M. Brasse (Reading Room Sampler): Beim Erfinder des Reading Rooms

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Ein Konzeptalbum der ungewöhnlichen Art präsentierte uns vor einiger Zeit das holländische Label LaBraDor Records. The Reading Room wurde prompt zum Album des Monats gekürt, was unweigerlich ein Interview nach sich zieht. Renald Mienert unterhielt sich mit dem Kopf des Projektes, M. Brassé.

Wie entstand die Idee für diese Art von Konzeptalbum?

Eigentlich war es eines der Konzepte, das ich mir für ein neues Brassé-Album ausgedacht hatte. Als später die Idee für eine Compilation aufkam, schien dieses Konzept sehr geeignet für ein solches Projekt, weil es eine Ausgangsidee fü alle Bands gab, an der diese dann eigenständig weiterarbeiten konnten. Der Reading Room selber ist eigentlich den "Hauptbahnhof" der Story. Von hier aus erlebt der Keeper seine Abenteuer. Die Bands konnten sich in ihrem eigenen Stil ein Abenteuer ausdenken, ohne vorgegebene Themen oder Lyrics. Später habe ich die Resultate dann zu einer zusammenhängenden Story verarbeitet.

Wie kam es zu der Entscheidung, genau diese Bands einzubeziehen?

Der Ausgangspunkt war eigentlich nur, dass die Bands eine gewisse Qualität hatten und dass das Projekt so international wie nur möglich sein sollte. Wir haben uns noch nicht getraut, die wirklich grossen Namen an zu schreiben, wie Marillion oder Fish, aber sonst haben wir jeden gefragt, der uns interessant und zugänglich genug erschien. Und eigentlich haben alle Bands gleich sehr positiv reagiert. Nick Barrett von Pendragon war interessiert, aber der hatte nicht die Zeit um sich zu beteiligen. Wir hätten auch noch gerne einen polnischen Beitrag gehabt. Ich denke aber, dass da die Kommunikation zu schwierig war, um überhaupt die Idee gut rüber zu bringen. Eigentlich haben nur drei Bands von allen, die wir angefragt haben, deutlich nein gesagt. Der Rest war gleich begeistert von der Idee.

Geh doch bitte genauer auf die Story ein, so wie du das Konzept zuvor erläutert hast, klingt es wie ein Rahmen, in dem jeder Song dann aber seine eigene Geschichte erzählt.

In der Tat ist The Reading Room ein Rahmen für die individuellen Erzählungen. Aber da gibt es auch tiefer liegende Gedanken. Ich habe probiert, dem Keeper persönliche Gedanken und Beweggründe mit zu geben. Eigentlich geht es um Dinge wie Freiheit und wie man mit seinem Leben umgeht. Ist man bereit, sein Leben durch andere bestimmen zu lassen oder entscheidet man selber, was man tut. Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand, aber eine Unabhängigkeit hat ihren Preis. Mann muss alles selber entscheiden und immer für sich selbst aufkommen. Der Keeper erfährt zuerst die Droge die Freiheit, aber lernt später auch, dass es da eine Kehrseite gibt.

Nun hat aber jede Band ihre eigene Identität. Ein Konzeptalbum verlangt aber auch eine eigene Atmosphäre. Wie bringt man das zusammen?

Um diese Gesamtatmosphäre zu kriegen, haben wir uns ziemlich spät im Projekt für die Erzählerstimme entschieden. Mit der künstlerischen Freiheit, die wir den Bands gegeben haben, blieben die Songs in der Tat ziemlich eigenständig. Einen bestimmten "Overall"-Sound bekamen wir dadurch, alle Tracks sorgfältig zu remastern, aber dem Ganzen fehlte dann doch noch der bestimmte Zusammenhalt. Da kamen wir zunächst auf die Idee, kurze Tracks zwischen die Songs zu fügen, aber damit bekam man zu viel Material für eine Einzel-CD und zu wenig für eine Doppel-CD. Das einsetzen des "Narrator" schien uns am Ende die beste Lösung. Persönlich konnte ich mich mit dieser Lösung auch recht gut anfreunden, da ich immer schon ein Fan von Jeff Wayne's "War Of The Worlds" war.

Da kann es jetzt doch nur heißen, organisere ein Festival, lade alle Bands ein und spielt das Album live!

Diesen Gedanke hatte ich auch schon. Aber das wird eine unglaublich schwere Aufgabe. Ich weiss nicht, ob das zu verwirklichen ist.

Wie hast du versucht, Konzept und Artwork zu verbinden?

Eigentlich besteht das Artwork aus drei Elementen. Die Hauptmotiv basiert hauptsächlich auf einer Abbildung der Carolus-Kapelle in Aachen. Sie besteht aus einer mit Ölfarbe kolorierten Collage. In der Innenseite des Booklets findet man dann mit dem Computer bearbeitete Fotografien, die ich selber in der Kapelle gemacht habe. Die kleineren Abbildungen zum Schluss wurden ausgesucht, um die Atmosphäre eines Lesesaales (The Reading Room) auszudrücken und so gut es geht den individuellen Charakter der Songs zu untermalen.

Das Album erschien auf LaBra'Dor - Records....

Ich bin das Bra in LaBraD'or. Selbst ist der Mann. Es ist noch zu früh, etwas über den Erfolg des Projektes zu sagen, aber im Moment läuft der Verkauf des Albums recht gut.

Gab es schon Kritik?

Wenn ich Feedback bekomme, höre ich oft, dass man die CD lieber ohne Erzähler gesehen hätte. Aber ich denke, dass dies vor allem eine Geschmackssache ist. Und wie gesagt, wir haben uns bewusst für ein Erzähler entschieden. Kommentar kriegt man ja immer. Ich habe mir auch abgewöhnt, mich daran zu sehr zu stören. Aufbauende Kritik gerne, aber wenn es eigentlich nur eine Geschmackssache ist, filtere ich das doch raus. Wenn eine CD nicht nach dem persönlicher Geschmack ist, findet man ja immer einen Grund, um dies zu "objektivieren". Da gefallen dem einen die Vocals nicht, der andere findet, dass man zu viele Gitarren einsetzt und zu wenig Keyboards, der nächste will es anders herum.

Würdest du ein solches Projekt noch einmal durchziehen?

Natürlich denke ich an weitere Konzepte. Immer. Deutliche Pläne gibt es da im Moment aber noch nicht.

Erzähl doch bitte ein wenig über deine eigene Band!

Im Grunde ist Brassé ein Studio-Projekt. Ich denke mir ein Konzept aus, mache individuell oder mit anderen Songs daraus und überlege mir, wer interessiert sein könnte, mit mir zu spielen. Maarten Huiskamp arrangiert und spielt schon seit meinem zweiten Album "Pawn" alle elektrischen Gitarren und liefert auch regelmässig eigene Kompositionen. Auf meiner neuesten CD "Turbulence" wird es noch Beitrage geben von Lenny Caanen (die schon auf "Inferno" ein Duett mit mir gesungen hat), Drummer Hans Boonk und Bassist Gijs Koopman von Clifhanger, Bert Heinen von Like Wendy, und Frans Hermans, der gerade mit Maarten Huiskamp unter dem Namen "Vertigo" eine CD auf unserem Label veröffentlicht hat (" Viper Thoughts"). Eigentlich ist das Brassé-Team eine sich immer weiter ausbreitende Familie. Life auftreten ist ein alter Traum von mir, der sich aber vor allem nicht erfüllt, weil ich nicht die Zeit dafür finde.

Bei so vielen in das Projekt eingebundenen Bands gab es doch sicher Probleme bei der Produktion....

Eigentlich war es vor allem ein grosses Puzzle. Meine Rolle war vielleicht am besten zu vergleichen mit der eines Regisseurs. Als die verschiedenen Songs eintrafen, war es meine Aufgabe diese dann in eine interessante Reihenfolge zu bringen und eine mehr oder weniger logische Erzählung um das ganze zu weben. Praktische Probleme gab es eigentlich nur mit den Terminen. Eigentlich war die Veröffentlichung schon früher geplant aber der 01.01.2000 war doch auch ein schönes Datum, nicht wahr?

Progfans sind normalerweise ignorant und engstirnig. Sie trauern den alten Zeiten nach und vergessen dasbei die eigentliche Bedeutung des Wortes "Progress".

Ja und nein. Vielleicht ein bisschen mehr ja als nein. Persönlich denke ich, das sich meine eigenen CD's zum Beispiel besser verkaufen würden, wenn die Prog-Szene etwas mehr auf Originalität als auf Klisches orientiert wäre. Aber jede Musiksorte kennt dieses Problem, ob es um Rock, Volksmusik oder sonst was geht. Nach einer Blütezeit in der Jugend eines Stiles kommt die Zeit, in der man an festgelegten Formen hängen bleibt. Und gerade auf Progrock, in Topform im Prinzip die intelligenteste Form von Popmusik, trifft dies zu. Aber guter traditioneller Prog ist auch wirklich grossartig. Am Ende ist es ja nur die Qualität eines individuellen Produktes, die zählt. Eigentlich liegt das Problem darin, dass die meisten Leute Musik immer wieder in Stile aufteilen. Es sollte eigentlich so sein, dass man offener ist als nur für einen bestimmten Stil.

Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

Der Brassé-Song ist sehr stark, ha ha . Persönlich finde ich "The Private Space" van Galleon sehr gut . Am wichtigsten ist aber, dass es überhaupt keine schlechten Songs auf der CD gibt. Jede Band hat ihr Bestes gegeben.


© 05/2000 Renald Mienert
DURP - eZine from the progressive ocean
http://www.durp.com/