Kansas: Comeback oder niemals richtig weg gewesen?

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Interview

Ist ja eigentlich auch egal, Fakt ist, dass KANSAS mit "Somewhere To Elsewhere" eine sehr gelungene Scheibe abgeliefert haben. Renald Mienert sprach mit Steve Walsh, und auch wenn dieser offensichtlich mehr Lust hatte, über sein Solo-Album zu plauderen, so war es doch ein nettes Gespräch.

Wie kam es eigentlich wieder dazu, die Original-Kansas-Mitglieder für das neue Album zusammen zu trommeln?

Ich habe im letzten Jahr vor allem an meinem Soloalbum gearbeitet, das im Herbst bei Magna Carta erscheint. Zu dieser Zeit riefen mich unser Schlagzeuger Phil und der Bandmanager an und fragten mich, ob ich Interesse an einem neuen Kansas-Album hätte. Ich sagte, ich könnte mir eine Zusammenarbeit, aber unter bestimmten Bedingungen. Da das Soloalbum für mich sehr wichtig ist, hätte ich keinerlei Möglichkeit, irgendwelche Reisen zu unternehmen, um ein neues Kansas-Album aufzunehmen, alles was ich tun müsse, muss aus meinem Haus erledigt werden können. Was ja auch kein Problem ist, da ich die Vocal-Parts für das Kansas-Album zeitgleich mit den Vocals für mein Solo-Album aufnehmen konnte. Und noch etwas musste klar sein. Ich hatte keinerlei Möglichkeit, mich in irgendeiner Form am Songwriting zu beteiligen. Das komplette Material musste von irgend jemand anderem komponiert werden. Sie sagten OK; fragen wir Kerry. Kerry hatte Songs geschrieben und so holten sie auch noch den Bassisten Dave Hope ins Boot, der ja auch im Original-Line Up dabei war.

Das heisst, Kerry hatte die Songs schon geschrieben, aber sie waren gar nicht unbedingt für ein neues Kansas-Album vorgesehen?

Ich glaube, man komponiert nicht unbedingt immer mit einer bestimmten Band oder Projekt im Hinterkopf. Man schreibt einfach.

Wenn du nicht mit anderen im Studio warst, wie hat dann die Zusammenarbeit funktioniert?

Ohne all diese neuen Technologien wie Internet und MP3 oder CD-Brenner wäre ich nicht in der Lage gewesen, an der aktuellen Kansas-Scheibe mitzuwirken. Während die übrigen Bandmitglieder irgendwo in einem Studio waren, war ich - wie ich ja eingangs bereits sagte - die ganze Zeit bei mir zu Hause. Kerry und ich setzen an unseren Computern die gleiche Software ein. Er schickte mir also eine CD mit den Songs, ich sandte ihm einen MP3-File zurück, als Probe, was er von dem Gesang hielt. Er schickte emails zurück und sagte, das ist OK, das und das musst du noch verändern. So schickte ich eine Weile MP3-Dateien, bis alle zufrieden waren und dann bekam er eine CD. Ohne diese wunderbaren neuen Möglichkeiten hätte das alles nicht funktioniert, aber leider bedeuten neue Technologien auch immer gleich den Missbrauch dieser.

Gibt es so etwas noch immer einen besonderen Teamgeist bei Kansas, oder ist es mehr wie eine Gruppe von Individualisten, die lediglich mal wieder zusammen ein Album gemacht haben?

Als wir damals so 22, 23 Jahre alt waren und noch keiner von uns Familie hatte, da verbrachten wir praktisch unsere gesamte Zeit als Kansas. Aber dann über die Jahre wird man Erwachsen, wird eine Persönlichkeit. Ich glaube, man kann das nicht trennen, beides trifft zu.

Mit "Myriad" ist ja nun eine der ältesten Kansas-Kompositionen überhaupt erstmals auf CD erschienen....

Ich weiss nicht, warum es mit Myriad so lange gedauert hat. Manchmal laufen die Dinge eben so. Ein gutes Beispiel für ähnliche Dinge kommt aus dem Filmgeschäft. Jeder kennt Apocalypse Now. Orson Wells wollte den Film schon Jahrzehnze zuvor machen, als es den Vietnam Krieg noch gar nicht gab. Vielleicht ist genau jetzt die richtige Zeit für Myriad.

"Icarus II" erzählt eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg und ihr habe das Album auch generell den Kriegsopfern gewidmet.

Was heute weltweit passiert, ist, dass die Leute schlichtweg vergessen, was eigentlich im ersten und im zweiten Weltkrieg passiert ist, wie viele Menschen damals einen grauenhaften und sinnlosen Tod gestorben sind. Aber was passiert, wenn Leute vergessen? Die Geschichte beginnt sich zu wiederholen. Ich glaube alle zivilisierten Menschen haben die Pflicht, sich an diese Dinge zu erinnern, eben um diese Wiederholungen nicht zuzulassen.

Du bist ja nun drei Jahrzehnte im Geschäft. Wie würdest du mit wenigen Worten jedes Jahrzehnt beschreiben?

Die Siebziger waren das Jahrzehnt, das uns groß machte. Mit dem vierten Album 1977 kam der Durchbruch, kam auch das große Geld, und Geld verändert alles. Aber das ist nicht das, an das ich mich am liebsten erinnere. Vor allen Dingen war Kansas bis zu diesem Durchbruch ein Team, das gemeinsam an die Spitze wollte, das sich den Weg ins Rampenlicht erkämpfte. In den Achtzigern habe ich einige meiner besten Songs geschrieben, aber keiner wollte sie hören, was sehr enttäuschend für mich war, aber was ich schließlich akzeptieren muss. Ich verliess Kansas und formierte mit "Streets" eine eigene Band, mit der ich zwei Alben bei Atlantic veröffentlichte. Aber auch das funktionierte nicht, und so kehrte ich zu Kansas zurück. Ich arbeitete noch für andere Künstler, zum Beispiel für Bob Ezrin, aber auch diese Alben wurden nicht akzeptiert. Die Achtziger waren unterm Strich eine sehr harte Zeit für mich. In den Neunziger führten alle diese Tiefschläge zu massiven Drogen und Alkoholproblemen, die leider soweit führten, dass sogar die Polizei eingreifen musste. Ich sage jetzt leider, aber ich müsste eigentlich sagen, zum Glück, denn es war das beste, was mir passieren konnte. Jedenfalls habe ich jetzt seit zweieinhalb Jahren keine Tropfen Alkohol mehr angerührt und auch keinerlei andere Droge und ich muss sagen, ich habe mich nie besser gefühlt. All diese Dinge reflektiere ich auch auf meinem Soloalbum, das ist wie eine neue Taufe für mich.

Zumindest eure deutsche Plattenfirma bezeichnet das neue Album als Comeback-Album, siehst du es auch so?

Kansas waren ja eigentlich nie wirklich weg. Ich weiss nicht, wie Leute vorgehen, um ein Produkt zu vermarkten, mit diesen Werbungsgeschichten bin ich absolut nicht vertraut. Ich bin einfach nur zufrieden, dass ich mit meiner Musik meinen Lebensunterhalt verdienen kann, und dass die Leute mich immer noch kennen. Was das neue Album angeht, so erwarte ich persönlich überhaupt nichts davon. Ich bin einfach zu oft in meinem Leben enttäuscht worden, so dass ich mir es abgewöhnt habe, mir große Hoffnungen zu machen. Wenn es Leuten gefällt, das Album ein Comback-Album zu nennen, dann sollen sie es machen, ich würde es nicht tun. Für mich ist es nicht mehr als das, was wir immer getan haben, nämlich einfach Musik aufzunehmen.

Welches Kansas-Album liebst du am meisten und welches gefällt dir weniger?

Ich denke, Audiovisons war ein furchtbares Album. Wir damals alle in einer ziemlich miserablen Verfassung und ich ganz besonders. Was meinen Favoriten angeht, so muss ich sagen, dass mir immer gerade das am besten gefällt, an dem ich gerade arbeite. Im Augenblick wäre das also mein Soloalbum.

Denkst du schon übers Aufhören nach?

Wenn ich zufrieden wäre, würde ich aufhören. Zufrieden sein bedeutet, das Spiel ist vorbei, bedeutet, dass man selbstgefällig und gleichgültig wird. Ein Künstler braucht die Anerkennung eines Publikums, deshalb arbeitet er so hart. Gewöhnliche Leute kommen gut durchs Leben, auch wenn andere keine Notiz von ihnen nehmen. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sagen die Leute, was für ein glamouröses Leben führt so ein Künstler, und es gibt auch wirklich viele wundervolle Momente. Aber es gibt auch Zeiten, da hockst du allein in einem Raum und grübelst über einen Song oder einen Text und nichts fällt dir ein und keiner kann dir helfen - und das ist dann wirklich die Hölle.


© 11/2000 Renald Mienert
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