Nikolo Kotzev: Nostradamus – Die Rockoper

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Man muss nicht mit den visionären Gaben eines Nostradamus gesegnet (oder gestraft?) sein, um zu erkennen, dass es sich bei vorliegendem Werk um deutlich mehr als nur eines der üblichen Metal-Konzeptalben handelt. Nikolo Kotzev’s Nostradamus trägt den Begriff Rockoper völlig zurecht. Der aus Bulgarien stammende und in Skandinavien lebende Künstler, der Hard-Rockfans vor allem durch seine Arbeit mit Baltimore und Brazen Abbot ein Begriff ist, konnte prominente Sänger und Musiker für sein Vorhaben gewinnen, und darüber hinaus noch ein fünfunddreißig Mann starkes Symphonie-Orchester. DURP unterhielt sich mit dem Maestro.

Wie verschlägt es eigentlich einen Musiker aus Bulgarien nach Finnland?

Ich habe in einer Top40-Band gespielt, die auch in Skandinavien auftrat. Wir haben mit Konzertagenturen zusammengearbeitet, Impresarios aus Finnland kamen nach Bulgarien, checkten so um die dreißig, vierzig Bands und suchten sich die besten aus. So kamen wir an diese Jobs. Wir haben in Klubs und Diskotheken gespielt, und dann traf ich ein Mädchen in Finnland. Wir haben geheiratet und ich bin in Finnland geblieben. Das war 1989.

Wie entstand die Idee zu einem solchen Mammutwerk?

Einige der Brazen Abbot-Sänger baten mich, doch mal einen Song zu schreiben, bei dem mehrere von ihnen singen würden. Diese Frage hatte mein Interesse geweckt. Ich kam zu der Idee, dass eine Konzeptalbum eine geeignete Sache sei, um solche Songs zu rechtfertigen. Ich suchte ein passendes Thema und landete bei Nostradamus, und aus dieser kleinen Idee entstand schließlich ein solch gigantisches Projekt. Ich glaube, dass Nostradamus wirklich die Zukunft voraussagen konnte. Es ist ja auch erwiesen, dass Prophezeiungen von ihm eingetreten sind. Ich habe keine Zweifel daran, dass er wirklich wusste, wovon er sprach. Mir gefallen sollen unerklärlichen, paranormalen Dinge.

Es gab besonders im Bereich des Symphonic-Metals in den letzten Jahren eine Vielzahl von Konzeptalben. Das eigentliche Konzept spiegelt sich dabei aber häufig ausschließlich in den Texten wieder. Ansonsten hätten es auch ganz normale Metal-Songs sein können. Du geht’s da deutlich weiter.

Jeder macht die Dinge so, wie er sie für richtig hält. Ich mache nicht gerne Kompromisse. Ich habe ein klassische Ausbildung, das heisst, ich war von vornherein in der Lage, auch diese symphonischen Elemente zu komponieren. Das ist nicht unbedingt alltäglich – Musik für ein komplettes Orchester schreiben, das kann eben nicht jeder. Aber ich hatte schon sehr lange den Traum, eine Rockoper zu schreiben. Und jetzt war die Gelegenheit da, also habe ich die Chance genutzt. Nostradamus ist das beste, was ich bisher geleistet habe. Das Schreiben von Nostradamus war anders, aber nicht schwerer. Kompliziert war es zum Beispiel, das Orchester so einzubinden, das es in dieser Hard-Rockumfeld passt. Man muss genau aufpassen, wie weit man gehen kann, welche Regel man brechen darf und welche nicht. Die Musik hatte ich in meinem Kopf schon sehr lange fertig. Die richtigen Entscheidungen zu treffen, das war das komplizierte. Was die Texte angeht, so kommen diese von den jeweiligen Sängern. Ich halte das für sinnvoll, und das Ergebnis gibt mir auch recht. Auch die Texte sind außergewöhnlich gut geworden, und ich bin sehr stolz darauf.

Gab es mal einen Punkt, an dem Du glaubtest, das Projekt würde scheitern?

Ich habe nicht eine Sekunde an dem Projekt gezweifelt. Bevor ich etwas beginne, kalkuliere ich ganz genau, ob es auch wirklich realisierbar ist. Ich habe im Vorfeld versucht, alle möglichen Schwierigkeiten vorauszusehen, um ihnen dann im Ernstfall begegnen zu können. Aber Aufgeben kam für mich nie in Frage.

 

Nun gelten Doppelalben ja generell als schwerer zu vermarkten als eine einzelne CD. Und wenn man dann auch noch musikalisch so schwere Geschütze auffährst wie Du, da muss es doch schwer gewesen sein, überhaupt eine Plattenfirma zu finden.

Es war nicht schwierig, eine Plattenfirma zu finden. Schwierig war es, die richtige zu finden. Ich habe viele Angebote abgelehnt. Nostradamus ist nicht einfach ein Rockalbum wie viele andere, es ist eine ganz spezielle Sache. Das muss die Plattenfirma kapieren, und sie muss die entsprechenden Möglichkeiten haben, um ein vernünftiges Marketing für so ein Album aufzusetzen, dass die CD schließlich auch vernünftig in die Läden kommt. Es hat dann auch eine Weile gedauert.

Was die beteiligten Sänger angeht, so war es sicher naheliegend, auf Leute zurückzugreifen, die bereits mit Brazon Abbot zutun hatten, wie Glenn Hughes, Joe Lynn Turner oder Goran Erdman. Darüber hinaus sind Jorn Lande mit dabei – ebenfalls ein herausragendes Sänger, den man unter anderem von TNT, The Sign oder seiner Soloplatte vom letzten Jahr kennt – und Dougie White, der ja immerhin schon ein Rainbow-Album einsingen durfte und vor einigen Monaten mit Cornerstone überzeugte. Doch wie kamst Du zu den Sängerinnen?

Allanah Myles ist für mich eine der besten Sängerinnen überhaupt. Seit ich sie mit "Black Velvet" hörte, hatte ich die Idee, mit ihr zu arbeiten. Jetzt war die Chance da, ich habe sie über ihren Manager kontaktiert und sie hat sich entschlossen mitzumachen. Allanah hat mir dann Sass Jordan empfohlen, eine andere kanadische Künstlerin, und ihre Empfehlung allein hat gereicht, ihr die Rolle zu geben. Und man hört ja auch, dass es die richtige Entscheidung war. Gerade bei Sängern bin ich sehr genau, ich lege extrem großen Wert darauf, dass die Sänger, mit denen ich arbeite, auch wirklich für meine Songs geeignet sind.

Nun gut, die Leute hattest Du damit ja komplett. Und wie legtest Du fest, wer für welche Rolle geeignet war?

Das war wirklich nicht einfach. Ich bin von meinem Gefühl ausgegangen. Als feststand, welche Charaktere in meiner Rockoper auftreten sollten, habe ich überlegt, welcher Sänger zu dieser Figur passen könnte. Aber das war natürlich nur die eine Seite. Auf der anderen Seite musste ich natürlich auch sicherstellen, dass es sich um Rocksänger handelte, die eine gewisse stimmliche Breite abdeckten. In einigen Fällen entstanden die Songs, nachdem ich schon wusste, wer sie singen würde. Dann konnte ich natürlich den Song auf die gesanglichen Fähigkeiten maßschneidern. Aber oft war es eben auch so, dass die Titel vorher fertig waren. Da musste der Sänger dann natürlich nicht nur vom charakterlichen Typ der darzustellenden Figur passen, sonder er musste vor allem in der Lage sein, diese Songs zu interpretieren.

Was war schwieriger? Die musikalische Seite oder die organisatorische?

Es war wirklich viel einfacher, die Musik zu schreiben, als dieses gesamte Projekt zu koordinieren. Mit sieben Sängern, all diesen Musikern und einem Orchester zu verhandeln, war nicht gerade einfach, besonders wenn man auch die Finanzen verantwortet. Die Leute müssen ja nicht nur dazu gebracht werden, in dem Projekt mitzuwirken, sie müssen auch bezahlt werden.

Ist mit der CD das Thema für Dich eigentlich abgeschlossen?

Das ganze Projekt wurde gestartet mit dem Ziel es auch live aufzuführen. Nostradamus live zu hören, wird eine völlig neue Erfahrung sein, als nur die CD zu hören. Die Veröffentlichung des Doppelalbums ist nur ein weiterer Meilenstein, aber noch nicht das Ende des Projektes. Jetzt kann ich die Fans erreichen, das Interesse der Medien, und wenn es gut läuft kann ich als nächstes dann Sponsoren suchen, die es ermöglichen, dass eine Liveumsetzung von Nostradamus realisiert werden kann.

Hast Du nicht die Befürchtung, dass Du die Fans mit einem solchen Werk überforderst? Gab es schon Reaktionen?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen, da die Reaktionen die mir bisher vorliegen in erster Linie von den Medien stammen. Aber die sind alle überaus positiv, was schon mal ein gutes Zeichen ist. Es gibt auch eine Nostradamus-Website, und da das Album in Japan schon erschienen ist, gibt es dort auch schon erste Fanreaktionen, und die ebenfalls positiv, also hoffe ich, das die Hard-Rock-Fans das Album mögen. Es ist ja schließlich auch ein Hard-Rockalbum, und man hat zudem die seltene Gelegenheit, ein Symphonieorchester zu erleben, das wie eine Hard-Rockband spielt. Ich gehe auch davon aus, dass ich mit diesem Album neue Fans gewinnen werde. Leute die nicht unbedingt auf Brazon Abbot stehen, aber auf solche klassischen Themen. Und auch wenn Nostradamus ein einmaliges Projekt ist, so stehe doch ich dahinter. Neue Hörer lernen mich kennen, und finden so dann vielleicht auch zu Brazon Abbot.

Wie geht es mit Brazon Abbot weiter und wird es neben Nostradamus und Brazon Abbot noch andere Projekte geben?

Ich plane im Sommer mit dem Songwriting für das nächste Brazon Abbot – Album zu beginnen. Natürlich wird es mit der Band weitergehen. Ich habe keine Probleme damit, auch noch für andere Leute zu arbeiten, es kommt darauf an, was ich für sie tun soll. Ich würde gerne für andere Songs schreiben oder auch produzieren. Aber ich bin nicht unbedingt darauf angewiesen, da ich mit meinen eigenen Projekten auch gut beschäftigt bin.

Was wir angesichts der Livepläne bezüglich Nostradamus allerdings auch glauben!


© 09/2001 Renald Mienert
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