Platypus: Mehr als nur ein "Side-Project"

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Neben "Transatlantic", "LTE" oder dem "Explorers Club" ist auch Platypus eines dieser gegenwärtig recht populären "All Star" - Projekte in der Prog-Szene. Bereits 1998 erschien mit "When Pus Comes To Shove" das erste Album von John Myung, Derek Sherinian, Rod Morgenstern und Ty Tabor. Mit letzterem unterhielt sich Renald Mienert über das unlängst erschienene zweite Album "Ice Cycles".

Vielleicht war es ja Zufall, dass ausgerechnet zu einer Zeit, als Dream Theater mit "Falling Into Infinity" ein eher mainstreamiges Album veröffentlichten, die Bandmitglieder ausgesprochen aktiv darin waren, diverse Side-Projekte zu starten. Ihr kennt sie alle - Liquid Tension Experiment, Mullmuzzler und eben Platypus. Und gelegentlich kann der Hörer schon den Eindruck gewinnen, dass man sich in diesen Projekten (wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen) zumindest teilweise traute, das umzusetzen, was viele Fans in besagtem Studioalbum vermissten - kompromisslose progressive Rockmusik eben. Mittlerweile haben Dream Theater mit "Scenes From An Memory" mehr als eindrucksvoll bewiesen, dass sie immer noch unangefochten die Nummer Eins im Prog-Metal sind, aber die Side-Projekte sind trotzdem noch nicht endgültig abgehakt. Und so geht Platypus mit "Ice Cycles" in die zweite Runde. Aber was heute durchaus logisch erscheint, war zumindest nicht von Anfang an klar....

Als das Projekt begann, hatten wir natürlich als Musiker bereits voneinander gehört. Jeder wusste, was der andere macht, aber wir hatten in dieser Form noch nicht zusammen gearbeitet. Aber auch wenn du weißt, dass jemand ein exzellenter Musiker ist, bedeutet dass noch lange nicht, dass man auch zusammen klar kommt. Aber als wir dann begannen am ersten Album zu arbeiten, wurde sehr schnell klar, dass jeder mit viel Spass und Herzblut bei der Sache war. Wir kamen dann sehr schnell zu der Entscheidung, Platypus wie eine richtige Band zu betrachten und die Sache am laufen zu halten.

Und das hat man dann auch gemacht. Während aber zum Beispiel Transatlantic sehr stark Spock's Beard geprägt klingen (nicht, dass ich ein Problem damit hätte) , kann man bei Platypus nicht davon sprechen, dass man zum Beispiel stark nach Dream Theater oder King's X klingen würde. Was vielleicht auch daran liegt, dass alle Beteiligten am Songwriting beteiligt sind,

Die Songs bei Platypus entstehen was die Musik angeht in komplettem Teamwork. Wir arbeiten alle zur selben Zeit an den Titeln, hier gibt es wirklich niemanden, der besonders hervorgehoben werden muss oder der sich überhaupt nicht daran beteiligt. Steht dann das Grundgerüst, nehme ich die Tapes normalerweise mit zu mir nach Hause und ergänze die Lyrics und die Vocal-Lines.

Und von diesen gibt es auf dem aktuellen Album deutlich mehr als beim Debüt.

Wir haben den Fokus diesmal verstärkt auf die klassischen Rocksongs gesetzt, einfach aus Songs mit Gesang. Diese ausgeflippten Instrumentalparts auf dem ersten Album entstanden oft aus der reinen Spiellaune, und ich hoffe, dass diese Frickelei immer ein fester Bestandteil von Platypus bleiben wird. Besonders diese Instrumentals sind aber auch sehr kompliziert. Sie erfordern einfach größeres musikalisches Können und stellen für mich immer eine besondere Herausforderung dar mein Gitarrenspiel zu verbessern. "Partial To The Bean" zum Beispiel war extrem schwer zu spielen.

Extrem schwer hatte man es zumindest hierzulande nicht, was schon der Erfolg des Debüts zeigte. Aber das war nicht überall so.

Beim ersten Album wussten wir überhaupt nicht, was passieren würde, also war auch die Erwartungshaltung nicht besonders groß. Ich habe also mit gar nichts gerechnet- Wenn man so an eine Sache herangeht, ist dann natürlich jeder Erfolg schon eine Art Bonus. Das Album hat sich dann aber doch speziell in Europa gut verkauft und ich kann heute sagen, dass wir alle sehr zufrieden damit sind. Ich betrachte es auch mehr als einen gelungenen Anfang, auf dem man nun aufsetzen kann. In den Staaten hatten wir mit dem Album riesiges Pech. Die CD war gerade erschienen und fast gleichzeitig ging unsere dortige Plattenfirma pleite. Das heisst, es gab dort praktisch keinerlei Promotion. Wir gaben kein einziges Interview und es wurden keinerlei Anzeigen geschaltet. Das Album war auf dem Markt, und die Leute haben es nicht mitgekriegt. Das zweite Album wird jetzt - was ja auch naheliegt - auch in Amerika über Inside Out erscheinen. Sie arbeiten mit einem anderen Vertrieb und ich hoffe, dass es diesmal besser klappt.

Aber auch wenn man mit dem Debüt durchaus zufrieden war, wäre es das einzige Platypus-Album in dieser Besetzung geblieben, hätte sich vermutlich auch keiner gewundert. Wie hinlänglich bekannt ist, wurde ja Keyboarder Derek Sherinian bei Dream Theater mehr oder weniger (wohl doch eher mehr) gefeuert. Da wäre es schon verständlich, wenn er keinen Bock mehr gehabt hätte, mit John Myung weiter in einem anderen Band zu spielen.

Ehrlich gesagt, ich hatte da auch grosse Befürchtungen. Aber glücklicherweise ist nichts davon eingetreten. Es gab keinerlei Spannungen zwischen Derek und John, die beiden kamen bestens miteinander aus und wir konnten das Album in einer sehr relaxten Atmosphäre produzieren. Derek ist ein sehr talentierter Musiker und er wird seinen Weg gehen. Ich hoffe auch, dass er an meiner nächsten Solo-Scheibe beteiligt ist.

Womit wir auch schon bei Ty Tabors Aktivitäten im Rockzirkus wären, neben Platypus gibt es ja bekanntlich King's X und (bisher) eine Solo-Scheibe.

Diese drei Aktivitäten unterscheiden sich schon sehr voneinander. Auch wenn wir bei King's X ähnlich demokratisch vorgehen wie bei Platypus, ist die musikalische Ausrichtung doch eine deutlich andere. Für mich bedeuten diese Unterschiede jedesmal neue Herausforderungen, sie zwingen mich, kreativ zu bleiben. Bei Platypus spielen die Keyboards eine große Rolle, das bedeutet eine andere Art, an die Songs heranzugehen. Ich bin sozusagen ständig beschäftigt. Jedes Album repräsentiert eine bestimmte Schaffensperiode, und ich versuche immer, das beste zu geben, wozu ich eben in dem Augenblick in der Lage war. Gerade ist das neue King's X -Album fertig geworden, da beginne ich mit dem neuen Soloprojekt, das voraussichtlich auch wieder bei Inside Out erscheinen soll. Unterm Strich habe ich schließlich auch drei Plattenverträge, was ja auch nicht so übel ist.

Aber zurück zu Platypus. Passend zum Albumtitel ziert ja ein vereistes Fahrrad das Cover. Und was den abschließenden Longtrack "Partial To An Bean" angeht, könnte man meinen, man wolle Yoko Ono eins auswischen.

Das ist nur ein harmloser Scherz. Ich glaube, Derek hatte die Idee. Aber keiner von uns hat etwas gegen Yoko Ono, es ist wirklich nur so ein kleiner Insider - Gag. Cover und Texte stehen in einem direkten Zusammenhang. Die Texte sind sehr traurig, es geht um Dinge, die wir verlieren, um eine Art emotionale Eiszeit. Aber wir wollten eben auch ausdrücken, dass dieser Zustand nicht dauerhaftes darstellt. Er ist wie eine Jahreszeit, er kommt und geht auch wieder. Aber der Gefühlszustand, den wir auf diesem Album eingefangen haben, war eben genau dieser kalte und traurige.

Kalt und traurig jedenfalls dürfte die Zukunft für Platypus nicht aussehen. Und vielleicht - wenn es die Terminkalender der Mitglieder erlauben - werden wir die Band auch einmal live erleben.


© 06/2000 Renald Mienert
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