The Flower Kings: Könige des Prog

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Seit sich der Schwede Roine Stolt im Jahr 1994 mit dem Album "The Flower King" in der Progszene zurückmeldete, hat er diese entscheidend mitbestimmt. Der Name dieses Albums diente dann auch als Vorlage für den Namen der bald darauf gegründeten Band – "The Flower Kings". Mit der sind seither fünf weitere Studioalben erscheinen (zwei davon Do-CDs) und auch ein Live-Doppelalbum – und alle von überdurchschnittlicher Qualität. Grund genug, sich schon jetzt ausführlich mir der Band zu beschäftigen, die ja Ende Oktober das nächste Eclipsed-Festival in Aschaffenburg veredeln wird.

Renald Mienert stöberte gemeinsam mit Roine Stolt (nicht nur) in vergangenen Zeiten.

Roine Stolt wurde 1956 in Uppsala geboren. Bereits mit elf oder zwölf Jahren spielte er in einer Band auf einem selbstgebauten Bass. Man spielte Songs von Jeff Beck, den Doors, den Beatles aber auch King Crimson – und ausschließlich Instrumentals. In den frühen Siebzigern begann er eigene Songs zu schreiben. Mit Siebzehn wurde Roine Mitglied bei Kaipa (jetzt als Gitarrist) , der wohl populärsten schwedischen Progband dieser Ära. Schon das erste Album der Band verkaufte sich über 10.000 Mal und man gab im Jahr bis zu über hundert Konzerte. Insgesamt veröffentlichte Roine drei Alben mit Kaipa ("Kaipa" (1975), "Inget nytt under solen" (1976) und "Solo" (1978)) bevor er die Band 1979 verließ. Kaipa veröffentlichten nach Roines Ausstieg noch ein weiteres Album, lösten sich dann aber 1983 auf – wer sich für die Band interessiert, das französische Label Musea hat die Alben (mittlerweile natürlich als CD) im Programm. Von Roine erschien in der Zwischenzeit "Fantasia" (1979), zusammen mit Hasse Bruniusson und dem Kaipa-Mitgliedern Mats Lindberg, der jedoch nachdem er wieder bei Kaipa einstieg, durch Roines Bruder Michael ersetzt wurde, der damals erst fünfzehn Jahre alt war. Roine Stolt blieb auch später ungeheuer kreativ, allerdings dauerte noch bis zum Jahr 1994, bis er zur Prog-Szene zurückkehrte.

Es war glaube ich nicht wirklich eine Rückkehr zur Prog-Szene, da ich diese Art Musik über die Jahre immer geschrieben habe. Ich habe allerdings nie den Punkt erreicht, an dem ich gesagt hätte, jetzt ist es Zeit für ein Album. Die meiste Zeit der Achtziger habe ich damit verbracht, Musik mit anderen Leuten aufzunehmen. Ich habe schwedische Folkmusik gemacht, anders Sachen waren recht nah am Jazz, wieder andere am Blues oder Heavy Rock. Ich habe sogar Sachen gemacht, die ich als typisch schwedische Popmusik bezeichnen würde – von mir aus sogar im Stil von Harpo! Im Jahr 1985 gab es dann einen ersten Versuch , ein Album aufzunehmen, dass man vielleicht mit dem Stil der heutigen Flower Kings vergleichen könnte. Ich wollte im Prinzip da weitermachen, wo wir mit Kaipa Ende der Siebziger standen, wollte wieder auf den Zug aufspringen, aber aus verschiedenen Gründen hat es dann noch mal acht Jahre gebraucht, bis dann endlich ein Album von mir erschien.

Doch danach ging es Schlag auf Schlag. Bereits mit "The Flower King" demonstrierte Stolt seinen unvergleichbaren Stil – die Mischung aus ureigenen Sounds mit Retroelementen, die Kombination aus Prog, Jazz und Pop bis hin zur Verwendung von Heavy Riffs. Stolt selbst spielte dabei nicht nur Gitarre, sondern übernahm auch die Lead-Vocals sowie die Produktion und steuerte sogar das Cover bei. Der Begriff "Flower King" steht dabei bewusst als Synonym für Stolts positive Grundhaltung und als Gegenpol zur düsteren Philosophie vieler Bands besonders aus dem Extreme-Metal-Umfeld. Bei allen herausragenden Qualitäten Roine Stolts darf jedoch nie vergessen werden, dass der Erfolg der Flower Kings zu einem großen Teil auch auf den Fähigkeiten der weiteren Bandmitglieder beruhte. Um den Bandcharakter zu unterstreichen, erscheinen dann auch die nächsten Album nicht mehr als Solo-Platten von Roine Stolt, sondern als "The Flower Kings". Die erste CD unter diesem Namen heisst "Back In The World Of Adventures" und erscheint bereits 1995 – neben Roine Stolt mit dabei sein Bruder Michael am Bass, dem Keyboarder Tomas Bodin und den beiden Percussionisten und Drummern Jaime Salazar und Hasse Bruniusson sowie dem Saxophonisten Ulf Wallander als Gast – wobei bis auf Michael Stolt alle Musiker auch auf dem "Flower King" – Album vertreten waren. Stilistisch hatte sich so gut wie nichts geändert – Roine Stolt hatte erneut alle der Songs geschrieben, mittlerweile waren zu Gesang und Gitarre auch ein Teil der Keyboardparts gekommen.

Häufig höre ich von Leuten, dass Sie den einen oder anderen Song besonders mögen, oder auch ganze Alben. Für mich ist es sehr schwierig, solche Fragen zu beantworten. Ich glaube, die einzelnen Flower Kings - Alben haben alle große Ähnlichkeiten, die stilistischen Unterschiede zwischen ihnen sind nicht wirklich groß. Unterschiede mag es im Sound geben, in der Technik die wir einsetzen, aber nicht was die Ideen angeht, die hinter unserer Musik steht. Das liegt wohl auch daran, dass man auf jedem Flower Kings-Alben auch Songs findet, die nicht speziell für die jeweiligen Alben geschrieben wurden. Gerade auf dem ersten Album "The Flower King" gibt es eine Songs, die ich bereits in den Siebzigern geschrieben habe. Es gibt einen Song, den ich eigentlich für Kaipa geschrieben hatte, aber aus irgendwelchen Gründen hat er den anderen Bandmitgliedern damals nicht gefallen. Ich habe das Stück dann Jahre später wieder auf einem Tape gefunden, und so kam er dann auf das Flower King – Album. Und genauso ist es mit anderem Material, dass in den Achtzigern oder frühen Neunzigern geschrieben wurde, aber erst später aufgenommen wurde. Genauso war es dann auf "Back In The World Of Adventures" und speziell "Retropolis". "The Road Back Home" enthält einen Part, der auch schon Ende der Siebziger geschrieben wurde. Man kann das als eine Art Recycling betrachten. Ich habe eine Art "Lager", die alten Sache habe ich noch auf Kassetten, heutzutage arbeite ich natürlich mit Computern.

Wieder ein Jahr später folgte "Retropolis", ein Album, dass sich stärker auf instrumentale Songs fokussierte, und dessen Titel eine Mischung aus Retro und Polizei darstellet – ein ironischer Seitenhieb auf die Prog-Fans, die darüber wachen, dass Prog auch immer schön altmodisch klingt – sonst kann er ja nichts taugen.

Wir sind ja mittlerweile viel in der Welt herumgekommen, und manchmal scheint es tatsächlich so, als gäbe es den typischen Prog-Fan – der ein Marillion T-Shirt trägt, alles über jedes ELP-Album weiss und genau über den letzten Line Up Wechsel bei Yes informiert ist. Aber ich glaube, in Wahrheit sind die Prog-Fans sehr unterschiedlich. In England ist das Prog-Publikum zu 95% männlich, in Spanien oder Südamerika dagegen sind fast ein drittel der Fans Frauen. Und es sind nicht nur die Freundinnen von den eigentlichen Fans, denn man sieht genau, dass sie die Songs mitsingen und wenn du Autogramme gibst, dann sagen sie dir, wie lange sie sich auf das Konzert gefreut haben. Speziell in den südlichen Ländern hören die Leute Prog aber auf der anderen Seite auch genauso gerne Sting, Bruce Springsteen oder Metallica. Wenn ich meinen eigenen musikalischen Geschmack betrachte, ist es ja ähnlich, ich höre auch die unterschiedlichsten Arten von Musik. Ich glaube, nur eine kleine Anzahl von Progfans glaubt wirklich, dass nur Prog zählt und alles andere Müll ist. Die meisten sind eher aufgeschlossen, mögen auch Jazz-Rock oder Radiohead.

Neben der Produktion der Alben fand die Band auch Gelegenheit zu Gigs und spielte damals auch schon erste Konzerte in Deutschland (unter anderem in Würzburg mit Ritual, die damals als neue Helden der schwedischen Prog-Szene gefeiert wurden, was ja wohl nix geworden ist.) Mitte der Neunziger traf der Begriff "Underground" für die Progszene in Deutschland noch viel deutlicher zu als heute, ein Label wie Inside Out war quasi noch in den Startlöchern und Konzerte wurde von Leuten wie Charly Heidenreich oder T.J. und einer IG Prog organisiert.

Ich versuche, mir immer noch die Zeit zu nehmen, diese alten Kontakte nicht abreißen zu lassen. Manchmal kommen die Leute nach Schweden und wir treffen uns, oder man sieht sich auf Tour. Natürlich ist es nicht so, dass man sich wöchentlich anruft, aber ich lege großen Wert darauf, diese Kontakte nicht abreißen zu lassen, nicht nur was Deutschland angeht, sondern unsere Freunde in der ganzen Welt. Sie haben schon an uns geglaubt, als wir noch ganz am Anfang standen.

Danach begann für die Flower Kings die Zeit der Doppel-Alben. 1997 erschien "Stardust We Are" und nur ein Jahr später "Flowerpower". Besonders letzteres enthielt mit "Garden Of Dreams" den ultimativen Kick für Long-Track-Fetischisten – der Titel brachte es auf eine Spielzeit von einer Stunde! Auch wenn die Alben der Band weiterhin von der Masse der Fans und Kritiker hochgelobt wurden – und definitiv waren sie auch immer noch deutlich besser als der Durchschnitt – schlichen sich der eine oder andere eher mittelmäßige Track ein. Hans Fröberg, der bereist auf den früheren Alben als Gastmusiker einige Vocals beigesteuert hatte, wurde fest in die Band integriert, ansonsten blieb das Line Up stabil. Als Zeichen für die schier unermeßliche Kreativität der Flower Kings steht jedoch auch die Tatsache, dass sowohl Roine Stolt selbst (mit "Hydrophonia", 1998) und Tomas Bodin (mit "An Ordinary Night In My Ordinary Life", bereits 1996) die Zeit fanden, hochwertige instrumentale Soloalben fertigzustellen. Mittlerweile hatte das Internet weltweit immer größere Bedeutung erlangt, eine Tatsache, die wie fast alle Bands auch die Flower Kings ausnutzen. Aber in dieser Zeit vollzog die Band auch weiteren wichtigen Schritt. Bisher hatte man alle Alben auf dem eigenen Label "Foxtrot Records" veröffentlicht – natürlich mit nur sehr eingeschränkten Vertriebsmöglichkeiten. Doch nun entschloss man sich zu einem Wechsel zu dem mittlerweile wohl renomiertesten Prog-Label weltweit – zu Inside Out, wo ja mittlerweile auch Spock’s Beard unter Vertrag waren und über das der Vertrieb für Bands wie IQ, Arena oder Pendragon abgewickelt wurde.

Natürlich brachte das Internet einen großen Wandel und auch unser Wechsel zu Inside Out, speziell was Deutschland betrifft. Man kann jetzt in gut sortierten CD-Shops praktisch jede unserer Platten kaufen, und genauso ist es auch in Amerika und einigen anderen Ländern. Früher gab es vielleicht Leute, die von uns gehört hatten, aber einfach keine Möglichkeit hatten, an unsere Alben heranzukommen. Als Künstler sind wir natürlich daran interessiert, dass möglichst viele Leute unsere Musik hören. Und es gibt freilich auch den rein finanziellen Aspekt. Je mehr Alben wir kaufen, je mehr Geld verdienen wir. Was nicht bedeutet, dass unsere Bankkonten wachsen und wachsen, es geht vielmehr darum, von dem Geld die nächsten Alben und Tourneen zu finanzieren. Wir versuchen die Tourneen auszudehnen, die Shows aufwendiger zu gestalten, bessere Lichteffekte – all das kostet Geld. Wenn ich da an unsere früheren Konzerte denke, als wir noch in unserem kleinen Bus durch die Gegend gefahren sind und unser Equipment geschleppt haben. Auf diesem Gebiet hat sich einiges getan, aber im Grunde sind wir die gleichen geblieben, es geht immer noch um den Spaß an der Musik.

 

Die erste Veröffentlichung für Inside Out war das Live-Album " Alive On Planet Earth" – das dritte Doppellalbum der Band in Folge. Die Songs wurden während Konzerte der Band in Nordamerika (1998) und Japan (1999) mitgeschnitten und enthielten auch eine Coverversion von dem Genesis-Klassiker "The Lamb Lies Down On Broadway". Da Tomas Bodin aufgrund anderer Verpflichtungen nicht alle Gigs mitspielen konnte, ist auf der ersten CD (den Amerika-Gigs) Robert Engstrand an den Keyboards zu hören. Neben dem Live-Album veröffentlichte das Label ebenfalls den kompletten Backkatalog der Flower Kings. 1999 gab es dann einige Konzerte in Deutschland – und zwar gemeinsam mit Spock’s Beard – ein besseres Package ist wohl in Sachen Prog nicht zu finden, und so kam es wohl auch kurzfristig zu Informationen, die Flower Kings würden auch nach Veröffentlichung ihres bisher letzten Studiolabums "Space Revolver" (2000) erneut mit den amerikanischen Label-Mates touren. Aber dazu kam es nicht.

Es hat sich dann sehr schnell herausgestellt, dass eine zweite Co-Headliner-Tour, oder wie immer man es nennen will – keine besonders gute Idee war. Spock’s Beard kommen aus Amerika, sind genauso auf das Geld angewiesen wie wir. Ich glaube beide Bands haben viele gemeinsame Fans, es ist nicht zwangsläufig so, dass man ein viel größeres Publikum hat, wenn beide Bands gemeinsam spielen. Als wir Spock’s Beard supporten hatten wir natürlich nur wenig Zeit zur Verfügung, so um eine dreiviertel Stunde, was manchmal dann dazu führte, dass wir tatsächlich nur einen Song spielten. Aber das war ganz OK, das einzige wirkliche Problem, dass es gab war ein deutsches Mitglied der Spock’s Beard – Crew, der hat uns wirklich genervt. Aber wir haben später herausgefunden, dass das nicht nur bei uns der Fall war. Bei der eigenen Tour hatten wir dann natürlich mehr Zeit. Vielleicht kommen ein paar Leute mehr zu Spock’s Beard, aber unterm Strich war auch unsere eigene Tour gut besucht. Das war also nicht der große Unterschied. Der wirkliche Unterschied ist, dass hierbei das Geld eben nur an uns geht. Es soll nicht so aussehen, als ginge es nur ums Geld, aber gerade eine Tour ist eben eine teure Sache.

"Space Revolver" zeigte die Band von einer etwas härteren und gleichzeitig songorientierteren Seite (ohne allerdings jemals banal zu werden) und bringt Jonas Reingold in die Band, der Michael Stolt am Bass ersetzt. Der Name des Albums stammt übrigens von einem Flower Kings – Song, der bisher nur auf einer CD mit drei Instrumentals erschien, die seiner Zeit in Japan als Bonus für Leute, die Konzerttickets kauften, verschenkt wurden. Das Jahr 2000 war aber speziell für Roine ein besonderes – als Mitglied der Progressive Rock Supergroup "Transatlantic" veröffentlichte er das Album "SMPTe". Das von Neal Morse (Spock’s Beard) initiierte Projekt featured neben Roine auch Mike Portnoy von Dream Theater und Pete Trewavas von Marillion, und der sehr stark Seventies orientierte Prog der Band schaffte sogar den Sprung in die Charts. Das haben die Flowerkings sicher auch längst verdient, aber so wichtig, ist es nun auch wieder nicht.

Das war nie ein Thema für uns. Die meisten Alben in den Charts sind doch einfach nur schlecht. Ein Charteinstieg mag schon helfen, was Verkaufszahlen angeht, aber wenn Modern Talking mehr Alben verkaufen als die Flower Kings, dann heisst das nicht, dass sie auch bessere Musik machen! Es war vorauszusehen, dass Transatlantic in die Charts kommen, einfach weil natürlich die Fans der jeweiligen Bands – Draem Theater oder Marillion – dieses Album auch kaufen. Und Spock’s Beard sind einfach länger bei Inside Out, werden länger promotet, was sich jetzt auszahlt.

Mittlerweile steht ein neues Studio-Album an, und mit Zoltan Csörsz haben die Flower Kings auch einen neuen Drummer.

Das neue Bandmitglied stammt aus Ungarn, lebt aber schon in Schweden seit er neun Jahre alt ist. Ich kann noch gar nicht viel über ihn sagen, wir haben zwei Tage geprobt und einen Gig gemeinsam gespielt – waren also nur drei Tage zusammen. Er ist sehr talentiert und hat schon als Kind TV- Auftritte als Drummer mit großen Orchestern gehabt. Ich glaube, seine Eltern haben sich entschlossen, Ungarn zu verlassen, weil er hier eine bessere musikalische Ausbildung bekommen konnte. Das neue Album wird im September erscheinen, wieder ein einfaches Album, das ebenfalls als Special Edition erhältlich sein wird, mit diversem Bonus-Material – sowohl Songs als auch Videos. Die meisten Songs werden mit Vocals sein, es wird lediglich zwei kurze Instrumentals geben. Der längste Song wird so um die fünfzehn Minuten sein und es gibt einige Zehn-Minuten-Stücke. Man kann es wohl am ehesten mit "Space Revolver" vergleichen, es gibt wieder einige härtere Riffs.

Wir können es kaum erwarten!


© 07/2001 Renald Mienert
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