Transatlantic: Progressive Chartbreaker

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Da hofft die ganze Proggemeinde insgeheim, dass Spock's Beard mit dem nächsten Studioalbum die Top 100 knacken, da mogelt sich doch quasi nebenbei die Prog-Supergroup "Transatlantic" in die Charts. Aber auch ohne diesen kommerziellen Erfolg wäre "SMPTe" natürlich ein Thema für uns gewesen.

Renald Mienert unterhielt sich mit Roine Stolt

Warum glaubst du, hat es gerade dieses Album in die Charts geschafft?

Ich befand mich gerade in Asien, als ich von der Plattenfirma diese Information erhielt. Um ehrlich zu sein, es hat wahrscheinlich nicht soviel mit der Musik zu tun, sondern vielmehr mit den Leuten, die dieses Album gemacht haben. Mike hatte die Idee, die führenden Köpfe von den bekanntesten Szene-Bands der Gegenwart in einer Gruppe zu vereinen. Ich will nicht sagen, dass dies nur aus dem Grund geschah, in die Charts zu kommen und viele Platten zu verkaufen, aber die Grundidee hinter diesem Projekt war einfach das Vereinen der Kreativität dieser Leute. Es kam auch nicht darauf an, dass es sich unbedingt um die jeweiligen Bandleader handeln musste, aber Neal und ich sind nun mal die Hauptsongwriter bei Spock's Beard beziehungsweise den Flowerkings. Und was Pete angeht, so ist er ein ausgezeichneter Bassplayer, auch wenn er gegenwärtig bei Marillion nicht unbedingt die Gelegenheit hat, das auch zu zeigen.

Wirkt sich die Entscheidung, zunächst eine Limited Edition zu veröffentlichen, auch auf den Charteinstieg aus?

Diese Idee mit der "Limited Edition" kam von der Plattenfirma und sie hat mir sofort gefallen. Ich war schon immer jemand, der eine Vorliebe für diese "Special Boxes" hatte, ich liebe große Booklets, ich habe selbst viele solche Sachen Zuhause. Ich lese jede Zeile und finde dies überaus interessant. Die Entscheidung bleibt ja auch bei den Leuten, entweder sie kaufen diese Edition, oder sie lassen es eben sein.

Oder liegt der Erfolg auch einfach darin, dass Bands wie Dream Theater und Marillion einfach eine sehr große Zugkraft haben?

Ich glaube, auch da hast du nicht unrecht. Mit einem anderen Bassisten und einem anderen Drummer wäre das musikalische Ergebnis sicherlich das gleiche. Wäre ein anderer Gitarrist mit dabei, gäbe es sicher schon einige Unterschiede. (lacht) Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man Leute ersetzen kann, das Resultat aber das fast gleiche bleibt, wenn die musikalische Grundlage nicht verändert wird. Sagen wir mal so, Dream Theater und Marillion verkaufen die Platten, und Spock's Beard und die Flowerkings sind vielleicht die kreativsten reinen Progbands der Gegenwart. Die einen sorgen für das Geld, die anderen für die Musik - das ist doch eine ziemlich gute Verbindung.

Wenn man das Album hört, so gehen zumindest aus meiner Sicht die ersten drei Trax eindeutig in Richtung Spock's Beard, der vierte geht an dich und klingt stark nach den Flowerkings.

Die ersten drei Songs sind hauptsächlich von Neal geschrieben. Du hast ihn vielleicht mal getroffen, aber du warst bestimmt noch nicht in einem Proberaum mit ihm. Neal ist überaus kreativ und auch gleichzeitig sehr dominant, er versteht es schon, dass seine Ideen letzten Endes auch umgesetzt werden - er ist es ja auch von Spock's Beard so gewohnt. Ich stimme dir zu und würde sogar sagen, die Stücke klingen zu stark nach Spock's Beard. Ich würde es auch vorziehen, das Album klänge mehr nach Transatlantic oder einem Mix aus den vier Stammbands. Man braucht in einer Band eine solch starke Persönlichkeit wie Neal, aber gelegentlich ist auch nützlich, einen Gang zurückzuschalten und auch mal mehr auf die Ideen der andern Leute zu achten. Ich kenne das aus meiner Vergangenheit auch. Als ich noch jünger war, habe ich auch dazu geneigt, meine Ideen anderen gegenüber einfach durchzusetzen. Heute versuche ich mehr zuzuhören. So wie ich ja auch bei den Flowerkings immer öfter mit Tomas Bodin gemeinsam als Songwriter arbeite. Ich denke, dies ist der eine winzige Part, den Neal noch lernen muss. Der vierte Song stammt in der Grundidee von mir, wenn auch dann irgendwann in der Middlesection Neal die Sache wieder übernommen hat. Wie gesagt, ich kann absolut verstehen, wenn sich viele Leute ein Album gewünscht haben, dass nicht so Spock's Beard lastig ausgefallen wäre.

Der fünfte Song ist ein Procul Harum - Cover...

Das war jetzt einmal wirklich die Entscheidung von Mike Portnoy. Sein Vater hat ihm den Song vorgespielt, als er noch ein Kind war. Irgendwann begann Mike dann das Stück zu lieben und so entstand in ihm die Wunsch, es auch einmal selbst zu spielen. Als das Projekt dann begann, und Mike mit dieser Idee herausrückte, eine alten Procul Harum Track zu spielen, den heute keiner mehr kennt, antwortete ich ihm dann per E-Mail, dass genau dieser Titel auf einer der ersten Platten war, die ich mir in meinem Leben gekauft hatte. Mike war sehr froh, dass es offensichtlich neben ihm zumindest noch einen Menschen auf der Welt gab, der sich an diesen Procul Harum - Track erinnerte. Wir sind mit unserer Version ziemlich nah am Original geblieben, natürlich versehen mit dem Sound der Neunziger. Wir haben eine kleine Passage entfernt und dafür eine andere ausgedehnt und wir haben uns die Vocals geteilt, aber das sind die einzigen Unterschiede. Das Original ist übrigens auf dem zweiten Procul Harum - Album "Shine On Brightly" zu finden, einer wirklich starken Platte, die ich jedem nur empfehlen kann. Es ist eine dieser Platten, die quasi die Keimzellen des gesamten Progressive Rock bilden. Natürlich darf man nie vergessen, dass sie vor mehr als dreißig Jahren aufgenommen wurde, aber die Texte sind großartig und der Gesang ist einfach wunderschön.

Produziert wurde das Album in der Nähe von New York, in den "Millbrook Studios" des Italieners Paul Orofino....

Das Studio wurde in erster Linie von Mike ausgewählt. Einer der Gründe war wohl auch, dass es sich nicht weit entfernt von seinem Zuhause befindet. Von seinem, wie gesagt. (lacht) Bei mir und Pete sieht die Sache natürlich anders auch, und auch Neal braucht wohl mit dem Wagen zwei Tage. Von New York allerdings bist du in einer Stunde da. Es ist auch gar nicht so weit von dem Ort entfernt, wo das legendäre Woodstock-Festival stattfand. Der Besitzer hatte wohl auch einige Male ein Studio direkt in New York, aber das ist natürlich eine ziemlich teure Geschichte. Von aussen sieht man dem Gebäude nicht an, was sich dahinter verbirgt, aber das vorhandene Equipment ist exzellent, vor allem auch, was die Gitarren angeht. Das kommt vermutlich mit daher, dass der Besitzer selbst Gitarrist ist, und sogar ein ziemlich guter, wie ich finde. Mike hat dort auch schon mit Liquid Tension Experiment gearbeitet.

Hast du eine Idee, weshalb es in letzter Zeit so viele Side-Projekte besonders in der Prog-Szene gibt?

Eigentlich nicht. In erster Linie steht dahinter einfach die Liebe der Leute zur Musik, der Spaß am gemeinsamen Musik machen, und speziell bei diesen Projekten eben auch mal mit Leuten, mit denen man nicht jeden Tag zusammen arbeitet. Aber oft stecken hinter solchen Projekten natürlich auch finanzielle Interessen. Da sind zunächst die Plattenfirmen. Besonders wenn es gelingt, bekannte Namen in diese Projekte einzubinden, sind die Chancen relativ hoch, damit einiges an Geld zu verdienen. Darauf müssen selbstverständlich auch die Musiker achten. Je mehr Sachen man am Laufen hat, je mehr Geld verdient man.

Zumindest bei mir herrschte einige Verwirrung, was denn nun das "SMPTe" eigentlich bedeutete. Ich hatte zunächst damit gerechnet, dass der Bandtitel auch gleichzeitig der Albumtitel wäre...

Der Begriff "SMPTe" wird üblicherweise im Zusammenhang mit der Synchronisation von Audio und Video verwendet. Es hat sich halt durch Zufall so ergeben, dass die Initialen der Namen der Bandmitglieder auch diesen Begriff ergaben. Ich muss aber zugeben, dass ich diesen Titel nicht haben wollte. Ich persönlich arbeite selbstverständlich auch mit Computern, arbeite mit neuen Technologien. Aber speziell für dieses Projekt haben sie überhaupt keine Rolle gespielt. Wir haben alles auf herkömmliche Art aufgenommen. Aber Pete und Mike hat der Titel gefallen, und so wichtig war er mir schließlich nicht. Aber es mag auch Leute geben, die glauben, das Album heisst "Transatlantic" und die Band "SMPTe". "Transatlantic" allerdings ist ein Name, der mir sehr gut gefällt. Es war übrigens die Idee einer meiner Freude, der auch die Flowerkings-Website gestaltet und der auch das Frontcover für "SMPTe" entwarf. Auch hier gab es ja eine Wechsel. Als erster Name war "Second Nature" im Gespräch, was ok war, aber "Transatlantic" ist einfach besser. Was "SMPTe" angeht, ist es natürlich ein Vorteil, dass dadurch der direkten Bezug zu den Namen hergestellt wird. Die Leute in den Plattenläden sehen sofort, wer daran beteiligt war, aber wie gesagt, dieser technische Bezug gefällt mir nicht.

Erfreulicherweise wird ja auch "Transatlantic" keine Eintagsfliege bleiben...

Im Juni werden wir zunächst einige Gigs an der Ostküste spielen und nach der Sommerpause dann im September an der Westküste. Vielleicht werden wir in Zusammenhang damit auch schon mit den Arbeiten zum zweiten Album beginnen, wenn nicht, dann jedenfalls spätestens im Oktober.

Und vorher kommen wir ja noch in den Genuss sowohl eines neuen Albums von Spock's Beard als auch von den Flowerkings. Wie weit ist konkret die Arbeit für das nächste Album der Blumenkönige?

Um genau zu sein, zwei Minuten vor diesem Interview bin ich mit dem Mastering fertig geworden. Aber ich gehöre zu den Leuten, je mehr ich mich mit einem Album beschäftige, je weniger gefällt es mir ....

Sorgen machen werden wir uns aber mit Sicherheit trotzdem nicht.


© 06/2000 Renald Mienert
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