Fish: 1. European Convention

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Es wird ein ganz besonderes Konzertereignis werden - zumindest, wenn man ein Fan von Fish ist, und noch mehr, wenn man besonders seine alten Scheiben mit Marillion liebt. Und welcher Prog-Fan liebt die nicht? Natürlich, Marillion mit Steve Hogarth haben auch ihren Reiz, genauso wie die Solo-Alben von Fish, aber ich war bestimmt nicht der einzige Prog-Fan, der beim ersten Hören von "Script For A Yesters Tear" hin und weg war. Doch die Dinge sind nun mal gelaufen wie sie gelaufen sind, und wir müssen sie einfach akzeptieren. Während Marillion auf ihren Konzerten nur noch ausgesprochen sporadisch auf Material aus Fish-Zeiten zurückgreifen, hat Fish jedoch beschlossen, in diesem Jahr seinen Fans etwas ganz besonderes zu bieten. Also sollte man sich den 28. und 29. Juni dick im Kalender anstreichen und sich auf einen Trip nach Enschede einstellen.

Vielleicht sind ja die Fans an allem Schuld. Es ist schon ein Phänomen, aber genau wie Marillion hat auch Fisch eine treu ergeben Fangemeinde, die wohl ihres Gleichen sucht. Was Fish angeht, so nennt sie sich "The Company", wie ein wunderschöner Fish-Titel von seinem ersten Solo-Album "Vigil In The Wilderness Of Mirrors" aus dem Jahre 1990. Und Fish weiss genau, was er an seinen Fans hat.

"Ich arbeite ja seit Jahren unabhängig von der großen Plattenindustrie. Es ist besser so, sonst wäre die Kontrolle der Label zu groß. Und an mir haben die Label ohnehin kein Interesse mehr. Die Plattenfirmen fahren besser mit Leuten, die nicht wissen, wie das Geschäft läuft und keine alten Hasen wie mich. Aber es funktioniert auch so. Der Vertrieb läuft über das Internet und zum Glück habe ich meine Fans. Ich glaube es ist die beiderseitige Ehrlichkeit und der gegenseitige Respekt, der das Besondere an der Beziehung zwischen den Fans und mir ausmacht. Sie wissen, dass ich nichts schön rede. Wenn etwas schlecht war, dann stehe ich genauso dazu, wie zu den Dingen, die gut gelaufen sind. Die Fans lieben auch die ständige Weiterentwicklung, keine meiner Soloscheiben klingt wie eine andere. Das erwarten sie von mir."

Holland und Deutschland sind zwei Länder, in denen die Fangemeinde von Fish besonders groß auch und auch besonders aktiv ist. Da ist es kein Wunder, dass die niederländisch-deutsche Grenzstadt Enschede als Ort für das erste Europäische Fish Convent ausgewählt wurde.

"Wir saßen mit den Fanclubleitern von Deutschland und Holland zusammen und diskutierten die Möglichkeit, in diesem Jahr etwas ganz besonderes zu machen. In der Vergangenheit gab es ja Trennungen in akustische und normale Sets, dieses Mal gibt es eben am 28.06. zunächst "The Night Of The Jester" mit ausschließlich altem Marillion-Material und am nächsten Tag "The Night Of The Companies" mit Songs von meinen Soloalben. Als wir zusammensaßen ging es übrigens auch um Fußball, da sind sich die Deutschen und die Holländer ja nicht besonders grün."

Fish hatte ja ohnehin zu seinen Alben mit Marillion ein etwas anderes Verhältnis als die Band mittlerweile selbst (bei der ich immer ein wenig den Eindruck habe, sie stünde nicht mehr wirklich zu den frühen Alben). So gab es ja auf Fish’s  „Yin“ und „Yang“ – Alben auch Re-Recordings von altem Marillion – Material. Ob diese Aufnahmen nun wirlklich sein mussten, mag jeder für sich selsbt entscheiden, auf alle Fälle zeigen sie, dass Fish noch immer hinter den Songs steht. Und gerade jetzt scheint er sie wieder richtig interessant zu finden und wird Songs spielen, die er schon viele Jahre nicht mehr gespielt hat. Die Organisation der Konzerte scheint perfekt zu laufen und von Vorurteilen bezüglich Feindschaften zwischen Holländern und Deutschen gibt es keine Spur. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn der eigens für dieses Event eingerichteten Webseite einn Besuch abstattet wird. Unter www.fishdome.info gibt es alle Informationen rund um die beiden Abende inklusive Tipps zur Anreise und Campingmöglichkeiten. Man erfährt, wie man an Tickets kommt und auch, dass man sein Videokamera und diverses Audioaufnahmeequipment besser nicht mit zu den Gigs nimmt.  Quasi als Geschenk für die Fans, dürfen diese die Setlist für beide Abende via Internetvoting selbst bestimmen. Bis auf wenige Ausnahmen. Das kommerziell erfolgreichste Album von Marillion mit Fish (ich denke auch ohne ihn) "Misplaced Childhood" wird auf jeden Fall komplett gespielt. Und einen Titel hat Fish von der Setlist ausgeschlossen: Grendel.

"Grendel zu spielen, wäre absolut vergeudete Zeit. Von mir aus soll Mick Pointer mit seiner Band Arena dieses Stück spielen - ein trauriger Song für eine traurige Band!"

Nun, Grendel war vielleicht der längste Marillion - Song aller Zeiten, aber sicher nicht der beste, und so wird der Verzicht wohl zu verkraften sein. Betrachtet man den Zwischenstand des Votings, so liegen momentan vor allem  Songs vom Marillion-Debüt "Script For A Jesters Tear" ziemlich weit vorne. Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, werden die Fans also mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in den Genuss von "Forgotten Sons", "Garden Party" oder natürlich auch des Titelsongs kommen. Ausgesprochen gut steht auch "Cinderella Search" da, und während die Tracks von "Clutching At Straws" im Augenblick noch ziemlich schwächeln, dürften "Fugazi", "Incubus" und "Jigsaw" es auch noch schaffen. Diese Reihenfolge kommt für Fans sicher nicht unerwartet. Als das Empire-Magazin 1995 das Ergebnis einer Umfrage nach den besten Prog-Alben aller Zeiten veröffentlichte, lag "Script For A Jesters Tear" mit mehr als doppelt sovielen Stimmen vor dem zweiten Platz deutlich vorne. Auf dem lag damals übrigens Genesis mit "The Lamb Lies Down On Broadway", bevor schon wieder Marillion mit "Misplaced Childhood" zuschlugen. "Fugazi" kam immerhin noch auf den siebenten Platz, "Clutching At Straws" "nur" auf den Zwanzigsten. ("Brave" kam auf 10, "Seasons End" auf 15)  Eine Plazierung allerdings ist kaum nachvollziehbar - 8,5 % aller Stimmen für "Charting The Single"? Ehrlich gesagt, ich musste zunächst meine "B Sides Themselves" hervorkramen, um mir den Track überhaupt ins Gedächtnis zu rufen.

"Ich habe davon gehört, dass dieser Track so weit vorne liegen soll. Aber ein Fan aus Norwegen hat sich da wohl einen Scherz erlaubt. Ich verfolge die Abstimmung übrigens mit großem Interesse. Und ehrlich gesagt, ich bin ziemlich aufgeregt, was diese beiden Tage angeht. Wir müssen hart proben um die Shows ordentlich über die Bühne zu bringen, und es wird wohl in Groß Britannien einige Warm Up Gigs geben."

Auch was die Soloscheiben von Fish angeht, liegen momentan Songs von den ersten Alben vorn. "Internal Exil" und "Shadow Play" vom zweiten Album stehen hoch in der Gunst der Fans, genau wie "Vigil", "View From A Hill" oder "Cliche" vom Debüt. Auch das aktuelle Album von Fish "Fellini Days" scheinen die Fans zu mögen, aber besonders angetan hat es ihnen auch ein Track vom 99er Album "Raingod With Zippos" - natürlich das überlange "Plague Of Ghosts".

Man kann die Abstimmung werten wie man will, sie muss sicher nicht zwingend bedeuten, dass die Alben, die jetzt gerade eher schlecht abschneiden auch wirklich von den Fans nicht geliebt werden.

"Es kann immer so oder so laufen. Es gibt Leute, die wollen sich einfach zwanzig Jahre zurückversetzen, andere, jüngere, kennen die alten Sachen ja gar nicht. Mein Lieblings-Album mit Marillion ist übrigens "Clutching At Straws" und was meine Solo-Alben angeht natürlich das letzte! Das ist bei jedem Künstler so, weil das letzte Album ja unmittelbar seine emotionale Situation in genau dieser Zeit widerspiegelt.“

Und da sah es bei Fish ja in der letzten Zeit nicht rosig aus. Nach fünfzehn Jahren wurde die Ehe mit seiner Frau Tamara geschieden. Aber bleiben wir bei der Musik. Fish hat ja nie mit einer festen Band gearbeitet, und so wird sich auch das Line Up an diesen beiden Tagen von dem unterscheiden, das "Fellini Days" eingespielt hatte, immerhin gehören noch die beiden Backgroundsängerinnen  Zoe Nicholas und Susie Web und Bassist Steve Vantsis zur geplanten Live-Band. Für die Drums sind John Martyr und Squeeky Steward vorgesehen und für die Keys Irvin Dogood. Und es soll ein Wiedersehen mit den langjährigen Stammgitarristen von Fish geben, nämlich Robin Boult und Frank Usher, die ja schon zum Line Up des ersten Fish-Solokonzertes überhaupt gehörten, dass am 11. Oktober 1989 stattfand.

Freuen wir uns also auf ein tolles Konzertereignis, dass sicherlich beweisen wird, dass die alten Marillion-Songs auch heute nichts von ihrer Faszination verloren haben. Was steht im Booklet von "Internal Exil" geschrieben: The Jester is dead, long live the Jester!


© 10/2002 Renald Mienert
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