Derek Sherinian: Frickelei mit Gespür für Melodie

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Spätestens seit der Keyboarder Derek Sherinian Mitte der Neunziger bei Dream Theater einstieg, geriet der Amerikaner in das Interesse der Öffentlichkeit. Nach zwei Alben ("Change Of Season" und "Fallen Into Infinity") ging man wieder getrennte Wege und Derek bastelte weiter an seiner Karriere. Neben zwei Alben mit Platypus – einer (zumindest was das Line-Up angeht) Progressive Rock Supergroup, in der neben ihm Ty Tabor (King’s X), John Myoung (Dream Theater) und Rod Morgenstein (Winger, Dixie Dregs) spielten - verfolgte Derek Sherinian vor allem seine Solo-Karierre. Das jüngste Produkt seiner Aktivitäten heisst "Inertia" und stellt den bisherigen kreativen Höhepunkt seiner Karriere dar.

Renald Mienert ließ sich die Chance eines Interviews nicht entgehen.

Du konntest ja schon vor Deinem Einstieg bei Dream Theater auf die Zusammenarbeit mit Superstars wie Alice Cooper oder Kiss verweisen...

Ich war eigentlich immer in zwei Arten von Musik involviert. Da war zunächst der typische Hard Rock von Bands wie Van Halen, Ozzy, AC/DC oder Michael Schenker. Von der Progressive Rock Seite her waren es eher Interpreten, aus der Jazz-Rock und Fusion-Szene kommen wie Al Di Meola oder Jeff Back. Meine Leidenschaft galt immer der Kombination dieser beider Richtungen. Als ich natürlich dann mit Alice Cooper arbeitete, gab es keine Chance für diese progressive Sache, so dass ich für fünf, sechs Jahre eher mit simpleren Sachen auskommen musste. Da war es für mich später wirklich schwierig bei Dream Theater einzusteigen, da ich nicht gewohnt war, derartig komplexe Sachen zu spielen.

Gab es erwähnenswerte Aktivitäten vor Kiss und Alice?

Davor habe ich eine komplette R&B - Tour mit Buddy Miles gespielt, der ja unter anderem Drummer von Jimi Hendrix war. Es war sehr gut für mein Feeling und ein neuer Aspekt für mein Spielen.

"Fallen Into Infinity" war das vielleicht umstrittenste Album von Dream Theater. Lag das an Dir?

Es gab viele Gründe dafür. Natürlich ist ein Grund, dass ein neues Bandmitglied in das Songwriting involviert war, aber es lag wohl auch daran, dass die Plattenfirma die Band in eine kommerziellere Richtung bringen wollte - und natürlich hat die Band auch selbst immer mit anderen Stilen experimentiert.

Deine Alben nach dem Ausstieg bei Dream Theater zu verfolgen ist nicht ganz einfach. Zunächst gab es ein Solo-Album unter dem Titel "Planet X" für Magna Carta. Darauf hin hast Du eine Band "Planet X" gegründet und das Album "Universe" für Inside Out produziert. Auf dem gleichen Label ist jetzt auch "Inertia" erschienen, allerdings nicht mit Deiner Band Planet X, sondern wieder als Soloalbum.

Ich hatte mit Magna Carta nur einen Deal für ein Album. Um ehrlich zu sein, war das Gründen der Band Planet X dann ein ziemlich geschickter Schachzug, um praktisch gleichzeitig zwei Plattenverträge zu haben! Als ich mein erstes Album einspielte, war die Zusammenarbeit mit Virgil Donati aber dann so stark, dass ich das Gefühl hatte, wir sollten eine Band gründen. Aber ich hatte genauso immer vor, auch weiter Soloalben zu produzieren.

Du hast auf "Inertia" wirklich begnadete Künstler als Gastmusiker gewinnen können – Steve Lukather und Simon Philipps von Toto, Zakk Wylde von Ozzy Osbourne, um nur einige zu nennen.

Auf "Inertia" arbeite ich wirklich mit meinen absoluten Lieblingsmusikern zusammen und ich bin sehr glücklich darüber, dass es dazu gekommen ist. Dass größte Kompliment für mich war die Aussage von Steve Lukather: "Inertia" ist das beste Soloalbum, dass ich nie gemacht habe! Wenn es uns jetzt auch noch gelingt, diese Musik mit diesen Musikern auf einer Tour zu präsentieren, dann würde wirklich ein weiterer Traum für mich in Erfüllung gehen. Wir sprechen gerade mit Promotoren, vielleicht werden wir zunächst in Japan spielen. Aber falls eine solche Tour klappen sollte, dann könnte ich von mir aus am nächsten Tag sterben!

Ist es nicht ein Problem, mit solchen Stars zu arbeiten, ihnen praktisch vorzuschreiben, was sie zu tun haben?

Ich bin mir schon der Einflüsse und der Erfahrungen der anderen Musiker bewusst, aber zunächst weiss ich natürlich exakt, was ich eigentlich will. Ich versuche auch, die Ideen der anderen möglichst mit meinen in Einklang zu bringen.

Um ehrlich zu sein, mit "Universe" konnte ich nicht so viel anfangen. Sicher, ein Statement dafür, was man alles so mit seinen Instrumenten anfangen kann, aber keine Songs. Bei "Inertia" ist das anders.

"Inertia" hat einfach eingängigere Melodien. Es ist nicht mehr ein Album nur für Musiker – sogar meine Mutter liebt "Inertia". Was das zweite Album angeht, so gibt es dort auch eine gewissen Schönheit, aber die ist eher abstrakt. Mit "Inertia" wollte ich die Verbindung von Komplexität und Eingängigkeit erreichen.

Auch "Inertia" ist ja wieder ein rein instrumentales Album geworden – wie kommt man bei solchen Tracks eigentlich zu einem passenden Titel für einen Song?

Ich muss gestehen, das ist für mich das aller schwerste: Einem Song einen passenden Namen zu geben. La Perla Loca zum Beispiel war eigentlich nur der Arbeitstitel. Aber als die Zeit kam, um das Artwork fertig zu stellen, hatten wir noch immer keinen besseren, und so ist es dabei geblieben. Das Problem bei rein instrumentaler Musik ist eben das Fehlen der Texte. Von einem Text kommt man einfacher zu einem passenden Titel. Evel Knievel ist ein berühmter amerikanischer Motoradstuntman, Frankenstein war 1973 in Amerika ein großer Hit von Edgar Winter, und es hat uns ziemlichen Spaß gemacht, diesen Song zu covern.

Du hast mit Bands wie Dream Theater, wahrscheinlich mehr noch bei Kiss und Alice Cooper, vor richtig großem Publikum gespielt. Fehlt Dir das?

Ich vermisse schon die großen Shows, aber auf der anderen Seite ist es jetzt meine Name, der auf der CD steht und es ist meine Musik, was natürlich auch sehr befriedigend ist. Ich habe mit Alice bei Monsters Of Rock in Brasilien vor 80.000 Leuten gespielt – ein tolles Gefühl, aber die Musik war nicht meine eigene. An einem bestimmten Punkt willst du als Musiker deine eigene Musik machen – und das mache ich jetzt.

Du warst schon nicht mehr bei Dream Theater, hast aber zu der Zeit immer noch mit John in Platypus gespielt. Gab das keine Probleme?

John Myung ist ein sehr unkomplizierter Typ, das war nie ein Problem für mich. Vom kreativen Standpunkt her, war die Arbeit mit Platypus für mich allerdings nicht sehr zufriedenstellend. Es war wie vier Leute, die man mal eben zusammen in einen Raum gesteckt hatte, kaum inspirierend. Die Chemie zwischen uns war einfach nichts besonders. Ich werde aber in der Zukunft ein weiteres Projekt mit Ty Tabor starten. Es wird allerdings nicht mit progressive Rock zu tun haben, sondern eher in die Pop und Beatles-Richtung gehen. Es gibt nur sehr wenig Keyboards, aber ich mag das Songwritung von Ty. Die Arbeit mit ihm ist auf eine andere Art für mich auch kreativ, aber die Musik ist nicht die Musik, die aus meinem Herzen kommt. Dieses Album wird ebenfalls bei Inside Out erscheinen.

Was siehst Du Deine momentane Situation?

Seit ich als Solist oder mit eigener Band aktiv bin und nicht mehr nur als Sideman, denke ich praktisch von Platte zu Platte, ich kann sagen, zu der und der Zeit meines Lebens habe ich dieses oder jenes Album gemacht. Ich bin jetzt 34 Jahre alt, und wenn ich vergleiche, was andere Leute in diesem Alter erreicht haben, da bin ich schon sehr zufrieden.


© 08/2001 Renald Mienert
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