Threshold: Nicht nur hypothetisch grandios

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Seit 1989 gibt es die britische Prog-Metalband Threshold und bereits mit seit ihrem Debüt "Wounded Land" spielen sie in diesem Genre ganz weit vorne mit. Und wenn es auch gegenwärtig so aussieht, als würden den meisten Vertretern der Szene die Ideen ausgehen, haben die Männer von der Insel mit ihrem mittlerweile fünften offiziellen Studioalbum "Hypothetical" bewiesen, dass es auch anders geht.

Renald Mienert unterhielt sich mit Gitarristen und Kopf der Band Karl Groom

Es sind immerhin schon zweieinhalb Jahre seit "Clone" vergangen. Die Zeit der ewigen Wechsel im Line Up speziell was Drummer und Leadsänger angeht - scheint vorbei zu sein. Ex-Sargant Fury Sänger Andrew "Mac" Dermott steht hinterm Mikro und der Tour-Drummer Johanne James gehört jetzt fest zur Band. Alles scheint also in Ordnung, dennoch hat es verhältnismäßig lange gedauert, bis "Hypothetical" im Kasten war.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen "Hypothetical" und den früheren Alben. Bisher gab es immer so etwas wie ein zentrales Thema, auch wenn es keine Konzeptalben im klassischen Sinn waren. Bei "Clone" waren es zum Beispiel diese genetischen Themen. Aus der Thematik entstand dann jeweils die Musik. Dieses Mal begannen wir mit der Musik. Wir wollten sicherstellen, dass das Album eine eigene Atmosphäre hat, einen ganz bestimmten Fluss. Die Dynamik sollte stimmen, ebenso die Tempowechsel. Wir brauchten sehr lange für das Album, besonders bis die Struktur der einzelnen Songs stimmte. Die neue CD existierte zunächst also quasi rein hypothetisch, daher auch der Name für das Album. Die Texte sind alle ziemlich persönlich ausgefallen.

Mit "Hypothetical" ist es der Band erneut gelungen, Songorientierung und Komplexität zu verbinden. Was auffällt ist ebenfalls der etwas intensivere Einsatz von elektronischen Soundeffekten.

Es ist etwas mehr, das stimmt. Es wird in der heutigen Zeit einfach immer leichter, solche Effekte einzubauen. Wir benutzen sie, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Wenn solche Dinge verwendet werden, um den Song zu unterstützen, dann ist das in Ordnung.

Betrachtet man die einzelnen Songs, so fällt auf, dass die Ballade "Keep My Head" doch etwas aus dem Rahmen fällt. Threshold fahren ja ohnehin nicht unbedingt pausenlos das volle Brett, aber auch als "typische" Metal-Ballade kann man den Song nicht bezeichnen.

Das Album ist ziemlich heavy und komplex ausgefallen. Das macht es unter Umständen ziemlich anstrengend, es von vorne bis hinten an einem Stück zu hören. Darum haben wir diesen einen völlig anderen Song aufgenommen. Er ist sehr simpel und leicht zu hören. Wir setzen uns keine musikalischen Grenzen und halten uns nicht zwanghaft an irgendwelche Regeln. Für uns ist es am wichtigsten, dass ein Song funktioniert. Wenn wir eine Prog-Metalband sind, dann bedeutet das nicht, dass wir nur progressive Tracks schreiben. Wenn ein Song ohne harte Gitarren auskommt und so genau das ausdrückt, was er soll, dann packen wir keine heavy Parts dazu, nur weil wir in erster Linie Metal spielen. Uns kümmert auch die Länge eines Songs nicht, wir sagen weder, bei fünf Minuten ist Schluss, noch, jetzt machen wir einen zehn Minuten-Track.

Die ersten Threshold-Alben wurden bei GEP veröffentlicht, mittlerweile hat man zu Inside Out gewechselt. Eine Entscheidung, die nur logisch erscheint, und die Situation ja auch nicht grundlegend ändert.

GEP und Inside Out haben ja schon lange zusammen gearbeitet. GEP ist aber nicht unbedingt ein Metal-Label, mit Künstlern wie IQ oder John Wetton. Inside Out hat viel Erfahrung mit Prog Metal und ausserdem verkaufen wir in Deutschland oder generell auf dem Kontinent deutlich mehr Platten als in England, da macht es einfach Sinn, auch bei einem hiesigen Label zu signen.

Wie viele andere Veröffentlichungen von Inside Out, gibt es auch diese CD in einer "normalen" Version und in der "Limited Edition".

Es gibt auf der "Limited Edition" einen Bonus-Track, aber das besondere ist mehr der CD-ROM Teil. Wir haben einen zehn-minütigen Videoclip mit Informationen zum neuen Album aber auch Material von den Anfängen der Band dort hineingepackt, um den Fans auch wirklich etwas besonderes zu geben.

Vor diesem Album gab es allerdings noch eine weitere CD, nämlich die Fanclub-CD "Decadent".

Es ist ein typisches Raritätenalbum, zum Beispiel mit Bonus-Tracks von den Japan-Veröffentlichungen. Wir haben es zu unserem zehnjährigen Bestehen produziert, aber nicht als offizielles Album. Es wurden nur einige Tausend Kopien hergestellt, und der Vertrieb lief hauptsächlich über unseren Fanclub im Internet. Ich glaube aber, dass mittlerweile fast alle verkauft sind.

Nun werden Prog-Metalbands im Normalfall immer an Dream Theater gemessen, wobei die meisten es im besten Fall noch schaffen, als einigermaßen brauchbare Kopie durchzugehen. Threshold haben sich jedoch definitiv ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Wir versuchen immer, nicht so sehr unsere spieltechnischen Fähigkeiten herauszustellen, sondern die Songs. Wenn wir etwas besonderes sind, dann liegt das aber wohl auch daran, dass wir momentan vermutlich die einzige Prog-Metal-Band sind, die es in England gibt. Für uns war es immer wichtig, etwas neues zu machen. Es gibt so viele Bands, die nichts anderes machen, als diesen typischen straighten Metal. "Psychodelicatessen" war auch so ein Album, es war nicht schlecht, aber es war eben auch nichts besonderes. Daher gab es danach ja auch diese Wechsel im Line-Up und zwei von uns gründeten Mindfeed. Aber ich glaube, Mindfeed gibt es auch schon nicht mehr.

Neben Threshold war Karl Groom ja auch als Produzent diverser Neo-Prog Alben (zumeist gemeinsam mit Clive Nolan) hervorgetreten. Eine Tätigkeit, die ihm neben Threshold auch immer noch Spaß macht,

Ich liebe diese Produzenten-Tätigkeit. Sie gibt mir die Möglichkeit, viele interessante Musiker kennen zu lernen. Ich habe im letzten Jahr für Pendragon gearbeitet, die ja seit fünf Jahren wieder ein Album veröffentlichen. Dann gab es ein Album mit Oliver Wakeman und Steve Howe, ausserdem arbeite ich an der Fortsetzung von Jabberwocky, dem Projekt von Clive Nolan und Oliver Wakeman, das "The Hound Of Baskeville" heissen wird. "Shadow Keep" darf man natürlich auch nicht vergessen, die Band eines Freundes von mir, auch wenn es eines dieser straighten Metal-Alben geworden ist. Es gab also eine Menge zu tun, aber natürlich habe ich mich in erster Linie auf unser neues Album konzentriert.

Und das ist vollauf gelungen. Freuen wir uns auf die Tour im Herbst und auf noch viele hochkarätige Alben.


© 04/2001 Renald Mienert
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