form gegeben.

Von der Qualität des Albums konnte man sich ja bereits überzeugen, aus Ermangelung einer passenden Schublade landet man üblicherweise im Prog. Allerdings hat man damit auch kein Problem.

Wie kann es schlecht sein, wenn man etwas "progressive" nennt? In Schweden verwendet man häufig den Begriff "Symphonic Rock", aber wir glauben, daß die nicht unbedingt für unsere Musik zutrifft. Es gibt allerdings nur eine einzige Band aus diesem Genre, die uns wirklich beeinflußt hat, und das ist King Crimson. Wir mögen es nicht, wenn Musik zu überkonstruiert ist.

Bei "About The Black Eyed Girl" haben wir es mit einem Konzept-Album zu tun. Das war allerdings eher Zufall.

Es gab nie eine diesbezügliche Entscheidung. Die Texte entstanden über eine Periode von mehreren Jahren hinweg und wurden nicht unter dem Aspekt geschrieben, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Jeder Song sollte für sich selbst stehen können. Aber als wir dann bemerkten, daß die Charaktere der Lucy und des Clowns in fast allen Texten als literarische Hilfsmittel eingesetzt wurden, hielten wir es für eine gute Idee, dem Ganzen einen Rahmen zu geben. So wurden "Theatre" und "Epilogue" geschrieben und bitteschön, fertig war das Konzeptalbum.

Was das eigentliche Konzept angeht, gibt man sich aber eher bedeckt.

Die einfachste Interpretation des Inhalts ist die einer klassischen Geschichte von Aufstieg und Fall. Das Mädchen Lucy hat etwas von einem Erlöser, sie glaubt, sie habe die Kraft die Welt zu verändern. Sie gerät aber in eine zynische Umwelt und verliert schnell ihren Glauben. Wir möchten aber nicht zuviel darüber erzählen, weil sich der Hörer ein eigenes Bild machen soll. Die Texte sind voller versteckter Anspielungen und die Sprache ist unterschiedlich interpretierbar.

Labelboss Stefan Kost ist ja im Empire für seine exzentrischen Reviews berühmt (berüchtigt?). Jetzt hat er sich auch im Artwork für dieses Albums verewigt. Auf die Frage danach reagiert die Band diplomatisch.....

Das müßtest du eigentlich Stefan selbst fragen. Angular hat das Cover-Konzept entworfen, mit dem Ziel, die Musik möglichst optimal auch visuell zu unterstützen.

Die Geschichte des Albums von den Anfängen bis hin zur Veröffentlichung war mit einigen Schwierigkeiten verbunden - was ja in der Szene nicht gerade selten ist.

"About The Black Eyed Girl" war geschrieben und die Aufnahmen abgeschlossen, als wir herausfanden, daß unsere schwedische Plattenfirma nicht mehr existierte. Die Aufnahme lagen im Studio und wir nahmen Kontakt zu Angular auf, die ihr Interesse an uns bekundet hatten. Sie stimmten einer Veröffentlichung zu, aber dann verloren wir unseren Drummer und Cellist und zogen nach Stockholm. Diese Veränderungen bewirkten, daß wir ursprünglich gar keine Veröffentlichung mehr wollten, da es die Band im der ursprünglichen Form nicht mehr gab. Wir machten weiter alle mögliche Arten von Musik mit unterschiedlichsten Einflüssen. 1999 haben wir dann unseren Entschluß geändert, weil das Album unser Meinung einfach zu gut war, um es nicht zu veröffentlichen. Angular hatte seit 1997 größtes Interesse daran bekundet, und so stimmten wir einem Release zu.

"About The Black Eyed Girl" enthält einen Bonus-Track, der ja nichts mit dem eigentlichen Konzept zu tun hat.

Dabei handelt es sich um einen alten Track, bei Angular war man der Meinung, er würde gut auf das Album als Bonus-Track passen.

Eines eurer Markenzeichen sind der Einsatz von Violine und Cello.

Beide waren von Anfang an ein natürlicher Bestandteil unserer Musik. Für uns ist das so normal wie das Arbeiten mit einem Schlagzeug oder Keyboard. Wir empfinden die Streicher nie als etwas Seltenes und verwenden diese, um der Musik mehr Komplexität und Schönheit zu verleihen.

Bezogen auf die gegenwärtige Situation für Künstler, die ihren Weg abseits der ausgelatschten Pfade gehen, geben sich Indisciplined Lucy realistisch.

Wir fühlen uns nicht einem Genre zugehörig. Musik als solche wird nie anachronistisch Zeit, weil sie nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt fixiert ist, außer die Stunden in denen sie geschrieben wurde. Wir haben das Gefühl, das gemacht zu haben, was wir machen wollten und nur das zählt. Unser Album hat genügend Potential genreübrgreifend zu funktionieren und eigentlich sollte es in jeder Zielgruppe Anhänger finden. Wir sind auch aufgeschlossen den neuen Medien gegenüber, dem Internet zum Beispiel. Es ist zwar alles sehr interessant, aber schließlich läuft es doch immer wieder darauf hinaus, daß wir gute Musik machen müssen, egal ob wir sie nun als MP3-Files, CD oder LP vertreiben. Der Internet-Boom ermöglicht es zwar weltweit Informationen zu verbreiten, aber es trotzdem schwerer geworden Aufmerksamkeit zu erreichen. Das Web hilft dir nicht dabei, wenn es darum geht, bessere Musik zu machen, den Nutzern steht nur generell ein größere Auswahl zur Verfügung.

Auch wenn die Geschichte von Indisciplined Lucy ungewiß ist, so bleibt es doch zu hoffen, daß wir zumindest einigen der Musikern noch möglichst oft wiederbegegnen.


© 03/2000 Renald Mienert
DURP - eZine from the progressive ocean
http://www.durp.com/