Ambeon: Das Schicksal eines Träumers

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

"Fate Of A Dreamer" ist der Titel des neuen Albums des Holländers Arjen Lucassen, mittlerweile wohl fast besser bekannt als Ayreon. Auch wenn diese Zeile etwas düster klingt, für Arjen Lucassen stehen die Sterne in der Welt der Rockmusik nach wie vor günstig. Ambeon hat er sein neues Projekt genannt, ein Wortspiel aus den Begriffen "ambient" und eben "Ayreon" – womit auch gleich die musikalische Richtung des Albums treffend beschrieben ist. Was eigentlich ein (fast) reines Instrumentalalbum werden sollte, dem ein oder zwei vokale Songs eine etwas wärmere Note geben sollte, endete kurioserweise als CD, das sich vor allem durch den Gesang von ähnlichen Werken abhebt (unterm Strich blieben nur zwei Instrumentals übrig). Schuld daran ist ein gerade mal fünfzehn Jahre jung gewordenes Mädchen namens Astrid van der Veen. Und da man sich in unserem Genre in der Regel eher mit Herren mittleren Alters unterhält, war das Gespräch mit einer jungen Dame natürlich eine willkommene Abwechslung.

Wie hast Du Arjen eigentlich kennen gelernt?

Ich habe vor etwa einem Jahr eine eigene Single aufgenommen – viel Piano und meinen Vocals eben, viele Leute vergleichen mich ja mit Kate Bush. Arjen suchte damals nach einer Sängerin für sein neues Projekt. Ein an der Produktion Beteiligter hatte davon gehört, und schickte Arjen Material von mir. Arjen gefiel meine Stimme und er rief mich an. Er fragte, ob ich ihn oder seine Musik kennen würde, und ich sagte, nein. Daraufhin schickte er mir seine CD’s – sie gefielen mir, und so kamen wir zusammen.

Seit wann machst Du Musik?

Meine Mutter ist Sängerin und ich schätze, meine Familie ist sehr musikalisch. Ich habe schon sehr früh angefangen zu singen, mit zehn habe ich Gesangsunterricht genommen.

Sei mir nicht böse, aber so weit ich weiss, beschäftigen sich Mädchen in Deinem Alter eher mit anderer Musik – Boy Groups und dieses Hitparadenzeug eben.

Ich habe einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack – ich liebe Metal und Gothic, Rock aber auch softere Sachen wie zum Beispiel Tori Amos. Ich mag wirklich sehr viel und kann nicht sagen, dass ich ein bestimmtes Genre bevorzuge. Mit progressive Rock hatte ich vorher allerdings kaum etwas zu tun, erst durch Arjen habe ich diesen Stil kennengelernt, und mittlerweile gefällt er mir sehr gut und ich kenne auch einige der Szene-Bands.

Arjen hat ja gesagt, er fühlt sich ein wenig so wie David Gilmour, als er Kate Bush entdeckt hat....

Das ist sehr süß, dass Arjen so etwas behauptet, und natürlich fühle ich mich geschmeichelt, aber es ist wohl doch etwas übertrieben.

Du hast ja nicht nur gesungen, sondern auch die Vocal Lines geschrieben und getextet. Worum geht es in den Lyrics?

Die ganze CD erzählt eine Geschichte, aber ich muss zugeben, nicht gerade eine wirklich normale Geschichte, nicht unbedingt logisch oder so. Ich möchte eigentlich über den Inhalt nichts erzählen. Die Hörer sollen sich ihr eigenes Bild machen, ich will da nichts vorher erklären. Es ist ein Unterschied, ob ich in einem Buch oder in einem Film eine geradlinige Geschichte erzähle, oder bei einer CD die Interpretation der Texte noch stark durch die Musik beeinflusse. Jeder Hörer kann sich aus der CD eine eigene Geschichte machen.

Es muss doch sehr schwer für Dich sein, Texte in englisch zu schreiben. Es ist schließlich nicht Deine Muttersprache.

Nein, überhaupt nicht. Als ich zu schreiben anfing, habe ich in meiner Muttersprache geschrieben, aber es hat mir nicht richtig gefallen. Mit acht Jahren habe ich angefangen englisch zu lernen, und ich habe es auf Anhieb gemocht. Ich habe sogar Wörterbücher gelesen!

Die Texte von Arjen behandeln ja immer fantastische Themen, bei Dir scheint das anders zu sein.

Ich mag Science Fiction und Fantasy schon, aber ich würde so etwas nicht selbst schreiben. Aber von den Geschichten aus Arjens Alben bin ich schon begeistert.

Was hat sich durch die CD in Deinem Leben verändert?

Ich befürchte, das ich vor allem viel mehr zu tun habe als vorher. Es macht schon Spaß, aber manchmal bin ich wirklich ziemlich K.O. Eine eigene CD war einer meiner großen Träume, und nun habe ich sie. OK; es ist nicht meine alleine, aber ich habe doch eine großen Teil dazu beigetragen.

Auch das Artwork des Albums ist deutlich anders als der Ayreon-CDs. Fotos von Dir stehen im Mittelpunkt, wobei Arjen sagt, dass Du einfach besser aussiehst als er – womit er zweifellos recht hat.

Die Fotosession hat einen ganzen Tag gedauert, wir fingen sehr früh an und waren erst sehr spät am Abend fertig. Wir hatten keine speziellen Pläne, wir fingen einfach an, probierten diverse Klamotten, unterschiedliches Licht, all diese Dinge. Wir hatten dann natürlich viel mehr Bilder, als wie eigentlich benötigten, und sehr viele davon haben uns gefallen. Die Entscheidung, welche Fotos wir schließlich für das Artwork verwenden wollten, war wirklich sehr schwierig. Arjen und ich haben die Auswahl gemeinsam getroffen, aber wir sind zum Glück sehr oft der gleichen Meinung, so gab es wenigstens nicht das Problem, dass ich ein Foto wollte und er nicht, oder umgekehrt.

Die Arbeit an dem Album muss doch eine Menge neuer Erfahrungen für Dich gebracht haben. Aber gab es auch Stress?

Es hat einfach nur Spaß gemacht! Arjen schickte mir die Musik zu, ich schrieb zu Hause die Vocallines und die Texte. Arjen hat sie immer erst im Studio zum ersten Mal gehört, und er war jedes Mal überrascht.

Arjen hat ja mal gesagt, dass Ayreon ein reines Studioprojekt ist. Zum einen wäre es sehr kompliziert, die vielen Musiker zusammen zu kriegen, aber auf der anderen Seite, hat er auch einfach keine Lust mehr auf große Touren, bei denen man Abend für Abend die gleichen Sachen spielt. Wie sieht es bei Dir aus?

Ich würde schon gerne live auftreten, ich mag das. Allerdings weiss ich nicht, ob das im Falle Ambeons funktionieren würde, wegen all dieser elektronischen Sounds und special effects. Aber ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie es ist, jede Nacht aufzutreten.

Wie reagieren eigentlich Deine Freunde und Klassenkameraden auf die Tatsache, dass Du jetzt eine CD veröffentlicht hast?

Die meisten Reaktionen waren positiv. Natürlich mag es einige geben, die jetzt glauben, ich würde arrogant werden. Du gehst auf der Straße und bemerkst jemanden einfach nicht, dann heisst es jetzt vielleicht manchmal, kaum hat sie eine CD gemacht, da hält sie sich für einen Star und kennt keinen mehr. Aber das ist eher die Ausnahme. Ich muss auch sagen, dass ich mit vielen Mitschülern gar nicht so enge Kontakte habe, weil ich einfach andere Interessen habe.

Wie war das Gefühl, als Du die fertige CD zum ersten Mal in den Händen hieltst?

Es war einfach ein tolles Gefühl. Das eigene Gesicht auf dem Frontcover einer CD zu sehen, das war schon komisch. Man hat an dem Projekt lange gearbeitet, man kennt ja eigentlich alles schon, die Musik, das Artwork, man weiß, wie es klingt und wie es aussehen soll. Aber wenn man es dann tatsächlich zum ersten Mal wirklich sieht, das ist schon seltsam. An dem Tag, als die CD erschien, bin ich gleich in einen Plattenladen gelaufen, um zu sehen, ob sie auch wirklich schon in den Regalen stand.

Wird es auch in der Zukunft eine Zusammenarbeit zwischen euch geben?

Wir wissen es noch nicht. Zunächst kommt eine Single mit neuen Versionen von "Cold Metal" und "High" und einem neuen Song. Den haben wir in nur einem Tag gemacht! Aber ansonsten ist alles noch offen. Es kann ein neues Ambeon-Album geben, oder ich singe auf der nächsten Ayreon-CD, vielleicht hilft mir Arjen ja auch bei einem eigenen Projekt. Ich bin sicher, er wird eine weitere Zusammenarbeit geben, aber nicht wie und wann.

Hast Du eigentlich schon konkrete Pläne für die Zeit nach der Schule?

Ich muss noch zwei Jahre zur Schule gehen, aber es gefällt mir ehrlich gesagt nicht besonders. Danach möchte ich auf eine Musikschule.. Und dann möchte ich die Musik natürlich zu meinem Beruf machen. Wie das dann aussieht, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht – ob als Solistin oder in einer Band. Ich habe schon in diversen Bands gespielt, und auch das hat mir Spaß gemacht.

Dass die Schule Astrid keinen Spaß macht, dürfte den meisten von uns nicht fremd sein. Und es müsste schon wirklich einiges schief gehen, wenn jemand mit einer solchen Stimme diese Träume nicht wahr machen könnte.


© 08/2001 Renald Mienert
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