Primitive Instinct: Was lange währt wird gut !

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Sechs Jahre nach dem Erscheinen von "Floating Tangibility" melden sich die Briten mit neuem Album zurück. Und brachten es mit "Belief" immerhin bis zum "Tip des Monats".

Renald Mienert unterhielt sich mit Nick Sheridan

Ist Primitive Instinct denn überhaupt eine Progband? Euer Debüt erschien zwar mit Cyclops auf einem Prog-Label, aber was die Musik angeht, habe ich da doch so meine Bedenken...

Wir sind selbst nicht sicher, in welche Schublade wie gehören. Früher nannte man uns zwar eine Neo-Prog-Band, aber wir waren wohl nie wirklich ausreichend Prog, um wirklich in diese Kategorie zu passen. Mittlerweile sehen wir uns eigentlich mehr als Alternativ-Rockband, ich denke, damit ist unsere musikalische Bandbreite am ehesten abgedeckt und es schließt ja die progressive Komponente auch nicht aus. Außerdem ist der Begriff "Alternativ" in der Rockszene auch weitestgehend akzeptiert, wenn man sich in England als "Progband" bezeichnet, dann wird man normalerweise von vornherein ignoriert – es ist wie der Kuss des Todes! Uns haben ja auch alle möglichen Bands beeinflusst, angefangen bei Barclay James Harvest, Marillion, Pink Floyd, Radiohead, aber auch das geht bis zu den Manic Street Preachers, Foo Fighters, Head Swim usw. Wir sind eben was wir sind. Ich glaube der Grund, dass es uns immer noch gibt, besteht einfach darin, dass wir einfach dem vertrauen, was wir tun und nicht auf Teufel komm raus dem Erfolg nachjagen. Wir haben vor Jahren schon kapiert, dass wir nie wirklich berühmt werden. Wir haben trotzdem Spaß an der Sache und das ist mehr wert als Erfolg. Wir haben natürlich nichts dagegen reich zu sein und berühmt, aber nicht auf Kosten unserer Integrität. Zum Glück gibt es genügend Leute, denen unsere Musik auch so gefällt, ich bin nicht sicher, was wir machen würden, wenn das nicht so wäre.

Die Gefahr scheint ja im Augenblick nun wirklich nicht zu bestehen. Aber zurück zu den letzten Jahren. Es gab ja einige Wechsel im Line Up.

Wir haben noch Glück gehabt, es gab zwar einige Wechsel, aber nicht zu viele. Pic und ich sind jetzt seit zehn Jahren zusammen und unser Drummer Chris ist seit fünf Jahren dabei. Generell können solche Wechsel im Line Up auch etwas Gutes haben, sie bringen neue Ideen und stilistische Erweiterungen in eine Band. Alle unsere wirklich wichtigen Schritte vorwärts haben wir nach einem Wechsel im Line Up gemacht. Als unserer Keybaorder uns vor drei Jahren verließ, haben wir uns entschlossen ihn nicht zu ersetzen, was wiederum dazu führte, das wir unsere Arbeitsweise ändern mussten, was in gewisser Hinsicht wiederum der Musik zugute kam. Ich musste lernen, sowohl die Keys als auch Gitarre zu spielen. Momentan ist das Line Up stabil, wir verstehen uns gut und alles läuft bestens.

Ihr habt ja auch euer eigenes Studio aufgebaut, warum?

Wir haben in den letzten Jahren sehr viele verschiedene Studios ausprobiert. Es war einfach eine sehr zeitaufwendige und teure Geschichte, Studios für die Produktion von "Belief" zu mieten. Wir dachten, da wäre es schon geschickter, das Geld in eigenes Equipment zu investieren, was uns erlauben würde, uns einfach mehr Zeit zu nehmen und bestimmte neue Ideen auszuprobieren ohne immer gleich auf die Kosten zu achten. Das eigene Studio war so eine Art Wende zum Guten, danach lief alles bestens. Zum Schluss passierten die meisten Dinge in meinem Haus, die Drums aber wurden in einem professionelle 24 Track Studio aufgenommen, um den bestmöglichen Drumsound zu erzielen.

Euer Debüt erschien ja damals bei Cyclops....

Ein Label wie Cyclops war damals die richtige Entscheidung. Wir waren eine der ersten Cyclops – Bands überhaupt und "Floating Tangibility" war die dritte Veröffentlichung des Labels. Damals wären wir nicht in der Lage gewesen, ein Album ohne ihre Hilfe zu veröffentlichen. Aber wir konnten die Dinge nicht mehr selbst steuern und auch finanziell hatten wir nicht viel davon. Immerhin haben sie 3000 Alben verkauft, was ganz ordentlich ist. Aber heute ist es wesentlich leichter, eine CD selbst zu produzieren und durch das Internet sind wir in der Lage eine weltweites Publikum zu erreichen, also war es geradezu logisch, die Dinge jetzt selbst in die Hände zu nehmen. Wir haben noch Kontakt zu Cyclops und sie vertreiben auch das Album, aber wir haben jetzt die volle Kontrolle. Und die finanzielle Seite sieht jetzt deutlich besser aus. Wir hätten zwar auch wieder eine kleinen Deal haben können, aber dann wäre alles wie früher gewesen. Damals haben wir gerade unser eigenen Kosten abgedeckt, das Label, die Vertriebe, die CD-Läden – alle haben sie verdient, nur wir nicht. Das sieht jetzt anders aus. Durch den Erlös können wir Folge-Produktionen finanzieren uns so etwas hilft einfach auch bei der Stange zu bleiben. Freilich wenn EMI oder SONY uns einen Deal anböten, wir würden nicht Nein sagen!

Aber da das wohl nicht passieren wird, bleibt doch nur das Internet....

Wir sind recht gut im Web vertreten. Du erreichst die Fans jetzt praktisch von deinem Schlafzimmer aus. Die Promotion von "Belief" erfolgt primär über das Internet, wir haben auf verschiedenen Seiten MP3-Files zum downloaden, und natürlich kann unser Album auch online bestellt werden. Ich denke, dass Web erweitert wirklich unseren Horizont und ermöglicht den Leuten Musik zu hören, die sie nie im Radio oder TV geboten bekämen. Besonders MP3 liebe ich, ich habe durch dieses Format so viele brillante aber ungesignte Bands gehört.

Kommen wir zur neuen Platte, wie siehst du sie im Vergleich zum Vorgänger?

Wir sind in den letzten sechs Jahren reifer geworden. Ich denke immer noch, Floating Tangibility ist ein gutes Album, aber Belief ist besser. Wir sind ein wenig düsterer im Sound, aber Texte und Musik haben mehr Tiefe. Wir schreiben im Prinzip alle zusammen an den Songs. Einer kommt mit einem bestimmten Rhythmus und daraus wird dann der Song entwickelt. Viele Sachen werden wieder verworfen, ich glaube wir sind ein wenig zu kritisch gegenüber uns selbst. Manchmal werden Songs sozusagen live ausprobiert, um zu sehen ob sie funktionieren und mit der Zeit entwickeln sie sich zum Endprodukt.

Kommen wir zum Titel –Belief - und zu den Texten...

Jeder von uns glaubt an irgend etwas, und der Hauptgedanke ist wohl, dass wir sagen wollen, man soll den Glauben der anderen tolerieren. Es gibt nicht das eine Richtige und das eine Falsche, was für den einen richtig ist, ist für einen anderen völlig verkehrt, aber wer sind wir, um das zu entscheiden. Mein Glaube mag mir helfen, aber ich sollte nicht versuchen, ihn anderen Leuten aufzuzwingen. Ich glaube, darin besteht das Hauptproblem aller Religionen, jede meint, nur sie habe recht und ist nicht in der Lage, eine andere zu tolerieren. Grundsätzlich brauchen wir alle einen Glauben. Das Cover sollte Bilder zusammenstellen, die auf die verschiedenen Glaubensformen hindeuten. Das Kreuz steht für das Christentum, aber das Pentagramm für den Teufel. Und es gibt Bilder, die zeigen, wie es sich auf Kinder auswirkt, wenn um Religionen gestritten wird: " it's always the children who get hurt while we are fighting for this stupid piece of dirt!" (praying for the rain) Unsere Texte drehen sich schwerpunktmäßig um drei Themen: Die Sinnlosigkeit von Kriegen, Beziehungen und unsere Dummheit bezüglich der Zerstörung des eigenen Planeten. Ich weiß nicht warum, aber es geht einfach immer um diese Dinge. Es steckt einfach in uns – wahrscheinlich in uns allen – und bei uns äußert es sich in den Texten, aber das war nie Absicht. Witzigerweise – obwohl uns die Texte besonders wichtig sind – entsteht die Musik bei uns immer zuerst. Manchmal wird ein Text sogar erst unmittelbar vor den Aufnahmen geschrieben. Aber ein bestimmtes Gefühl oder eine bestimmte Idee für jeden Song gibt es von Anfang an. Wir lassen die Texte absichtlich ein wenig im Unklaren, so dass sich die Hörer selbst ein Bild machen müssen. Wir wollen nicht unsere Anschauung einfach auf andere übertragen.

Ihr habt ja auch den Ruf einer hervorragenden Live-Band- gibt es irgendeine besondere Anekdote?

Wir haben einmal einen kleinen Gig im Fulham in London gespielt, und im Publikum saß ein gewisser Mike Oldfield. Am nächsten Tag wurde er im Radio interviewt. Er wurde gefragt, ob er noch immer in Rockkonzerte gehen würde, und er sagte, gerade gestern hätte er die beste Band seit Jahren gehört! Das ist unser kleiner Anteil am großen Ruhm!

Unterscheiden sich eure Songs eigentlich in der Live und Studio – Version?

Die Studioaufnahmen enthalten mehr akustische Gitarren und Backing Vocals als wir live umsetzen können. Es ist das erste Mal, dass wir versucht haben, einen viel komplexeren Sound aufzunehmen, als wir ihn dann live auch reproduzieren können. Auch dabei kam uns das eigene Studio sehr zugute.

Habt ihr noch Kontakt zu einigen der Bands mit denen ihr aufgetreten seit?

Wir treffen immer mal wieder eher zufällig auf alte Kumpels. Gerade heute Nacht schaue ich mir IQ an, und ich bin sicher, wieder viele alte Bekannte zu treffen.

Ihr habt ja schon vor dem Debüt einige Kassetten produziert, werden diese auch auf CD erscheinen?

Es gibt eine Compilation auf CD-R unter dem Titel "Ice For Eskimos", und diese beinhaltet eine Auswahl von solchen alten Tracks. Die CD ist noch lieferbar.

Zum Abschluss die Frage nach deiner Lieblingband, mit der ihr auch mal live zusammen spielen möchtet?

Was mich angeht, so wäre es Radiohead, ich glaube sind derzeit die "progressivste" Band von allen!


© 01/2001 Renald Mienert
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