Glass Hammer: Retro Prog in Reinkultur

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Interview

Auch wenn man die Wurzeln Glass Hammers bis in die frühen Achtziger zurückverfolgen kann, so mag als offizieller Startschuss 1992 gelten, als die beiden Freunde Steve Babb und Fred Schendel mit den Arbeiten zu einem auf Tolkien basierendem Konzeptalbum begannen "Journey Of The Dunadan". Es folgten Alben wie "Perelandra"(1995) und "On To Evermore" (1998), wobei es noch diverse Sideprojekte und ein Livealbum gab. Erstaunlicherweise blieb die Band selbst innerhalb der Szene relativ unbeachtet, und wenn es noch etwas wie Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt, dann sollte sich das eigentlich spätestens nach dem Album "Chronometree" aus dem Jahr 2000 ändern.

Fred Schendel und Stebe Babb beantworteten Renald Mienert per email einige Fragen.

"Chronometree" ist für mich definitiv das beste Retro-Prog-Album des letzten Jahres und als solches mal wieder bestens geeignet, die altbekannte Diskussion über den Sinn solcher Werke wieder aufzugreifen. Die einen sagen wie üblich: "Wie kann etwas progressiv sein, was so offensichtlich davon lebt, die Bands der Siebziger zu kopieren?" Und die anderen antworten: "Ist mir doch scheissegal, ich mag die Musik einfach!"

Fred: Keiner schafft etwas in einem Vakuum. Zusätzlich zu den üblichen musikalischen Einflüssen kommen noch der Einfluss von jeder anderer Kunst wie Büchern oder auch Philosophie hinzu. Unsere Musik ist ebenso das Resultat einer bestimmten Weltanschauung, die sich über die Jahre hinweg entwickelt hat. "Chronometree" ist ein deutlicher Verweis auf die großen Progbands wie Yes, ELP oder Genesis. Mit einem solchen Album kommt man sehr schnell in eine Diskussion, bei der die einen das Wort "Prog" für einen musikalischen Stil nehmen, der eben in den Siebzigern kreiert wurde, während es die anderen wörtlich im Sinne von "sich weiter entwickeln" verstehen. Ich glaube, die meisten Fans verbinden mit Prog einen bestimmten Stil, oft eben "retro", aber auch mit Subkategorien wie "Neo" oder "Symphonic" verbunden. Ich denke, wirklich neue Musik, sollte auch eine eigene Bezeichnung bekommen. Aber seien wir ehrlich, wieviel gibt es davon wirklich? Selbst die abgefahrendsten Avantgarde-Bands kann man in ihren Einflüssen bis zurück in die Fünfziger verfolgen.

"Chronometree" erzählt ja die Geschichte eines Progfans, der die Meinung vertritt, die Texte von Yes enthielten verschlüsselt die Anleitung zum Bau einer Zeitmaschine. Eine Storie, die mit einem Augenzwinkern präsentiert wird, im Gegensatz zu euren früheren Alben.

Steve: Musikalisch ist das Album genauso ernsthaft wie die Vorgänger. Es ist vielleicht was die Musik angeht eine Art bewusste Rückentwicklung. Das Album sollte klingen, als hätten wir es schon viel früher gemacht. Es ist für uns aber auch ein Fortschritt, weil wir es geschafft haben, dass es wirklich wie aus einem Guß klingt. Das nächste Album soll auch wieder diese Einheit bilden, allerdings in einem zeitgemäßeren Gewand. Was die Texte angeht, so glaube ich, wir alle neigen dazu, Prog zu ernst zu nehmen. Da können die Progfans wirklich ein schlechtes Gewissen haben. Wir verbringen Monate mit der Arbeit an einem Album, und wenn wir fertig sind, können wir uns nicht daran erfreuen! Wir haben also ein Album über einen Typen Namens Tom gemacht, der es mit seiner Liebe zum Prog wirklich übertreibt. Er beginnt Stimmen in der Musik zu hören, die zu ihm sprechen. Wir kennen tatsächlich Leute, die diesem Tom sehr ähneln. Ich hoffe, die Fans mögen unser Album, können aber auch ein wenig darüber lachen. Ein kleiner Tom steckt in jedem von uns.

Es gibt mit Arjen Lucassen? Einen sehr bekannten Gastmusiker auf eurem Album. War er nur ein Gastarbeiter oder reichte sein Einfluss weiter?

Fred: Er war schon ein ganz besonderer Gastmusiker und wir waren sehr stolz, ihn dabei zu haben. Er kam auf uns zu, ich glaube nicht, dass wir ihn angesprochen hätten, da wir nie mit seiner Zustimmung rechnen würden.. Wir schickten ihm fertige Teile der Musik und er steuerte ein paar Solos bei. Er war viel zu beschäftigt, um mehr zu tun, er hat seinen Part an einem Nachmittag erledigt.

Wie kam eigentlich der Bandname zustande?

Steve: Fred und ich waren beide bereits in anderen Bands und standen dort vor der Situation einen passenden Namen zu finden. Das ist nie besonders lustig. Zunächst kommt man mit einer Liste passabel klingender Vorschläge, nur um anschließend wieder Gründe zu finden, die gegen diese Vorschläge sprechen. Gewöhnlich endet sowas im totalen Chaos. Wir wollten das bei Glass Hammer unbedingt vermeiden. Eines Tages blätterten wir in einem Buch, in dem mehrere Science Fiction Werke aufgelistet waren, eines davon war Glass Hammer. Ich meinte, dass wäre ein möglicher Bandname, Fred sagte: Klingt gut! Und dabei blieb es. Der Name steht für ein Objekt voller Kraft, das aber gleichzeitig auch zerbrechlich und wunderschön ist. Natürlich ist es gleichzeitig auch völlig nutzlos. Vielleicht trifft ja beides auf uns zu!

 

Habt ihr euch eure Karriere eigentlich so vorgestellt?

Steve: Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe, seit meine Kindheit der Musik einen solchen Platz in meinem Leben einräumen zu können. Auf der anderen Seite werde ich aber auch nicht richtig zufrieden sein, bis wir 40.000 Kopien je Album verkaufen. Wir haben keinerlei Deals mit größeren Plattenfirmen und offen gestanden glaube ich auch nicht, dass wir jemals welche haben werden. Es ist schon komisch: Was vor Jahren als völlig unabhängiges Prog-Revival begann, ist plötzlich für einige wenige Plattenfirmen durchaus ein profitables Geschäft. Wenn es dir gelingt, bei der richtigen zu signen, dann bist du plötzlich groß in der Szene. Aber für uns ist es OK so wie es ist. Es läuft eigentlich besser als erwartet, und wir versuchen halt alleine möglichst weit zu kommen.

Was inspiriert euch?

Steve: Was die Musik angeht sind sowohl Fred als auch ich stark durch Kirchenmusik beeinflusst. Sehr jung spielten wir beide schon als Kirchenmusiker, ich Klavier und Fred Orgel, wenn auch nicht in der gleichen Kirche. Bands wie Yes, ELP, Camel, Utopia, Rush und Jethro Tull brachten uns zum Prog. Aber auch Filme inspirieren uns, zum Beispiel; 2001, Excalibur, Fire Walks With Me (The Twin Peaks Movie). Und dann natürlich Bücher: Ayn Rand's "Atlas Shrugged", Tolkien's "Lord Of The Rings", und C. S. Lewis's "Space Trilogy".

Eine meiner Lieblingsfragen zum Schluss. Warum hat Prog eigentlich in den Siebzigern so gut funktioniert, während er heute so ein Schattendasein fristen muss?

Steve: Ich war damals ein Teenager. Aber schon damals gab es mangelndes Interesse seitens der Medien an dieser Musik. Ich habe vom Prog eigentlich erst etwas mitbekommen, als es schon wieder vorbei war. Hätte mich Freunde nicht mit der Musik bekannt gemacht, ich hätte nie etwas davon mitbekommen. Natürlich habe ich gelegentlich "Lucky Man" oder "Round About" im Radio gehört. Manchmal auch Jethro Tull. Aber ansonsten gab es die Bay City Rollers und die The Bee Gee's. Freilich, es gab Gruppen, die waren verhältnismäßig groß, aber genauso viele hatten nie eine Chance. Wir neigen dazu, von der guten alten Prog-Zeit zu sprechen, als wäre es Kamelot. Ich glaube, der einzige Unterschied war, dass es einige Bands gab, die es wirklich schafften, bei der breiten Masse anzukommen, der Rest blieb unbekannt. Heute verkaufen sich Sex und Kontroverses, beides gibt es nicht im Prog. Heute ist Prog meist nur ein Auffrischen der Musik der Siebziger, wobei das Songwriting üblicherweise nicht besonders gut ist. Die meisten Progbands heute verdienen nicht mehr Beachtung, als sie auch haben. Wenn die Musikindustrie verstehen würde, was wir machen, und es einer Band gelingen würde, einen Hit zu landen, der zu entsprechenden Verkaufszahlen führen würde, dann würden auf einmal viele Progbands kommerziell werden, und dann wäre es nicht mehr Prog. Es würde verdammt schnell schief gehen, und das wäre für uns alle schlecht. Soll es also ruhig bleiben, wie es ist!


© 05/2001 Renald Mienert
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