Flower Kings: The Rainmaker

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Interview

Auch wenn das neue Album der Mannen um Roine Stolt "The Rainmaker" heisst, die Fans der Schweden brauchen nicht zu befürchten, im Regen stehen gelassen zu werden. Sowohl über die neue CD als auch über die aktuelle "Transatlantic" – Scheibe unterhielt sich Renald Mienert mit dem sympathischen Bandleader.

In einem vorangegangenen Interview beschriebst Du das neue Album als stilistisch der "Space Revolver" – CD sehr ähnlich. Siehst Du das jetzt auch noch so?

Also was mich angeht, so bin ich immer noch dieser Ansicht, aber es ist natürlich in erster Linie an den Hörern selbst, sich dazu eine Meinung zu bilden. Es kann sehr gut sein, dass ich als Musiker und Komponist eine völlig andere Betrachtungsweise der Dinge habe. Da es verhältnismäßig viele heavy Riffs auf dem neuen Album gibt, kommt es vielleicht bei Heavy-Fans etwas besser an, als die früheren Alben, und bei Prog-Fans könnte es entsprechend anders aussehen

Auf dem aktuellen Album sind die längeren Songs am Anfang der CD zu finden. Wie trifft die Band solche Entscheidungen?

Wir versuchen zunächst immer einen Song zu wählen, der sich besonders gut als Opener eignen würde. Ich sage wir, aber in dem konkreten Fall war es einfach ich. Die Wahl fiel auf "Last Minute On Earth", wegen des Gitarren-Riffs, was es in der Form auf den Openern früherer Alben von uns noch nicht gab. Wir beginnen die Alben aber oft mit sehr langen und recht komplexen Stücken, wobei wir versuchen einen Titel zu wählen, der sowohl für die Band als auch für das jeweilige Album repräsentativ ist. Es würde zum Beispiel keinen Sinn machen, mit einem absolut Flower Kings - untypischen Song zu starten, mit "Elaine" oder "The Rainmaker" zum Beispiel was das neue Album angeht.

Wie kam es zu dem indianisch anmutenden Gesang als Intro?

Als wir uns für "Last Minute On Earth" als ersten Song entschieden hatten, klang mir der Beginn dann doch etwas zu heavy, außerdem suchte ich nach einer Möglichkeit, eine Verbindung zum eigentlichen Titel des Albums herzustellen, also "The Rainmaker". Ich fand dann auf einer Sample-CD diesen indianischen Gesang. Ich habe ihn letzten Endes auch nicht nur zu Beginn des Albums eingesetzt, sondern auch noch an mehreren anderen Stellen.

"Last Minute On Earth" klingt ja vom Text her nicht gerade nach leicht verdaulicher Kost...

Ich fand es interessant, mich mit dem Thema zu beschäftigen, wie man wohl reagiert, wenn man erfährt, dass man nur noch wenige Minuten zu leben hat. Nicht unbedingt als Einzelschicksal, sondern wenn es von mir aus die gesamte Menschheit beträfe, oder mehrere Personen gleichzeitig. Die Titanic zum Beispiel oder wie es jetzt leider auch ganz aktuell beim World Trade Center passiert ist. Vermutlich werden wir in solchen Augenblicken plötzlich erkennen, welche Dinge wirklich zählen – in der Regel werden sich unsere Gedanken mit unseren Liebsten, mit unseren Familien beschäftigen. Da stellt sich natürlich die Frage, warum erst dann? Im normalen Alltag in unserer Industriegesellschaft scheint sich doch alles nur ums Geschäft zu drehen und wer das schnellste Auto und die schönste Wohnung hat.

Gibt es auch bei anderen Texten solch kritische Töne?

"City Of Angels" greift ein ähnliches Thema auf. Es sieht manchmal aus, als ob das Business und technischer Fortschritt der neue Gott unserer Gesellschaft geworden ist. Die Leute gehen nicht mehr in die Kirche zum Beten, sie verehren den Computer. Die wirkliche Welt wird mehr und mehr von einer virtuellen Welt abgelöst, man kann ja selbst Lebensmittel heute schon per PC bestellen. In Großstädten hat man das Gefühl, als liefe das Business zu jeder Zeit. Die Städte werden immer größer, die Menschen immer kleiner. In "Thru The Walls" wird auch diese Motiv vom Leben in den Städten aufgegriffen, hier unter dem Aspekt von älteren Menschen. Diese trauen sich heute oft gar nicht mehr aus ihren Wohnungen, weil sich einfach nicht mehr wissen, wie sie mit all diesen modernen Dingen umgehen sollen. Es sieht so aus, als wäre die heutige Gesellschaft eine Gesellschaft speziell für junge Menschen, nicht für die älteren.

Was auffällt ist, dass Du mit dem neuen Album auch neue Wege beim Artwork gehst. Es erinnert mich etwas an Cover von Pink Floyd oder auch die beiden letzte Arena-Alben...

Es gab Diskussionen darüber mit der Plattenfirma. Sie sagten, warum macht ihr nicht weiter wie bisher? Es scheint ja zu funktionieren, die Leute mögen es doch. Aber ich mag es wirklich nicht, immer wieder Dinge auf die gleiche Art und Weise zu tun. Wir hatten jetzt ja eine Weile diese etwas psychedelisch wirkenden Cover. Es gab dann Kontakte zu verschiedenen Künstlern, ich habe sogar mit jemandem gesprochen, der in der Vergangenheit für einige Frank Zappa – Alben das Artwork beigesteuert hat, etwas in diesem Cartoon-Stil. Ich würde es ziemlich cool finden, wenn wir mal ein für uns komplett neuen Weg in Sachen Cover gehen würden. Es hat nur dieses Mal aus Zeitgründen nicht geklappt, aber vielleicht später. Wir haben uns dann für eine Firma aus den USA entschieden, die unter anderem auch das Artwork für das letzte King Crimson – Album gemacht haben. Ich war auf ihrer Website und habe einige interessante Dinge gesehen, und so kam es zu dem Artwork, wobei sich auch noch herausstellte, dass einer der Künstler ein großer Fan von uns war.

Auf den ersten drei Alben gab es auch die Figur des Flower King im Artwork – ist seine Rückkehr geplant?

Als ich mich mit Calvin Schenkel unterhielt, der die Zappa-Cover gemacht hatte, kamen wir auch auf den Flower King zu sprechen. Damals sollte das Album noch "Last Minute On Earth" heissen, was uns dann aber doch zu deprimierend erschien und so wurde "The Rainmaker" daraus. Aber was mir damals vorschwebte war eine Kombination aus dieser Figur aus den frühen Flower Kings-Covern mit diesem anderen Stil der Zappa-Cover.

Kommen wir zu einem der letzten Rätsel um die Flower Kings – wer ist Don Azzaro, der für Euch als Produzent arbeitet?

Ich glaube vor einigen Monaten tauchte diese Frage im Internet auf unsere Mailingliste auf und irgendwann habe ich auch darauf geantwortet. Zu Don Azzaro gibt es nichts zu sagen, weil die Person rein fiktiv ist. Wir dachten uns, es klingt vielleicht interessanter als "prdouced by The Flower Kings" oder "produced by Roine Stolt". Auf "Space Revolver" gab es ja auch neben Don noch Gepetto Azzaro, wobei Gepetto für Tomas Bodin und Don für mich steht. Aber mittlerweile ist Don ja schon eine kleine Berühmtheit geworden, und irgendwann musste es einfach herauskommen. Ich habe ohnehin schon befürchtet, dass mich mal irgendwer anruft und nach Don fragt, weil er ein anderes Album produzieren soll. "Hallo, können wir Don sprechen? Er soll das nächste Album für U2 oder David Bowie produzieren!" Aber das wird dann wohl doch nicht passieren!

Kommen wir noch kurz zu Transatlantic. Warum klingt "Bridge Across Forever" deutlich mehr nach einer eigenen Band als das Debüt?

Es kommen verschiedene Dinge zusammen. Beim Debüt kannten wir uns vorher ja kaum. Wir trafen uns im Studio, sagten Hallo und begannen zu spielen. Es ist schwierig, zum ersten Mal mit Musikern zu arbeiten, und es gleich so klingen zu lassen, als wäre es eine über einen längeren Zeitraum gewachsene Band. Und dann war es natürlich auch so, dass Neal und ich mit Demos kamen, und praktisch eine Band suchten, diese so zu spielen, wie es uns schon vorschwebte. Nur dass es mit meinen nicht geklappt hat! Es gab dann ja auch viele Reviews, in denen stand, die Songs sind gut, aber es klingt nur, als würden Neal Morse – Songs von anderen Musikern gespielt. So drastisch stimmt das nicht, aber ich verstehe solche Meinungen. Wir haben das diskutiert, und vom ersten Moment an, als wir am neuen Album arbeiteten, behielten wir diesen Aspekt im Auge: Nicht zu stark nach Spock’s Beard zu klingen. Wir legten dieses Mal großen Wert darauf, die Ideen von allen Beteiligten in die Songs einfließen zu lassen – natürlich auch die von Neal.

Der Titelsong ist eine wunderschöne Ballade – aber ausschließlich von Neal eingespielt. Wäre der Song nicht auf Neal’s Soloalbum besser aufgehoben?

Es stimmt schon, dass der Song ein Alleingang von Neal ist, aber ich war es, der darauf bestanden hat, ihn auf das Album zu nehmen. Die anderen waren sich nicht sicher, nicht mal Neal. Ich glaube schon, dass es vor allem mein Einfluss war, ohne den der Song vielleicht gar nicht auf das Album gekommen wäre. Wir sind für diesen Song extra in ein anderes Studio gegangen, weil es dort ein sehr gutes Grand Piano gab, und ich habe auch Neal Sachen vorgeschlagen, was das Arrangement angeht. Nachdem Neal den Song gesungen und das Piano aufgenommen hatte, habe ich die übrigen Mellotron – und Keyboardsounds ergänzt, die man im Hintergrund hören kann. Aber wir haben ganz bewusst auf Gitarren verzichtet. Wir wollten eine Art Ruhepol auf dem Album schaffen, weil ja die restlichen drei Songs sehr komplex sind. In diesem Fall kann man also wirklich nicht Neal vorwerfen, er hätte wieder einmal versucht, seinen Willen durchzusetzen – eigentlich war es eher ich!

Der erste und letzte Song des neuen Transatlantic-Albums sind geniale Long-Tracks geworden. "Sweet Charlotte Pike" enthält aber einige Passagen, an die sich Prog-Puristen wohl erst gewöhnen müssen. Ich meine Speziell den Part "Mr. Wonderful"...

Progressive Rock heisst ja nicht, dass man sich generell verpflichtet, nur Musik im Stil der Siebziger zu spielen. Dann dürfte man nur wie Genesis, Yes oder King Crimson klingen, was eher regressiv wäre. Wir wollen uns keinen Genregrenzen unterwerfen, das Ergebnis kann von poppig über elektronisch bis jazzig reichen.


© 04/2002 Renald Mienert
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