Saga: Die Saga von Saga

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Mit "House Of Cards" haben SAGA ein Album veröffentlicht, das noch deutlicher als der Vorgänger "Full Circle" back to the roots geht – was den Fans nur recht sein dürfte. Wieder bestimmt –wenn auch in einem zeitgemäßen Gewand – der ureigene SAGA – Sound die Songs und so wird eine Geschichte fortgesetzt, die vor nun mehr fast einem Vierteljahrhundert begann und die hoffentlich noch lange nicht abgeschlossen ist.

Renald Mienert unterhielt sich mit Michael Sadler.

SAGA wurden 1977 gegründet. Bassist Jim Chrichton, Keyboarder Peter Rachon und Drummer Steve Negus hatten in einer Band namens Fludd gespielt und holten Jim’s Bruder Ian als Gitarristen in die neue Band, die man zunächst Pockets nannte. Man tourte einige Monate in der Nähe Torontos bis Sänger Michael Sadler zur Band stieß, der zuvor für eine Band namens Truck hinterm Mikro stand. Den ersten Gig gab es am 13. Juni und schon bald konzentrierten sich SAGA auf das Schreiben von eigenem Material und zeigten keinerlei Interesse daran, sich live auf das Covern von gerade angesagten Songs zu beschränken Dabei entstand schnell ein urtypischer SAGA-Stil, geprägt vom markanten Gesang und massivem Keyboardeinsatz, der häufig im Grenzbereich zwischen progressive Rock und Mainstream angesiedelt war. Trotz Punk und New Wave bekam man einen Plattenvertrag und veröffentlichte 1978 das Debütalbum, schlicht "Saga" betitelt.

Es war damals nicht einfacher einen Plattendeal zu bekommen als heute. SAGA hat ja niemals genau die Musik gemacht, die gerade angesagt war. Ich habe nicht gedacht, dass unsere Karriere so lange dauern würde. Ich hatte Vertrauen, dass wir erfolgreich wären, aber in meinen wildesten Träumen habe ich nicht an diesen Zeitraum gedacht.

Der Erfolg in Kanada hielt sich zunächst in Grenzen, die Single "How Long" floppte, doch es kam zu einem interessanten Phänomen. Die Plattenläden in Toronto bemerkten sehr schnell ein ungewöhnlich großes Interesse speziell von deutscher Seite an dem Album, und in kürzester Zeit gelangten mehr als 30.000 Kopien als Import nach Deutschland, wo SAGA sofort als heißer Geheimtipp gehandelt wurden, vermutlich auch dadurch verursacht, dass die erwähnte Single hier entsprechendes Airplay bekam. Polydor reagierte schnell und signte die Band weltweit. Keyboarder Peter Rachon wurde gegen Jim Gilmour ausgetauscht und somit stand das klassische SAGA-Line-Up, das auch heute noch aktuell ist – wenngleich es zwischenzeitliche Wechsel geben sollt, aber dazu später. Auch die beiden nächsten Alben "Images At Twilight" und "Silent Knight" riefen ähnliche Reaktionen hervor – in Europa und ganz besonders in Deutschland – hatte man schnell Star-Status erlangt, während der Erfolg in Nordamerika immer noch verhältnismäßig bescheiden blieb. Zwar hörte man mittlerweile Stücke wie "It's Time" oder "See Them Smile" auch auf Torontos Radiostationen, aber der Durchbruch hier war noch nicht erreicht. Die Single-Auskopplung "Don’t Be Late" aus "Silent Knight" brachte SAGA die erste Goldene Schallplatte, die Band war aber mehr in Europa unterwegs als in heimischen Gefilden.

Ich glaube, den Durchbruch im Rockgeschäft, dieses "einer breiten Masse bekanntwerden", schafften wir mir "Rock & Pop in Concert" in der Westfalenhalle 1979 oder 1980. Wir spielten damals zusammen mit Spliff, Meatloaf und Foreigner. Das ist schon eine sonderbare Sache, in der ganzen Welt ist man bekannt, nur in deiner Heimat nimmt man keine Notiz von dir. Aber nach einigen Jahren hat sich das ja auch geändert, dann hieß es plötzlich: "He Leute, das ist SAGA, das sind unsere Jungs!"

Erst das 1981 veröffentlichte "Worlds Apart", das von Rupert Hine produziert wurde, brachte auch den lang ersehnten Erfolg in Amerika. Es enthielt mit "On The Loose" den wohl kommerziell größten Hit der SAGA-Historie, der gar zu Platin-Ehren kam. Zunächst einmal hatten SAGA es geschafft. Nach der Veröffentlichung von "Worlds Apart" wurde ausgiebig getourt, und so war es nur folgerichtig, dass als nächstes eine Live-Veröffentlichung anstand – "In Transit" wurde in Kopenhagen und Brüssel aufgenommen und erschien 1982.

SAGA gehörte auch zu den wenigen westlichen Bands, die bereits in der ehemaligen DDR live spielten. Nicht nur ein oder zwei Songs in einer Fernsehshow, die Band gab im September 1983 in Suhl ein begeistert aufgenommenes Live -Konzert. Für den Normal-Sterblichen waren Karten dafür so gut wie nicht zu bekommen, immerhin wurde seinerzeit eine komplette Aufzeichnung des Gigs im DDR-Fernsehen gezeigt.

Es war schon ein komisches Gefühl, alle diese Passkontrollen. Es war je eine ziemlich aufwendige Produktion. Wir waren mit drei Trucks unterwegs und zwei oder drei Bussen. Musiker aus dem ganzen Land sind damals gekommen und alle haben sie gestaunt: Diese Technik, diese Synthesizer. Ich glaube wir waren zwei Tage dort

Im gleichen Jahr kam "Heads Or Tails" in die Läden, erneut von Rupert Hine produziert und etwas gitarrenorientierter als die Vorgänger – man nehme nur "The Flyer" – konnte das Album die Position der Band bestätigen.

Das 85‘er Album "Behaviour" knüpfte nicht ganz an die alten Erfolge an – auch wenn Michael Sadler es einmal als sein Lieblingsalbum bezeichnete, und es begannen sich deutliche Veränderungen bei SAGA anzubahnen. Jim Gilmour und Steve Negus entschieden sich SAGA zu verlassen, um sich anderen musikalischen Aktivitäten zu widmen. Der Rest der Band machte weiter und besetzte die freien Positionen fortan mit Gastmusikern wie dem Deutschen Curt Cress.

Das ist eine Sache, die sicher jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Wenn man sich über längere Zeit permanent auf der Pelle hockt – im Studio, im Hotel, im Tourbus – dann braucht man irgendwann einmal eine Auszeit um den Kopf wieder frei zu bekommen. Es waren eigentlich keine wirklichen Umbesetzungen, sondern genau diese Art von Auszeit. Uns war immer klar, dass die zwei irgendwann wieder zu SAGA zurückkehren würden.

Mit Bon Aire wechselte man auch die Plattenfirma; zunächst erscheinen die alten Platten als CD, die erste Neuveröffentlichung allerdings war 1987 "Wildes Dreams". Michael Sadler lebte damals in London, Jim Chrichton pendelte zwischen England und den Bahamas, bis er schließlich in LA ansässig wurde, während Ian Chrichton in Toronto blieb. "Wildest Dreams" wurde von Keith Olsen (Fleetwood Mac, Foreigner, David Coverdale, Scorpions) produziert, erreichte aber nur in Europa noch nennenswerte Erfolge, ähnlich erging es dem 89‘er selbstproduzierten "The Beginner's Guide To Throwing Shapes", das die SAGA-Platte mit den schlechtesten Verkaufszahlen bis dahin wurde.

Zur Freude der Fans kehrten Negus und Gilmour 1991 in die Band zurück und zwei Jahre später gab es dann mit "The Security Of Illusion" das zehnte SAGA – Studioalbum, das in vielen Ländern vergoldet wurde. SAGA schienen wieder zu alter Stärke zurück gefunden zu haben. Doch dann kam "Steel Umbrellas", ein Album, dass von den Fans schlichtweg als grausam empfunden wurde. Was war passiert?

SAGA bekamen das Angebot für die Kriminalserie "Cobra" zu schreiben, in der der aus zahlreichen Action-Filmen (zumeist allerdings recht stumpfsinnigen) bekannte Michael Dudikoff mitwirkte. Die Serie wurde Ende 93 ausgestrahlt, ein Teil des dafür geschriebenen Materials landete auch "Steel Umbrellas"

Wenn du die Chance bekommst, Songs für eine Fernsehserie zu schreiben, dann nutzt du die natürlich. Es ist eine Gelegenheit, die eigene Musik einer noch breiteren Masse bekannt zu machen. Das Problem war nur, dass die Verantwortlichen nicht wussten, was sie eigentlich von uns wollten. Wir lieferten die Songs ab, und sie sagten: Nicht schlecht, aber das klingt nicht ganz so, wie wir es uns vorstellen. So ging das ewig weiter. Dann haben wir sie gefragt, was stellt ihr euch denn vor? Die Antwort war: Wir sind uns nicht sicher, aber wir werden es wissen, wenn wir es hören.

Die Songs hatten mit SAGA nicht viel zu tun, und auch wenn die Band selbst "Steel Umbrellas" mittlerweile zu den schwächeren Werken zählt, so steht sie doch nach wie vor zu dem Album. Die nächste CD wurde 1998 veröffentlicht. "Generation 13" zeigte SAGA erneut von einer vollkommen neuen Seite. Das Konzeptalbum erinnerte eher an Werke von Pink Floyd, wurde aber besonders in Progressive Rock- Kreisen hochgelobt – auch wenn einige der Fans und besonders wohl die Plattenfirma mit der Produktion nichts anzufangen wusste. Das Konzept basiert auf einem Buch von Jonathan Straus, nachdem die zwischen 1961 und 1981 in den USA geborenen Weißen mittlerweile zur 13. Generation zählen, und die Zukunft für diese nicht gerade rosig aussah. Kommerziell war ein solches Album – trotz des hohen künstlerischen Niveaus - natürlich ein ziemliches Wagnis.

Es ist ein wirklich gutes Album geworden. Und was heisst schon "kommerzielles Risiko"? Kommerz interessiert mich nicht, lediglich die künstlerische Seite. Und wenn du mit Fans sprichst, auch mit Hard Core SAGA Fans, die meisten lieben diese Platte. Die Entscheidung, dieses Album zu produzieren, fiel nur aus künstlerischer Sicht, nicht aus kommerzieller. So ein Album macht man nicht, um kommerziell Erfolg zu haben, es ist nicht modern. Man würde es wahrscheinlich mehr anerkennen, gäbe es einen Film dazu.

Mit "Softworks" veröffentlichten SAGA bereits sehr frühzeitig eine Multimedia-CD, darüber hinaus erschienen 1995 noch zwei Best-Of-Sampler, wobei die Band der Veröffentlichungspolitik des Labels eher skeptisch gegenüber stand. Immerhin waren schon in den Jahren zuvor diverse Compilationen auf den Markt gebracht worden.

Im Jahre 1997 folgte zum zwanzigjährigen Jubiläum der Band das Album "Pleasure And Pain", dessen Titel sich auf die Höhen und Tiefen der Bandgeschichte bezog. Auch wenn man sehr relaxt an die Produktion des Albums ging, so war das Ergebnis doch eher ernüchternd. Ein erneuter Labelwechsel stand an und ein Jahr später wurden nun bei SPV ein zweites Live-Album veröffentlicht. Das Doppel-Album "Detours" lebte von den großen Hits der Band aus den Achtzigern und deutete bereits eine Rückbesinnung auf die klassischen SAGA-Markenzeichen an. Und diese wurde dann mit "Full Circle" im Jahre 1999 auch tatsächlich vollzogen – und das nicht nur musikalisch. Die Band verwendetet sowohl das Logo der ersten Alben und auch das Insekt kehrte als Covermotiv zurück. Und nach vielen Jahren gab es auch endlich wieder die bei den Fan so beliebten Chapter. Die hatte man bisher nur auf den ersten vier SAGA – Alben gefunden, danach schien man aber das Konzept aus den Augen verloren zu haben.

Wir wollten eine Geschichte erzählen, die einzelnen Kapitel aber nicht in der chronologisch richtigen Reihenfolge veröffentlichen. Uns war allerdings vom ersten Moment an klar, wie die Geschichte beginnt und wie sie endet.

Insgesamt wird es wohl sechzehn Chapter geben und dann dürfen wir gespannt sein, was das komplette Puzzle für ein Bild ergibt. Eventuell werden alle Chapter auf einem Album veröffentlicht und man denkt auch über eine Visualisierung nach. Aber ganz so weit ist es noch nicht.

Im Februar diesen Jahres folgte nun "Full Circle". Erneut mit altem Logo, Insekt und gleich drei neuen Chaptern. Und falls es einige Kritiker geben sollte, die der Band vorwerfen, sich stilistisch zu sehr an der Vergangenheit zu orientieren, so dürfte SAGA das ziemlich egal sein. Denn was die Kritiker anging, so gab es schon immer heftiges Für und Wider. Sprachen die einen wohlwollend von "Rock ohne Holzfälle-Mentalität", sahen andere "Niveaulose Opulenz" oder "kalten technischen Glanz".

Ich glaube keinem Kritiker. Ich achte schon auf diese Aussagen, aber wir veröffentlichen keine Platte, wenn wir nicht damit zufrieden sind. Das war selbst bei "Steel Umbrellas" so. Wir standen unter Zeitdruck und mussten diese Songs für eine Fernsehshow machen. O kay, letzten Endes ist es nicht meine Lieblingsplatte, aber trotzdem waren wir mit dem Endprodukt zufrieden. Wenn du etwas veröffentlichst, das du nicht magst - warum veröffentlichst du es dann?

Die elf Songs des neuen Albums wurden aus insgesamt dreißig Titeln ausgewählt, die die Band alleine im Jahr 2000 komponiert hatte – ein deutliches Zeichen für die ungebrochene Kreativität, das aber auch die Frage offen lässt, was passiert denn eigentlich mit dem Rest des Materials? Schließlich ist bei SAGA nicht davon auszugehen, dass es sich dabei ausschließlich um Murks handelt.

Diese Masse an Songs ist typisch für SAGA. Wir haben häufig wesentlich mehr Songmaterial, als dann tatsächlich auf die Alben kommen. Und diese ganzen unveröffentlichten Aufnahmen existieren noch. Wahrscheinlich werden wir einen Teil davon auch noch veröffentlichen.

Für die Kreativität der SAGA-Mitglieder stehen auch die diversen Side – und Soloprojekte. Bereits 1989 erschien das Gilmour-Negus-Project (GNP) bei Virgin, wobei Jim Gilmour auch eine rein instrumentale Solo-Scheibe veröffentlichte. Ian Chrichton hat sowohl Solomaterial als auch das Album "H30" mit einer Band veröffentlicht und auch vom Michaal Sadler gibt es ein Soloalbum. Darüber hinaus gab es noch diverse Gastauftritte für andere Künstler, Steve Negus trommelt zum Beispiel bereits 1982 für Chris DeBurgh, Michael Sadler sang für Ozzy und Bobby Kimball und Jim Chrichton spielte Keybords auf "Union" von Yes. Doch am erfolgreichsten war man immer als Band, und wir hoffen, dass die Saga von SAGA noch lange nicht abgeschlossen ist.

Alben/CDs
1978 Saga
1979 Images At Twilight
1980 Silent Knight
1981 Worlds Apart
1982 In Transit
1983 Heads Or Tales
1985 Behaviour
1987 Wildest Dreams
1989 The Beginners Guide To Throwing Shapes
1993 Security Of Illusion
1994 Steel Umbrellas
1995 Generation 13
1997 Pleasure & The Pain
1998 DeTours
1999 Full Circle 
2001 House Of Cards 
Compilations (Auszug)
1985 Saga (Ex-DDR-Release) 
1986 Time's Up 
1991 The Works
1992 Wind Him Up - Saga Best
1993 All The Best 1978-1993
1994 Saga, The Very Best Of... 
1995 Wildest Dreams 
1997 How Do I Look 
2000 Defining Moments
Enhanced CD's: 
1995 Saga Softworks (Bonaire) 







© 04/2001 Renald Mienert
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