Savatage: Poeten, Verrückte und Neuzugänge

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Interview

Die Erwartungen an das neue Album von Savatage waren enorm, und auch wenn die Reaktionen der Kritiker eher durchwachsen waren, stieg „Poets And Madmen“ in den deutschen Charts auf einem überragenden 7. Platz ein. Renald Mienert sprach mit Jon Oliva.

Savatage können auf elf Studioalben in sechzehn Jahren Bandgeschichte zurückblicken. Ihre Kombination von traditionellem Metal mit bombastischen Elementen hat einen einzigartigen Sound kreiert und für einige Meilensteine des Genres gesorgt, nehmen wir nur „Gutter Ballet“ „Streets“ oder auch das letzte Studioalbum „The Wake Of Magellan“. Und jetzt ist endlich der Nachfolger da.

Es gibt immer Probleme, wenn man ein Album produziert. Das ganze Leben bringt Probleme. Es gab also wieder einmal einige Hürden zu überwinden. Aber unterm Strich war es ein sehr erfreuliches Arbeiten, auch wenn wir Al und Zak verloren haben, aber die Arbeit an dem neuen Album hat uns wirklich Spaß gemacht.

Was das Album angeht, so ist das sicher richtig, aber es gab auch einige eher unangenehme Dinge. Sowohl Sänger Zak Stevens als auch Gitarrist Al Pitrelli stiegen bei Savatage aus. Zak aus familiären Gründen, Al wechselte zu Megadeath.

Jeder der mit uns gespielt hat, wird dir sagen, dass wir Typen sind, mit denen man absolut leicht zurechtkommt. Es sieht so aus, als hätten wir permanente Wechsel im Line Up, aber das ist nur auf den ersten Blick so. Chris starb, was ein Schock für jeden von uns war. Aber die Sache hat uns auch zusammen geschweisst, weil jeder den anderen brauchte. Wir standen vor der Entscheidung weiterzumachen oder aufzuhören. Alex Skolnick wurde verpflichtet, er war nie ein richtiges Bandmitglied. Auch Al Pitrelli war genauso angeheuert, er war auch kein Bandmitglied. Eigentlich ist der Ausstieg von Zak der einzig gravierende Wechsel im Line Up. Zak kam ja auch damals nur in die Band, weil ich krank war und ein Jahr Pause machen musste. Aber immer fragen mich die Leute nach den vielen Line Up - Wechseln, dabei steht der Kern der Band seit vielen Jahren und auch das Songwriting ist das gleiche geblieben. Al zum Beispiel hat nie am Songwriting mitgewirkt, er hat vielleicht ein paar Riffs beigesteuert, aber das war minimal. Wir sind nicht scharf auf Wechsel in der Band, aber wir können keinen zwingen zu bleiben.

Doch dass man plötzlich als Quartett da stand war nicht unbedingt das Problem, zumal die Situation für die Band nicht neu war.

Die Veröffentlichung des neuen Albums hat genau ein Jahr länger gedauert als geplant. Und das hat vor allem daran gelegen, dass wir eine neues Label gebraucht haben. Die Plattenfirma bei der wir „Dead Winter Dead“ und „The Wake Of Magellan“ veröffentlicht hatten, hat nicht das gehalten, was sie uns versprochen hatte. Wir haben das gemerkt, als wir auf Tour waren. Plötzlich haben wir mitbekommen, dass unsere Alben in den Läden nicht zu finden waren, nicht in Spanien, Frankreich oder Italien. Das einzige Land, wo es wirklich funktioniert hat, war Deutschland. Deutschland war nie ein Problem - aber in allen Ländern konnten die Fans unsere Alben nicht kaufen. Wir kamen aber zu der Überzeugung, dass hier etwas passieren musste. Das alte Label wollte aber unbedingt noch eine neue Platte, aber wir haben abgelehnt. Die Sache musste aber über die Anwälte geregelt werden, und das brauchte acht Monate. Sonst wäre alles viel schneller gelaufen, aber so ist es uns unterm Strich lieber. Aber solche Dinge passieren in dem Geschäft eben. Manchmal ist es unumgänglich einen Break zu machen und sich neu zu organisieren, und genau das haben wir getan.

Wie so oft bei Savatage ist auch „Poets And Madmen“ wieder ein Konzeptalbum geworden, wobei man erneut ein sehr ernstes und auf Tatsachen beruhendes Thema aufgreifen

Die Story ist ziemlich simpel. Drei Typen entdecken eine geschlossenen Nervenheilanstalt. Sie brechen dort ein und finden verschiedene Dinge. Und dann stoßen sie dort auf diesen Fotografen, der sich dort versteckt, was aber keiner wusste. Sie finden seine Akte, finden Zeitungsartikel. Diese Dinge bilden dann die Grundlage für die einzelnen Songs. Diesen Reporter gab es auch in Wirklichkeit. Er war Kriegsberichterstatter und bekam für eines seiner Bilder einen Preis. Aber seine Erlebnisse waren so drastisch, dass sie ihn schließlich in den Wahnsinn trieben - immer wenn er die Augen schloss, sah er dieses Bild. Er bekam Alpträume, und in Wirklichkeit beging er sogar Selbstmord. In unserer Version bleibt er am Leben und die Jugendlichen bleiben in Kontakt zu ihm.

Nun gibt es ja gerade in der jüngsten eine wahre Schwemme an Metal-Konzeptalben. In der Regel spielen die jedoch in imaginären Fantasywelten und erzählen vom Kampf tapferer Helden gegen böse Mächte. Bei Savatage ist das anders.

Wir haben schon den Anspruch, die Leute auf bestimmte Dinge die in unserer Welt nun einmal passieren, aufmerksam zu machen. Heavy Metal Fans sind nicht unbedingt gerade die Leute, die auch politisch interessiert sind. Sie hören nicht gerade regelmäßig die Nachrichten oder lesen die Zeitungen. Wir haben das schon immer anhand von unserer Musik kombiniert mit Texten, die auf Fakten beruhen, getan. Während wir hier miteinander sprechen, sterben wahrscheinlich Tausende von unschuldigen Kindern. Auch unsere Geschichten haben etwas fiktives, aber das benutzen wir als eine Art Transportmittel für den wahren Kern. Das unterscheidet uns von den meisten anderen Metal-Bands, die ebenfalls Konzeptalben produzieren.

Wie bereits erwähnt, stieg das Album auf Platz sieben in den deutschen Top 100 ein. Davor schaffte es auch die Single in die Charts, wenn auch nicht so weit nach vorn. Da stellt sich natürlich überhaupt die Frage, ob eine Single bei einem Konzeptalbum überhaupt Sinn macht.

Nun, es funktioniert, weil „Commissar“ eben ein Titel ist, der für sich selbst steht. Die Jugendlichen lesen davon in einer Zeitung, die sie in dem Gebäude finden. Es geht um die Aktivitäten der Russen, ein kommunistisches Regime im Süden Afrikas zu unterstützen. Man kann den Song hören, ohne diese ganze Geschichte von dem Irrenhaus und dem Reporter zu kennen, und er weckt bei den Leuten gleichzeitig das Interesse am neuen Album. Wir haben generell großen Wert darauf gelegt, dass die Songs auch einzeln gehört werden können, aber in ihrer Gesamtheit dennoch ein geschlossenes Werk bilden.

Neben Savatage hat sich ja auch das Side-Project „Transsibirian Orchestra“ zu einem überaus lukrativem Geschäft entwickelt. Da scheint durchaus die Gefahr zu bestehen, dass die eigentliche Band vernachlässigt wird.

In Amerika verkauft sich das Transsibirian Orchestra deutlich besser als Savatage, hier ist es genau anders herum. Es ist eine Art Co-Existenz, schließlich schreiben die gleichen Leute für beide Acts die Songs, nämlich Paul und ich. Der Grund für dieses Projekt ist eigentlich, dass wir hier Dinge tun können, die wir mit Savatage nicht könnten. Hier können wir Songs in beliebigen Stilen spielen, und keinen stört es. Würden wir das als Savatage machen, würden die Fans nur den Kopf schütteln, und sich fragen, was denn jetzt nur in uns gefahren sei. Wir haben nie im Leben damit gerechnet, dass wir mit dem Transsibirian Orchestra so schnell so viel Erfolg haben würden. Aber es ist nicht so, dass Savatage aufgrund des Transsibirian Orchestras zurückgestellt würde. Beide Dinge haben ihren festen Zeitplan, und wenn wir für das eine arbeiten, passiert nichts mit dem anderen. Momentan zum Beispiel hat Savatage die alleinige Priorität. Wahrscheinlich wirkt sich das Sideprojekt sogar noch positiv auf Savatage aus. Wenn wir wieder zusammenkommen um mit Savatage zu arbeiten, sind wir wieder frisch und haben die Köpfe frei.

Mittlerweile steht ja auch fest, wer als Ersatz für die beiden Abgänge bei Savatage einsteigen wird. Es sind Gitarrist Jack Frost und Sänger Damond Jiniya. Jack Frost war zuvor bei Seven Witches, Metalium und The Bronx Casket Co. Er ist ein langjähriger Freund der Band, während Sänger Damond noch ein unbeschriebenes Blatt darstellt. Aber hätte man auch nicht einfach als Quartett weiter machen können?

Unsere Musik ist zu viert einfach nicht zu bewältigen, es passiert einfach zu viel. Zu viel Musik, zu viele Backing Vocals, wir brauchen einfach die sechs Leute.

Hoffen wir also darauf, die Band bald auch in unseren Breitengraden ausgiebig live begrüßen zu dürfen - dies wird im Herbst oder gegen Ende 2001 der Fall sein. Was steht sonst noch an?

Während der letzten Festivals haben wir sehr viel Video-Material mitgeschnitten, so dass es wahrscheinlich zwischen diesem und dem nächsten Album eine DVD und ein Video geben wird.


© 04/2001 Renald Mienert
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