Spock's Beard: Gewohnt genial

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

In gewohnt höchster Qualität haben Spock's Beard gerade ihr Album "V" auf den Markt gebracht. Fans und Kritiker sind wieder mal restlos begeistert, und natürlich suchten auch wir wieder das Gespräch mit Bandleader Neal Morse.

Auch du hast dich ja bereits im Vorfeld - sonst gar nicht so deine Art - recht euphorisch zum neuen Album geäußert. Was ist Besonderes an "V"?

Das neue Album ist progressiver als "Day For Night". Es ist experimenteller und wir haben gerade die instrumentalen Passagen dieses Mal etwas ausgedehnt. Aber natürlich gibt es auch all das, was man von den früheren Alben kannte, zum Beispiel den Harmonie-Gesang. Ich denke, "V" ist die Quintessenz aller bisherigen Spock's Beard - Alben.

Also Ende gut, alles gut. Aber im Vorfeld gab es ja doch einige Probleme....

Es lief zwar alles ganz ordentlich, aber es war dennoch härter als üblicherweise. Wir mussten den Mix wiederholen, was ein ziemlicher Stress war. Es ist schon nervig, es einmal zu machen. Wir wollten ursprünglich etwas neues probieren, einen neuen Mann am Mischpult, aber es hat dann nicht so geklappt, also sind wir wieder zurück zu Rich Mouser. Und jedesmal hast du das Gefühl, dies oder jenes könnte noch besser gemacht werden, man weiss nie genau, wann der Punkt gekommen ist, an dem man sagen kann, so, jetzt klingt das aber alles vernünftig, jetzt lass uns aufhören. Es wird nie den Punkt geben, an dem die Bandmitglieder wirklich alle mit einer Platte absolut glücklich sind. Aber Kevin Gilbert hat einmal gesagt: Perfekte Platten sind langweilig. Und dieser Spruch tröstet mich immer, wenn ich mal wieder mit einer Sache auf einem Album nicht so glücklich bin. Trotzdem, unter Strich bin ich mit dem Album sehr zufrieden.

Auf "V" finden wir zwei sehr lange Trax und vier kürzere Nummern - die langen für die Prog-Fans, die kurzen für den kommerziellen Erfolg?

Ganz so einfach ist es ja nun auch wieder nicht. Man kann nicht pauschal sagen, ein langer Song ist progressiv, ein kurzer kommerziell. Bei "At The End Of The Day" geht es um das Sterben und um das in den Himmel kommen. Wenn du mit Thomas Waber sprichst, wirst du feststellen, dass er diese Formulierung sehr oft verwendet: "Am Ende des Tages zählt, dass du Tickets verkauft hast" oder solche Sachen. Dieser Spruch hat mich zu dem Text inspiriert. "The Great Nothing" erzählt praktisch über mein Leben, wie ich zur Musik komme und versuche, immer weiter und weiter damit zu kommen. Es geht um Stagnationen, wenn du dich in der Mitte deines Lebens fragst, wo ist das Gefühl in deiner Musik geblieben, wo habe ich es verloren, wie kann ich es wieder bekommen. Aber der Begriff kann auch anders interpretiert werden. Zum Beispiel als ein großer, spiritueller Ort aus dem dann die Musik entsteht, die ich schreibe. Nimm du nun einen kurzen Songs wie "Thoughts Pt. 2" dann ist dieser auch sehr progressiv. Der Titel "Thoughts Pt. 2" war übrigens Allans Idee. Er hat es wohl mehr als Witz gemeint, aber ich sagte, OK. Der Song ist allerdings völlig neu, auch wenn er diese Gentle Giant - Einflüsse hat, die es auf vielen Spock's Beard Songs gibt. Die anderen kurzen Songs wie "Revelation" oder "All On A Sunday" haben schon ein gewisses kommerzielles Potential, aber es sind einfach Songs, die eben gerade jetzt entstanden sind, ohne irgendwelche Hintergedanken. Für die kürzeren Songs brauchst du nur eine Idee für einen guten Refrain, eine gute Strophe und fertig ist der Song, bei den Longtrax ist es immer das Problem, den Fluss zwischen den einzelnen Abschintten auf die Reihe zu kriegen. Ich denke, die Songs, die dir gerade einfallen, werden auch sehr stark dadurch geprägt, was du gerade selbst gerne hörst. Ich wollte "All On A Sunday" zunächst eigentlich gar nicht auf dem Album haben, weil mir der Track nicht rockig genug erschien, aber die anderen haben gesagt, es funktioniert, also ist er dabei.

Wie kam es eigentlich zu den Akustik-Gigs, die ihr in der Vergangenheit ja sehr erfolgreich absolviert habt?

Die Idee zu diesen Akustik-Gigs entstand aus Gesprächen mit Thomas Waber von Inside Out. Ich dachte darüber nach, meien Job in der Eric Burdon Band aufzugeben, und überlegte, wie ich zusätzlich etwas Kohle machen könnte und dabei gleichzeitig noch Spock's Beard promoten. Und da kam es zu diesen Akustik-Gigs. Und es macht wirklich Spaß, auch neben den finanziellen Aspekten. Man ist sehr nah bei den Fans und es hat immer auch ein wenig den Anschein, man ist eher auf einer privaten Fete als auf einem Gig. Es gab Abende, da waren die Pubs voller Spock-Fans, aber es gab auch Tage, da spielten wir vor der normalen Kundschaft. Aber Spass gemacht hat es immer.

Du warst ja in letzter Zeit auch an einigen Nebenprojekten beteilgt - an Transaltlantic oder Ayreon. Ich habe mich mit einigen deiner Kollegen unterhalten und sie haben sinngemäß eigentlich alle gesagt, der Neal Morse ist zwar ein Genie, aber er neigt auch dazu, seinen Kopf durchzusetzen. Bis du ein kleiner Diktator?

Nein! Sowas hängt natürlich immer davon ab, mit wem du sprichst. Ich halte mich selbst natürlich nicht für anmaßend. Ich glaube zum Beispiel auch nicht, dass die anderen Bandmitglieder mich so einschätzen. In der Band ist es ohnehin so, dass wir alle in die gleiche Richtung wollen, also gibt es auch keine großen musikalischen Diskussionen. Und es war von vornherein klar, wer der Boss ist. Es gibt aber wirklich Dinge, bei denen ich mich einfach durchsetze. Diesmal war es zum Beispiel beim Cover so. Es gab eine Menge Diskussionen bis ich es schließlich nicht mehr ausgehalten habe und sagte, so Leute, vergesst es, wir nehmen jetzt das und Schluss! Bei Transatlantic war die Sache natürlich eine etwas andere, es handelt sich dabei ja nicht um eine etablierte Band. Es gab also keinen Boss, die Mitglieder kommen aus anderen Bands, wo sie teilweise selbst Bandleader sind. Aber wenn du in einem solchen Team niemanden hast, der die Führung übernimmt, ist es schwer, die Dinge zu einem Ende zu bringen. Aber solche Einschätzungen - ob nun überheblich oder nicht - für sich selbst vorzunehmen, ist natürlich schwierig, dass überlasse ich lieber anderen.

Wie wichtig sind dir eigentlich diese anderen Aktivitäten neben Spock's Beard?

Neben dem Geld geben dir diese Side-Projekte aber noch weitere Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken. Ich bin eigentlich immer dabei irgendwelche Sachen zu schreiben und aufzunehmen. Die Zeit vergeht und ich möchte einfach soviel wie möglich erreichen. In diesem Jahr werde ich ein Weihnachtsalbum veröffentlichen, dass aber wahrscheinlich nur über das Internet vertrieben wird, es wird ein neues Transatlantic-Album geben. Ich nehme immer das auf, was mir gerade gefällt. Da mache ich keine Kompromisse, ein Kompromiss bedeutet für mich nämlich genau das: Etwas tun, was du eigentlich gar nicht willst. Ich habe sogar einige Sachen geschrieben, die einfach nur Pop-Songs sind, die dann vielleicht mal von anderen Interpreten gesungen werden.

Da kann uns ja noch einiges bevorstehen!


© 11/2000 Renald Mienert
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