Tea For Two: Prog für alle!

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

"101" ist der Titel des neuen Albums von Tea For Two und zeigt wieder einmal eindrucksvoll, wie kreativ der progressive Untergrund hierzulande sein kann. Die Band, die es bereits seit 1984 gibt und zuvor die CD’s "Dream Or Reality" (1993) und "Snapshots" (1996, live) veröffentlichte, dürfte selbst in der deutschen Progszene über den Geheimtipp-Status bisher nicht hinausgekommen sein.

Renald Mienert interviewte Sänger Stephan Weber.

Die Frage nach dem Bandnamen ist nun wahrlich nicht originell, aber in diesem Fall bringt sie wenigstens eine originelle Story zu Tage......

Die Band wurde 1984 von Michael Schumpelt und Oliver Soerup als Schulband des 'Max Planck Gymnasium Ludwigshafen‘ gegründet. Michael spielte Piano, Flöte und Keyboards, Oliver die Gitarren. Immer wenn sie in Michaels Wohnung übten, brachte seine Mutter ihnen Tee und zwei Tassen. Oliver allerdings brachte nicht nur seine Gitarren mit, sondern auch Bier, und das tranken die beiden dann aus den Tassen. Ein ganz besonderer Tee für zwei also, aber in die letzte Tasse gossen die beiden dann immer den inzwischen kalt gewordenen Tee. Wer weiss, ob Michaels Mutter die Wahrheit je erfahren hat...

Da die Aktion mittlerweile aber als verjährt gelten dürfte, sollten schmerzhafte Konsequenzen wohl ausgeschlossen werden können. Ihr habt ja schon einige Jahre auf dem Buckel. Da war es sicher nicht einfach, eine Band über diesen Zeitraum am Leben zu halten...

Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit für ein Projekt, das man mit anderen Leuten durchzieht und in dem es nicht ums Geld geht. Das liegt nicht daran, dass wir eine Band sind oder welche Art von Musik wir machen. Jeder muss irgendwann Geld verdienen, gründet eine Familie – was auch immer. Wir machen noch immer Musik zusammen, weil wir Freunde sind und weil uns das, was wir gemeinsam machen, etwas gibt, was uns sonst fehlen würde. Darum geht es, und mehr noch: Wir bekommen sogar noch jede Menge positives Feedback zu dem, was wir tun. Das spornt zusätzlich an. Wenn es irgendwann keinen Spaß mehr macht, dann ist das Ende nah – in jeder Art von Projekt.

Seht ihr euch eigentlich als Prog-Band?

Eher als experimentelle Rock und Folk-Band. Über all diese Jahre haben wir mit unterschiedlichsten Stilen gearbeitet. Wir wollen bestimmte Stimmungen erzeugen und hängen nicht an puren Rock-Elementen. Tea For Two begannen mit Folk, Blues und manchmal auch Jazz – wie gesagt, als Duo. Aber mit dem größeren Line Up kamen dann auch Rocksongs dazu. Einer unserer neuen Songs, der noch nicht auf CD erschienen ist, ist wieder ein reiner Folk-Song. "The Plan" vom 101-Album ist ein Flamenco, auf "Bitter Sweet" gibt es Streicher-Arrangements, auch bei "Crossing The Edge". Ist "Heaven" ein Rock-Song? Eigentlich ist es uns egal.

Momentan seid ihr ein Trio – ohne Drummer und (meist) auch ohne Bassisten...

Ja, zu schade. Das "101" – Album war schon eine ganz besondere Sache. Die Trennung von einigen Bandmitgliedern kam einfach daher, dass wir alle nach Ende unseres Studiums unsere ganz normalen Jobs antraten und dabei über ganz Deutschland verstreut waren. An regelmäßige Treffen oder Proben war da nicht mehr zu denken. Wir begannen alle mit Musikern in unseren neuen Wohnorten zu spielen. Uwe nahm ein Album mit Zenobia auf, Oliver mit Rachel’s Birthday usw. Ich erinnere mich an Oliver’s Geburtstagsparty 1998, nachdem wir uns 1997 eigentlich offiziell aufgelöst hatten. An diesem Tag begannen wir über das "101" – Album zu reden. Wir entschieden uns, das Material zu schreiben indem wir uns Tapes schickten. Die abschließenden Aufnahmen fanden dann alle zwei, drei Monate in Olivers Wohnung statt – Song für Song, darum hat es auch so lange gedauert. Michael erwies sich als perfekt, wenn es darum ging den Bass - und Drumsound am Atari zu kreieren, und nach den Aufnahmen wollten wir den Mix dann auch realisieren, ohne weitere Musiker hinzu zu ziehen, was uns sicher noch ein paar Monate gekostet hätte. Ich schätze, das war die richtige Entscheidung. Wir denken jetzt über eine Tour im Herbst nach, und da werden wir natürlich mit Drummer und Bassisten agieren, vielleicht erneut mit Gastmusikern – wir werden sehen. Wir hatten ja besonders in der Rhytmusgruppe in der Vergangenheit viele Wechsel bis wir Uwe und Reiner kennen gelernt hatten, die sechs oder sieben Jahre mit uns spielten. Vielleicht wird ja Reiner zur Tour zu uns zurückkehren und Uwe hat ja schon auf 101 Bass gespielt. Ich würde dieses auf Freundschaft basierend Line Up vorziehen, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Wenn wir schon bei Gastmusikern sind, wollen wir auf gar keinen Fall Ruth Sharp, die bei drei Songs Vocals beisteuert, und Katja Schimmele an der Violine vergessen. Aber kommen wir nun mal zum Inhalt des Konzeptalbums.

101 ist ein ganz besonders Symbol. Vor einigen Jahren hatte ich eine Reihe von Träumen über eine fremde Dimension. Auf den ersten Blick war es diese alte Boy Meets Girl – Geschichte, mit einem magischen und science fiction Bezug. Ich hatte Visionen in diesen Träumen über Dinge, die geschehen würden oder von Leuten die ich bis dahin noch nicht kannte, aber später kennen lernen sollte. Ich schätze, ich sollte ein Buch darüber schreiben. Die ganze Zeit muss ich gegen eine Bedrohung kämpfen, die sich als ein Teil von mir herausstellt. Am Ende der Story, als ich schließlich diese fremde Welt verlasse, liege ich sterbend in den Armen meiner Geliebten und sie flüstert: Wir werden uns wiedersehen und 101 soll das Zeichen sein. Was soll das heißen, nach all den Dingen, die passiert sind? Das Album beantworten diese Frage nicht direkt, aber es gibt eine Menge zwischen den Zeilen.

Angenommen ihr hättet die Möglichkeit, das Album noch einmal aufzunehmen, würdet ihr etwas ändern?

Mit Sicherheit nicht. Ich würde meine Energie, Zeit und Geld lieber für neue Songs verwenden. Ich brauche die Weiterentwicklung (ha ha). Nach soviel Gerede über "progressive" wird man ganz durcheinander! Aber wir haben wirklich so viele neue Ideen, dass ich gar nicht erwarten kann, sie aufzunehmen. Wie auch immer – ein Album ist ein Projekt und ein Projekt braucht einen Schlusspunkt. Es gibt Kompromisse – 101 ist ein low budget home-recording. Nach einer Neuaufnahme wäre der Sound sicher besser, was vom Standpunkt der Musiker sicher schön wäre, aber kriegen wir deshalb bessere Reviews oder mehr Fans? Hätten wir mehr Airplay? Ich konzentriere mich zunächst darauf, 101 Songs live zu spielen – so oft wie möglich. Und dann beginnen wir mit neuen Songs und Equipment.

Kommen wir mal von Träumen und Phantasie zur Realität. Ist die deutsche Prog-Szene gesund?

Auf gar keinen Fall. Es beginnt mit dem fehlenden Support der Medien. Wie heisst es so schön im Radio: Wir spielen nur Top 40 Songs. Wir hatten Airplay in den Staaten, Brasilien, Kanada, Frankreich und Italien, aber nicht in Deutschland. Zu schade! Generell musst Du in Deutschland erst einmal berühmt sein, bevor die Medien Notiz von dir nehmen. Und wenn du ein Prog-Gig oder Festival organisierst, dann kommen nicht mehr als ein paar zig Leute, selbst wen SAGA oder ASIA Headliner sind. Neue junge Fans sind kaum zu finden, und die alten werden zu bequem. Selbst wenn es zehntausend Leute geben mag, die diese Musik mögen würden, dann kriegen sie trotzdem überhaupt nicht mit, dass es sie gibt. Das Internet mag heutzutage helfen. Progressive Rock hat zwei Aspekte. Zunächst die bekannten Bands, die aber mehr und mehr in Vergessenheit geraten – Fish, Marillion, Yes oder Genesis usw. Zweitens "neuere" Bands, die wirklich progressiv im Sinne des Wortes sind und auch ein jüngeres Publikum ansprechen – denken wir an Dream Theater oder Spock’s Beard. Mein Lieblingsalbum ist "Trick Of The Tail". Würde eine unbekannte Band mit einem solchen Album als Debüt im nächsten Jahr erfolgreich sein?

Für euch gab es - was Gigs angeht - aber immerhin etwas besonderes...

Ich glaube der Gig mit Fish war besonders herausragend für uns. Es war das erste Mal, das man auch ausserhalb unseres lokalen Umfeldes auf uns aufmerksam wurde. Aber um ehrlich zu sein, mit unseren Songs im Internet zu sein und Reaktionen aus der ganzen Welt zu bekommen, hilft heute viel mehr.

Warum habt ihr das Album auf QuiXote Music veröffentlicht? Warum nicht Angular, Tempus Fugit usw.

Na ja, ich bin in QuiXote Music involviert, ein Label von Musikern für Musiker. Aber trotzdem sind QuiXote und Tea For Two verschiedene Paar Schuhe. Ich glaube, dass Michael und Oliver mit dem QuiXote-Deal einverstanden waren, lag vor allem daran, dass Tea For Two (genau wie die anderen Bands) außergewöhnlich gute Konditionen haben.


© 07/2001 Renald Mienert
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