Sylvan: Den eigenen Weg gefunden?

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Hatte das Debüt von Sylvan noch deutliche Einflüsse der Neo-Prog-Größen wie Marillion, ist der Nachfolger "Encounters" deutlich eigenständiger ausgefallen. Und erfreulicherweise gibt es musikalisch nix zu meckern.

Hat sich nach dem Debüt irgendwas für euch geändert? (Große Autos, schöne Frauen oder lediglich mehr Szene-Kontakte?

Marco: Schöne Frauen für den Sänger und der Papierkram für die übrigen Bandmitglieder... wie sich das gehört! Nein aber mal im Ernst, viele schöne Frauen gibt es ja in der eher männerreichen Progszene nicht und auch Autos sind bei den nicht gerade millionenschweren Einnahmen ziemlich schwer zu finanzieren. Da bleiben dann nur noch die Szene-Kontakte, aber die sind ja auch nicht zu verachten, oder ?

War der Erfolg des Debüts eine Voraussetzung für das Weitermachen?

Volker: Nun ja, Erfolg ist ja relativ, aber um es mal so auszudrücken: Wenn 'Deliverance' rein gar nicht angekommen wäre, hätte es sicherlich keine Motivationsgrundlage gegeben, ein zweites Album in Angriff zu nehmen. Über diesen Punkt waren wir uns - wenn auch stillschweigend - auf jeden Fall einig. Auf der anderen Seite wäre 'Encounters' mit Sicherheit aber auch mit etwas weniger Erfolg der ersten CD entstanden.

Marco: Allein die eigene Motivation am Spielen und Präsentieren ist Voraussetzung für das Weitermachen... neben guten Nerven und genügend Liquiditätsreserven. Das dann der Erfolg des Debüts noch dazukam war natürlich super.

Sind die Songs auf Encounters alle nach dem Debüt geschrieben worden?

Matthias: Nein! Es gab bereits eine Menge musikalisches Material, auf das wir zurückgreifen konnten. So basiert z.B. 'No way out' auf einem Stück, das noch aus der Zeit vor 'Deliverance' stammt. Allerdings ist es heute nicht mehr wiederzuerkennen. Meist ist das reine Komponieren von Akkorden gar nicht die Hauptaufgabe, sondern das Arrangement: Wir probieren viel aus, machen Aufnahmen und spielen es nach einer Woche wieder ganz anders. Das dauert dann so lange, bis wir alle das Gefühl haben, daß das Arrangement dem Song gerecht wird.

Lief bei der Produktion alles glatt?

Marco: Alles kann nie glatt laufen ... aber durch diverse Nervenzusammenbrüche unseres Tonproduzenten, zahlreiche Raufereien hinsichtlich der musikalischen Feinarbeit und viele schlaflose Nächte aufgrund finanzieller Nöte lassen sich echte Musiker ja nicht aus der Ruhe bringen. Und nur das Resultat zählt !

Hattet ihr nicht Respekt davor, dass euch bei einem 40 Minuten Track die Luft ausgeht?

Volker: Es mag wahrscheinlich unglaubwürdig klingen, aber diese Frage haben wir uns wirklich nie gestellt. Das lag wahrscheinlich an mehreren Punkten: Zunächst mal hatten wir wirklich eine Fülle von Ideen, von den einige auch nicht in die endgültige 'Encounters' Version gekommen sind; wir hatten also eine große Auswahl, aus der wir aussuchen konnten. Desweiteren gab es mindestens genauso viele Ideen und Pläne, diese musikalischen Gedanken wie Handlungsstränge einer Geschichte miteinander zu verknüpfen; so entstand während der gesamten Planungs - und Bearbeitungsphase keinerlei Leerlauf oder Ratlosigkeit, die uns groß Zeit zum Nachdenken über solche Probleme gegeben hätte.

Marco: Sowohl die Musiker als auch die Zuhörer haben auch bei einem 40 minütigen Konzeptsong genügend Verschnaufpausen. Und was die Komposition angeht hatten wir genügen Vertrauen in unsere kompositorischen Fähigkeiten, wenn auch viel Respekt vor der Aufgabe.

Gibt es ein lyrisches Gesamt-Konzept oder stehen die beiden ersten Trax für sich?

Matthias: Die ersten beiden Songs haben nichts mit 'Encounters' zu tun.

Hätte man dann vielleicht nicht ein Album mit nur einem Longtrack machen sollen?

Matthias: Das wurden wir schon einige male gefragt und ich muß ehrlich zugeben, ich verstehe die Frage nicht. Wer 'Encounters' als Konzeptalbum verstanden sehen möchte, soll einfach bei seinem CD Spieler mit Track 3 zu hören anfangen.

Volker: Die Leute haben jetzt einen Longtrack PLUS zwei einzelne, hübsche Stücke, und das ist doch mehr Wert, als ein Longtrack alleine, oder?

Marco: Da kann ich eigentlich nur zurückfragen: Hätte der potentielle Käufer vielleicht bei einem nur 40 minütigen Album nicht an Halsabschneiderei gedacht ? Oder hätte der Zuhörer bei einem 55 minütigen Konzeptsong, dessen Spannungsbogen nicht aufgeht, das Konzept nicht vielleicht als vermessen und misslungen angesehen? Wir stehen jedenfalls immer noch voll hinter unserer Entscheidung und diese entspricht unserer Motivation sowohl inhaltlich als auch musikalisch konsistent zu bleiben und möglichst viel zu bieten.

Euer Booklet ist sehr aufwendig, für meinen Geschmack habt ihr allerdings das schwächste Motiv als Frontcover gewählt... (sorry)

Marco: Geschmackssache, Renald, Geschmackssache.

Matthias: Es ist mein Lieblingsbild. Ich finde es von allen Grafiken am stärksten!

Marco: Vielleicht hätte man uns gelyncht, wenn wir die Rückseite des Booklets als Cover verwendet hätten und als Sauerrei bezeichnet. Ich denke das Cover war als solches am besten geeignet und Marko Heisig hat als Designer eine wirklich tolle Arbeit geleistet!

Wer sind die Gastmusiker?

Matthias: Lars Köster spielt sonst bei 'Sophistree' Bass und war so nett uns aus der Verlegenheit zu helfen, da wir uns kurz vor den Aufnahmen ja von unserem alten Basser Patrick Münster getrennt hatten. Sören Grimme kannte Volker von der Musikhochschule. Er war sofort bereit seine solistischen Fähigkeiten am Saxophon bei uns einzubringen.

Wie kam die Idee ein Saxophon zu integrieren?

Matthias: Die Idee gab es schon lange, doch hatten wir bis dato noch keinen Song gefunden, in den ein Saxophon gut gepasst hätte. Daß es auf 'Encounters' nun sogar zwei Solis geworden sind, ist reiner Zufall. Aber ich denke sie stehen als gute Ergänzung zu den zahlreichen Gitarren und Keyboardsolis.

Wie seht ihr die Entwicklung zwischen den beiden Alben?

Matthias: Für mich ist das neue Album ein klarer Schritt nach vorne. Wir wollten uns weiterentwickeln und eigenständiger werden. Ich denke, daß uns das gelungen ist. In 'Encounters' steckt so viel mehr Detailarbeit!

Ihr habt ja auch auf dem Pink Floyd - Tribute Album mitgewirkt. Wie steht ihr solchen Projekten gegenüber und welche Band würdet ihr noch gerne "Tribut zollen"?

Matthias: Das hängt ganz von dem Projekt ab. Prinzipiell stehe ich solchen Scheiben eher kritisch gegenüber, da das Original ja doch in den meisten Fällen einfach besser ist. Wir haben 'High Hopes' nur gemacht, da wir das Gefühl hatten eine eigene Interpretation geschaffen zu haben. Wir haben das Tempo leicht angehoben einige Gesangslinien verändert und einen netten Progteil in die Mitte eingebaut. Wären wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen, hätten wir den Song nicht veröffentlicht!

Wird es nicht Zeit, einen Bassisten als festen Bestandteil in die Band zu integrieren?

Marco: Das ist doch schon längst geschehen: Sebastian Harnack ist als Bassist in unsere Band integriert worden. Und er macht seine Sache ehrlich gut. Ich denke er hat durch seine Art viel frischen Wind in die Gruppe gebracht und ist somit fester Bestandteil. Auch wenn er des öfteren 'on stage' dem Sänger Wasser über den Kopf gießt, lasse ich ihn auf der Bühne noch neben mir stehen (sonst ist dort ja auch nicht viel Platz!) und wir haben viel Spaß zusammen. Sebastian hat zwar seine musikalischen Ursprünge nicht im Prog-Bereich (und vermisst deshalb auch sehr die hübschen Frauen im Publikum), allerdings hat er mittlerweile Gefallen an der Prog-Musik gefunden ... und einige hübsche Mädels schleppt er nun auch schon vor die Bühne (was wiederum dem Sänger gut gefällt!)

Steht ihr den Songs des Debüts heute anders gegenüber als damals?

Matthias: Natürlich. Unmittelbar nach der Fertigstellung ist man ziemlich begeistert von dem, was man geschaffen hat. Mit ein wenig Abstand fängt man an all die Dinge zu bemerken, die man heute anders machen würde. Doch ich denke, daß ist normal und geht fast jeder Band so. Wir haben auf jeden Fall immer noch Freude, die alten Songs live zu spielen!

Was steht demnächst bei euch an?

Matthias: Wir bereiten gerade einige Konzerte vor. So werden wir im November in Holland und Hamburg spielen, im Dezember in München und im Januar dann in Berlin. Ende Februar geht es dann nach Mexiko, wo wir beim Baja-Progfestival 2001 die deutsche Progszene vertreten werden. Sobald alle Daten stehen, findet ihr sie auf unserer Homepage: www.sylvan.de


© 11/2000 Renald Mienert
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