Steve Howe: Ganz natürlich

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Interview

Mit „Natural Timbre“ legt der Yes-Gitarrist ein weiteres Soloalbum vor, wie der Titel schon sagt, dieses mal rein akustisch. Renald Mienert nutzte die Gelegenheit für ein Gespräch.

„Natural Timbre“ ist das Album, das du schon immer machen wolltest. Was ist denn nun so besonders daran?

In der Vergangenheit habe ich mit primär elektrischen Gitarren gearbeitet, und dieses mal wollte ich etwas anderes machen. Ich denke es ist gut, wenn man sich bei den verschiedenen Alben immer auf etwas bestimmtes fokussiert, bei „Natural Timbre“ sind es die Akustikgitarren. Die Idee dazu trage ich schon eine ganze Weile mit mir herum. Über die Jahre sind immer wieder solche Akustiktracks entstanden, und ich wollte sie schon immer auf einem Album veröffentlichen.

Dass das dein Wunsch war, ist zu verstehen, aber die Plattenfirma war sicher nicht von dem Vorhaben begeistert...

Aber es war die Plattenfirma, die mich jetzt darauf ansprach, also musste ich dort niemanden mehr überzeugen, sondern konnte sagen, dass ein Großteil der Stücke schon fertig waren.

Das heisst, es handelt sich nicht um ausschließlich neue Kompositionen?

Die meisten - so etwa die Hälfte - entstanden in den letzten Jahren, aber es gibt auch noch älteres Material, ein Song ist sogar noch aus den Siebzigern. Ich führe nicht so genau Buch, wann genau welcher Titel entstand, manchmal geht das sehr schnell und dauert nur 25 Minuten. Natürlich glaubt man immer, dass gerade das letzte Stück das beste ist, dass man je geschrieben hat. Aber ich habe mir über die Jahre so eine Art Archiv aufgebaut, in dem diese ganzen unveröffentlichten Songs gespeichert sind. Seit den Siebzigern, seit ich meinen ersten Kassettenrecorder habe, nehme ich meine Ideen auf. Wenn dann konkrete Aufnahmen anstehen, komme ich darauf zurück und versuche, ob sie irgendwo verwendet werden können. Ich arbeite mittlerweile sehr viel mit Pro-Tools. Neue Technologien sind etwas sehr hilfreiches, um aus einer Idee schließlich das fertige Album zu produzieren.

Aber kommerzielle Aspekte können doch bei einem solchen Album kaum eine Rolle gespielt haben. Selbst innerhalb der Progressive Rocks Szene sind die Fans solcher Alben eher selten zu finden.

Wenn man am Anfang seiner Karriere steht, dann hat man schon vor allem das Ziel Hits zu landen, und was mich angeht, so hatte ich auch einige davon. Wenn ich Soloalben, hofft ein Teil von mir auch immer noch, dass meine Musik von einer breiteren Masse geschätzt wird. Aber im großen Ganzen bin ich zufrieden, wie es ist und möchte eigentlich nichts anderes. Ich gehe nie mit irgendwelchen Erwartungen an ein Album, es gibt so höchstens etwas wie den Wunsch, sich immer weiter vorwärts zu bewegen. Ich habe ja ohnehin eine starke Fanbasis, und wenn es „nur“ diese sind, die das Album mögen, dann ist das auch schon etwas.

In den letzten Jahren waren ja auch Yes wieder sehr aktiv, mehrere neue Alben, ausgedehnte Tourneen. Dazwischen jetzt das Soloalbum. Ist das eine große Umstellung?

Das Schöne an einem Soloalbum ist eben das Gefühl, das von der Ausgangsidee bis zum fertigen Album alles von einem selbst kommt. Aber es ist auch sehr kreativ in einer Gruppe zu arbeiten, anderer Musiker greifen deine Ideen auf, man selbst ihre, die Ideen werden weiterentwickelt.

Welche Voraussetzungen müssen eigentlich gegeben sein, dass du optimal arbeiten kannst?

Für mich ist das Gleichgewicht zwischen der Musik und den anderen Dingen meines persönlichen Lebens sehr wichtig. Etwa der halbe Tage wird diesen Dingen gewidmet, meiner Familie und rein organisatorischen, geschäftlichen Dinge. Die andere Hälfte ist für die Musik. Wenn die erste gut funktioniert, dann bin ich auch in der Lage, mich voll auf den musikalischen Aspekt zu konzentrieren.

Du hast vier Kinder, wirst du so eigentlich auch mit der gerade angesagten Popmusik konfrontiert und wie gehst du damit um?

Man ist natürlich weitestgehend in seinem Musikgeschmack dadurch geprägt, was man in seiner Jugend hörte - das sind bei mir natürlich dieser traditioneller Rock, Blues, Folk, Jazz oder auch Klassik. Durch meine Kinder werde ich natürlich auch mit der heutige populären Musik konfrontiert. Auch wenn ich viele dieser Sache nicht mag, so lerne ich dadurch doch, sie einigermaßen zu verstehen.

Gestatte noch einige Fragen zu Yes. Billy Sherwood hat ja die Band verlassen. Es hat mich doch ziemlich gewundert. Ich habe mit ihm gesprochen, als er damals zu „Open Your Eyes“ bei euch eingestiegen war, und hatte den Eindruck, dass damit sein größter Traum in Erfüllung ging. Unterm Strich war es ein recht kurzer Traum...

Nach der „The Ladder“ - Tour wurden speziell Jon und ich sich der Tatsache bewusst, dass wir in der Konstellation nicht weiter arbeiten konnten. „The Ladder“ ist sicher kein schlechtes Album geworden, aber es ist längst nicht das Yes-Album, das es hätte sein können. Ich war es gewohnt, der einzige Gitarrist bei Yes zu sein, auf die Situation mit einem zweiten Gitarristen war ich nicht vorbereitet. Es hat sich herausgestellt, dass ein zweiter Gitarrist viele Dinge komplizierter macht - wer spielt was, wer gibt das Tempo an...Wir wollten wieder dahin, dass weniger Leute mehr machen, nicht mehr Leute weniger. Ich habe großen Respekt vor Billy, er ist ein großartiger Musiker und hat uns für eine gewisse Zeit sehr geholfen.

Und wie geht es mit Yes nun weiter?

Es wird noch in diese Jahr ein neues Yes-Album geben. Auch Igor Khoroshev geht seinen eigenen Weg, so dass wir im Augenblick zwar ohne Keyboarder sind, aber das Album soll Mitte September erscheinen. Wir werden mit dem Produzenten Tim Wiedner arbeiten, der zum Beispiel für Seal gearbietet hat.

Wie man der Webseite von Yes entnehmen kann, haben die Proben bereits begonnen und man ist wohl recht zufrieden. Yes wollen die nächste Tour mit einem Orchester bestreiten, was ein Novum für die Band wäre. Von Altersschwäche also weit und breit nichts zu sehen.


© 04/2001 Renald Mienert
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