Record Heaven: Das Himmelreich des Classic Rock

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Interview

Noch vor einigen Jahren war das schwedische Label Record Heaven hierzulande so gut wie unbekannt. Aber in den letzten Monaten überraschte es immer wieder mit Veröffentlichungen, die Fans von Progressive – und Hard Rock in Euphorie versetzten, seien es nun Acts wie Five Fifteen und Isuldur‘s Bane auf der einen oder Demon und Moxy auf der anderen Seite. Und auch auf den Eclipsed – CD’s sind immer wieder Record Heaven Interpreten zu finden, wie neben den schon erwähnten Five Fifteen Acts wie London Underground oder Big Elf. Da wird es Zeit für ein Label-Porträt inklusive eines Gespräches mit Label-Boss Michael.

Record Heaven können mittlerweile auf etwa siebzig Veröffentlichungen zurückblicken, Classic Rock hat man sich auf die Fahnen geschrieben, ein Begriff, der schon zeigt, dass man mit den trendorientierten Produkten der Musikindustrie der Gegenwart nichts am Hut hat. Statt dessen konzentriert man sich auf Bands, die auch heute noch versuchen, die Tugenden, die in der Blütezeit der Rockmusik – sprich in den Siebzigern und zum Teil Achtzigern – groß geschrieben wurden, am Leben zu halten.

Wir begannen in den frühen Achtzigern als Mailorder, mit dem Schwerpunkt Progressive Rock aber auch Metal und Hard Rock. Viele skandinavische Progbands hatten und haben ja immer noch kleine eigene Label, aber wir waren es, die viele dieser Alben damals schon ins Ausland verkauften. Das lief so über viele Jahre hinweg, aber es war dann wohl nur logisch, dass schließlich auch ein eigenes Label daraus wurde. 1995 gab es unsere erste Veröffentlichung, es war ein Album der schwedischen Band Landberk. Sie waren eine der Bands der neuen Progressive Rock – Bewegung hier bei uns.

Skandinavien ist ja eine Hochburg des Progressive Rock. Das spiegelt sich auch den Bands wieder, die mittlerweile bei Record Heaven unter Vertrag sind. Da wären zum Beispiel Twin Age, deren drittes Album "Moving The Deckchairs" im vergangenen Jahr hier veröffentlicht wurde, genauso wie Valinores Tree, die mit "Kingdom Of Sadness" und "And Then There Is Silence" schon auf zwei Alben verweisen können. Beide Bands sind in unseren Breitengraden längst nicht so bekannt wie zum Beispiel die Flower Kings oder Anekdoten, bieten aber erstklassige Musik. Das Highlight im Prog-Sektor von Record Heaven dürfte allerdings Isuldur’s Bane darstellen. Die Schweden galten schon lange als Geheimtipp der Szene, doch mit ihrem letzten Output "Mind Vol. 2 - Live" dürfte sich das ändern. Das Doppelalbum bietet perfekten Live-Sound, die edle Aufmachung im Pappschuber hätte ein Majorlabel nicht besser hinkriegen können, und vor allem dürfte die Musik selbst eingefleischten Prog-Fans noch ein völlig neues Hörerlebnis bieten – Zeit sollte man allerdings schon mitbringen, denn verglichen mit Isuldur’s Bane sind Songs von Spock’s Beard eher leichte Kost.

Der Begriff "Progressive Rock" kann praktisch alles bedeuten, er steht bei mir für eine Musik ohne jede musikalische Einschränkung. Aber wenn man ein Label betreibt, zählen natürlich auch die ökonomischen Aspekte. Und auch wenn wir verhältnismäßig viel Prog im Programm haben, so muss man einfach sehen, dass sich Hardrock wesentlich besser verkauft. Es gibt eben deutlich mehr Fans von dieser Musik.

Und da lag es auch auf der Hand, dass sich Record Heaven nach internationalen Vertriebspartnern für ihre Produkte umsahen. In Deutschland hat das dazu geführt, dass zumindest die Alben im Hard-Rock-Umfeld mittlerweile über Point in den Handel gelangen.

Point machen eine sehr guten Job, wenn es um Melodic Rock, Hard Rock und Metal geht. Sie sind nicht der größte Vertrieb, aber in diesem Umfeld arbeiten sie sehr effektiv. Es würde allerdings keine Sinn machen, sie auch in die Prog-Acts zu involvieren, weil diese Genre einfach nicht ihre Stärke darstellt. Aber auch so haben wir in Deutschland zum Beispiel für unser gesamtes Spektrum Kontakte zu etwa zwanzig Firmen – also nicht nur solche wichtigen wie Eclipsed oder Empire. Natürlich bekommt man unsere Releases so nicht in jedem normalen Plattenladen, aber davon würde ich mir auch nicht allzuviel erwarten. Bei einem Label wie Inside Out sieht das anders aus, die Bands, die dort unter Vertrag stehen, haben alle auch ein nicht unerhebliches kommerzielles Potential – bei unseren Progbands ist das anders.

Bei den reinen Progbands mag das stimmen, genau wie für Bands wie In The Labyrinth oder Ooph, die eher in der Pscyhedelic Szene anzusiedeln sind. Allerdings hat in der jüngsten Vergangenheit vor allem eine Record Heaven – Band von sich reden gemacht, nämlich die Finnen von Five Fifteen. Das Konzeptalbum "Death Of A Clown", das seinen Helden die Höhen und Tiefen des Rockbusiness durchleben lässt, bietet perfekten Retro-Rock im Stile der Siebziger.

"Death Of A Clown" ist die bisher beste Veröffentlichung unseres Labels. Ein solches Album hätte was die Produktion und die Songs angeht auch locker von einem Major stammen können. Natürlich versuchen wir zunächst, dieses Album so weit wie es geht nach vorne zu bringen, die Band hat jetzt ja auch Gigs in Deutschland gegeben. Aber wir denken auch daran, die ersten drei Alben der Band zu re-releasen. Sie waren zunächst auf einem anderen Label erschienen, auf dem es definitiv keine Neuauflage dieser Alben geben wird. Aber zum Glück liegen die Rechte bei der Band, so dass wir dieses Vorhaben realisieren können.

Ähnliche starke Retro-Einflüsse wie bei Five Fifteen gibt es auch bei London Underground, deren Debüt schlicht den Bandnamen trägt, und bei Big Elf. Erstere Band stammt aus Italien, zu ihrem Line Up gehört Drummer und Songwriter Daniele Caputo, den manche noch von Standarte kennen mögen. Big Elf hingegen kommen aus den USA und haben mit "Closer The Doom" und "Money Machine" schon zwei Alben bei Record Heaven veröffentlicht.

Big Elf habe ich 1997 in L.A. gesehen und Kontakt aufgenommen. Die Band war schon sehr oft verdammt nah dran, einen Major Deal zu kriegen, aber sie klingt wohl einfach doch zu Retro für ein großes Label. Mittlerweile ist die Band gerade in Schweden wirklich sehr populär, und hoffentlich folgt der internationale Durchbruch noch.

Musikalisch reichen die Einflüsse der beiden Bands von den Beatles und The Move bis hin zu King Crimson oder gar Black Sabbath. Womit wir bei der härteren Fraktion wären. Während man sowohl den schnellen melodischen Metal deutscher oder italienischer Prägung (wie ihn zum Beispiel Gamma Ray oder Rhapsody prägen) als auch True Metal a la Hammerfall bei Record Heaven vergeblich sucht, findet man eine Vielzahl von Releases aus den Bereichen Hard-, Blues- und Southern Rock. Als Beispiele mögen Nitzinger, Lotus, die Southern Rock Allstars oder Vick Lecar‘s Blue Moon ausreichen. Was aber auffällt, dass auch einige längst in der Versenkung verschwundene Bands wie die Briten Demon oder die Kanadier Moxy bei Record Heaven eine neue Heimat gefunden haben, und auch Ex-Nazareth Gitarrist Manny Charlton ist mit neuer Band und neuem Album ("Stonkin‘") am Start.

Ich weiss natürlich, dass oft die Plattenfirmen versuchen, Bands wieder zurück ins Geschäft zu bringen. Was Record Heaven betrifft, so war dies aber bisher noch nie der Fall. Es waren immer die Bands, die uns kontaktierten. Für mich ist das auch ein Zeichen dafür, dass wir mittlerweile einen sehr guten Ruf als Classic Rock – Label haben. Natürlich freut es mich, wenn solche Legenden auf uns zukommen, aber es ist nicht wichtig für mich, nur weil eine Band in der Vergangenheit schon etliche gute Alben gemacht hat. Ich bin zwar stolz darauf, aber nicht mehr als zum Beispiel auf ein Album wie "Death Of A Clown". Demon kamen aus der New Wave Of British Heavy Metal, waren aber immer schon auch sehr melodisch, mit gewissen progressiven Tendenzen. Vielleich noch nicht bei den beiden ersten Scheiben, aber die dritte hat schon einen Touch von Marillion oder Pallas. Man wird Demon wohl nicht gerecht, wenn man sie in irgendeine Schublade steckt, sie sind einfach nur eine gute Rockband. Und was die neue Scheibe angeht, so ist "Spaced Out Monkey" auch ein Beweis dafür, dass die Band immer noch in der Lage ist, gute Alben zu machen. Solch ein Comeback muss ja nicht zwangsläufig gut gehen.

Ging es in dem Fall aber, so wurde "Spaced Out Monkey" zum Beispiel im führenden deutschen Melodic Rock – Magazin "Melodic Journey" in die "Ear Candy" – Rubrik katapultiert. Und was die Fans auch freuen wird, ist die Tatsache, dass Record Heaven den gesamten Back-Katalog des Labels wieder veröffentlichen wird. Die Fans der Kanadier Moxy mussten zwanzig Jahre auf ein neues Album warten. Seinerzeit hatte die Band bereits vier Alben veröffentlicht, wobei der Misserfolg der vierten Platte zunächst das Aus für die Band brachte. "V" bietet grandiosen Hard Rock mit Einflüssen von Led Zeppelin, ZZ Top und AC/DC, tragisch nur, dass Drummer Bill Wade nach Veröffentlichung des Albums verstarb. Wie viele vor allem kleinere Labels versuchte sich auch Record Heaven an Tribute-Alben, so würdigte man Captain Beyond, Phill Lynnot und Grand Funk Railroad – mit unterschiedlichem Erfolg.

Wir haben nicht erwartet, dass die Tribute-Alben uns finanziell viel bringen würden. Das erste Album dieser Art von uns galt Captain Beyond, und es betrifft ja speziell das erste Album der Band aus dem Jahre 1972, das meiner Meinung nach ein der besten Hardrock-Scheiben ist, die je gemacht wurde. Es hat mir Spaß gemacht mit den unterschiedlichen Bands zu arbeiten, aber als das Projekt dann abgeschlossen war, war es für mich nicht mehr so interessant. Nicht, dass ich es bereuen würde, aber so sehr stehe ich auch nicht auf solche Dinge. Was ich aber noch sagen möchte: Der Five Fifteen Beitrag auf diesem Album ist wirklich mit Abstand der beste. Der Rest, na ja, mal besser, mal nicht so gelungen. Es ist halt mehr so eine Geschichte für Die Hard Fans. Das Grand Funk Railroad – Tribute wurde von einem Fan der Band organisiert und uns praktisch fertig zum Release angeboten – und wir haben gesagt, warum nicht. Das Phil Lynott – Tribute war ein langjähriger Traum eines meiner Freunde, der ein großer Fan von Thin Lizzy ist. Und gerade dieses halte ich für ein sehr gelungenes Album. Aber ich glaube, das war es jetzt auch, was Tribute-Alben angeht - wir werden sicher keine mehr veröffentlichen.

Muss man ja auch nicht, solange die wirklichen Neuerscheinungen weiterhin die Qualität halten. Bei Record Heaven sieht man das optimistisch.

Ich glaube, Classic Rock wird wiederkommen, es ist einfach eine Musik, die vom Songwriting her überzeugen kann. In Schweden gibt es bereits eine solche Tendenz, und in gewisser Hinsicht ist ja Schweden immer eine Art Vorreiter für Europa gewesen, was Trends anging. Die Black Metal – Welle ging von hier aus, und eine Vielzahl der wirklich guten Prog-Bands der letzten Jahre kommt aus Skandinavien.

Hoffen wir, dass sich dies bewahrheitet! Und auch wenn es nicht klappen sollte, Label wie Record Heaven sorgen in auch Zeiten von Limb Bizkit dafür, dass gute Musik nicht völlig von der Bildfläche verschwindet. Natürlich konnten in diesem Artikel nicht alle Record Heaven – Künstler erwähnt werden, darum zum Schluss noch der Hinweis auf die Webseite des Labels: www.rhcd.net


© 12/2001 Renald Mienert
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