Humble Pie: Back On Track

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Interview

Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht wieder über ein Comeback berichtet wird. Jetzt wollen es also auch Humble Pie noch einmal wissen, und Kenner der Seventies werden natürlich sofort fragen, ob denn das ohne den verstorbenen Steve Marriott und ohne Peter Frampton möglich ist. Wer „Back On Track“ hört, der wird die Antwort schnell selbst finden....

 

The Story So Far...

 

Die Karriere von Humble Pie begann in England Ende der Sechziger Jahre. Da die Mitglieder bereits mit anderen Bands erfolgreich waren (Gitarrist und Sänger Steve Marriott mit „The Small Faces“,  Gitarrist Peter Frampton mit „The Herd“, Bassist Greg Ridley mit „Spooky Tooth“ und Drummer Jerry Shirley mit „Wages Of Sin“) wurde Humble Pie schnell als Super-Group gehandelt.  Unter den Fittichen des ehemaligen Rolling Stones Managers Andrew Loog-Oldham wurden die beiden Alben „As Safe As Yesterday Is“ und  „Town & Country“ aufgenommen (beide 1969) und mit „Natural Born Boogie“ gab es einen ersten Single-Hit. Doch da sich Marriott und Frampton noch nicht einigen konnten, ob man nun mehr in Richtung der elektrischen Gitarren oder der akustischen gehen sollte, hielt sich der Erfolg noch in Grenzen. Doch nach einem Label-Wechsel war die Entscheidung zugunsten härterem Blues-Rocks gefallen. Nach zwei weiteren Studioalben markierte vor allem das Live-Album „Rockin The Fillmore“ (1972) einen ersten Höhepunkt in der Bandkarriere und lieferte einen überragenden Beweis für die Live-Fähigkeiten der Band. Peter Frampton entschloss sich daraufhin dennoch die Band zu verlassen um seine Solo-Karriere zu forcieren, doch tat das dem Erfolg der Band keinen Abbruch. Dave Clempsen hieß der neue Mann, und das darauffolgende Album „Smokin“ erreichte wie schon der Vorgänger Platin-Status. Steve Marriott wurde nun endgültig zur Hauptperson bei Humble Pie. Bis 1974 folgten weitere erfolgreiche Alben, doch dann forderten das andauernde Medien-Interesse und Tournee-Stress ihren Tribut. Man kehrte mit dem Album „Street Rats“ (1975) zu Produzenten Loog-Oldham zurück, doch das Album (mit 3 Coversongs der Beatles) konnte nicht mehr überzeugen und die Band löste sich auf. Da die folgenden Projekte der Bandmitglieder nicht den erhofften Erfolg brachten, riefen Marriott und Shirley 1980 Humble Pie ins Leben zurück, allerdings mit zwei neuen Mitgliedern, dem Gitarristen Bobby Tench und Bassisten Anthony Jones. Man produzierte zwei Alben für Atlantic Records, aber auch wenn die Songs gut waren, blieben sie weitestgehend unbeachtet. Die Band trennte sich erneut. Steve Marriott bekam in den Achtzigern zunehmend Alkohol – und Drogenprobleme und starb schließlich am 20. April 1991 beim Brand seines Hauses. Doch jetzt, mehr als dreißig Jahre nach Gründung der Band sind Humble Pie zurück. Jerry Shirley und Greg Ridley sind als Gründungsmitglieder mit dabei und daneben Bobby Tench vom Achtziger Line Up, komplettiert werden Humble Pie durch Dave Colwell von Bad Company. Wie es dazu kam, werden uns Jerry und Dave jetzt selbst erzählen, wobei wir natürlich speziell Jerry auch über die Vergangenheit befragten.

 

Jerry Shirley – Das Urgestein

 

Jerry, hast Du eigentlich Ende der Sechziger daran gedacht, dass du mehr als dreißig Jahre später immer noch diese Art von Musik machst?

 

Meine Güte, damals war ich so jung! Wenn man 18 oder 19 Jahre alt ist, dann macht man sich keine Gedanken darüber, was dreißig Jahre später sein wird. Aber die Zeit vergeht wie im Flug und plötzlich ist man fünfzig. Ich hätte mir damals sicher gewünscht, Humble Pie würde es für immer geben, realistisch gesehen, haben wir vielleicht so mit fünf Jahren gerechnet. Ich glaube auch, dass das ganze Genre deutlich länger existiert, als man ursprünglich angenommen hatte.

 

Steve Marriott und Peter Frampton wurden schnell Superstars – du bist „nur“ der Drummer!

 

Damit hatte ich nie ein Problem. Ich bin was ich bin – und das ist nun mal der Drummer.

 

Kannst Du Dich eigentlich noch erinnern, wie alles anfing?

 

In der Neujahrsnacht von 1968 auf 1969 rief Steve mich an. Es war nach Mitternacht und er hatte einen katastrophalen Auftritt mit den Small Faces hinter sich. Er beendete das Kapitel Small Faces und fragte mich, ob er in der Band einsteigen könnte, die Peter Frampton und ich gerade gründen wollten. Zunächst war ich erschrocken, schließlich war ich ein großer Fan der Small Faces, aber als klar wurde, dass er es wirklich ernst meinte, fand ich es natürlich eine tolle Sache.

 

Humble Pie waren ja immer für ihre Konzerte berühmt, gab es ein ganz besonders?

 

Es gab eine Menge von wirklich großen Gigs in den frühen Siebzigern, zum Beispiel ein Konzert im Hyde Park in London vor 100.000 Leuten im Jahre 1971 als wir für Grand Funk Railroad eröffneten. Ich erinnere mich auch an einen Auftritt in Amerika an einer Rennstrecke vor  650.000 Leuten. Es war Nacht und dazu noch neblig, und wir haben absolut nichts gesehen. Da waren mehr Leute als in Woodstock – und du hast keine gesehen.

 

Heute werdet ihr mit deutlich weniger Leuten vorlieb nehmen müssen...

 

Natürlich ist es schöner, vor einer großen Anzahl von Leuten zu spielen. Aber als Profi muss es dir egal sein, ob du vor fünf oder fünfhunderttausend Leuten spielst.

 

Als dann Peter ausstieg, hast Du da schon an ein Aus für die Band geglaubt?

 

Ich glaube, einige der besten Gigs, die wir spielten, gaben wir mit Peter. Aus den unterschiedlichen Spielweisen von Steve und Peter ergaben sich sehr interessante Konstellationen – es gab so etwas wie einen Ying – Yang – Effekt. Das soll nicht heißen, dass Dave Clempson nicht ebenfalls ein großartiger Musiker war. Trotzdem hatte ich tatsächlich Befürchtungen, wir würden ohne Peter nicht weitermachen können – aber diese Befürchtungen haben sich dann glücklicherweise nicht bestätigt.

 

Aber 1975 war dann doch zunächst Schluss – warum?

 

Wir waren einfach jung und dumm! Wir wären in der Lage gewesen weiterzumachen und genau das hätten wir damals auch tun sollen! Aber wahrscheinlich hatten wir so viele Drogen konsumiert, dass wir nicht mehr klar denken konnten!

 

Euer erstes Comeback hat ja in den Achtzigern dann auch nicht so funktioniert...

 

Das stimmt leider. Es gab einen Song von dem 80ger Album „On To Victory“ der hieß „Fool For A Pretty Face“ und war einigermaßen erfolgreich in den USA – aber der trotzdem nicht annähernd an das herankam, was wir mit den Alben davor erreichten.

 

Und was hast Du anschließend gemacht?

 

Zwischen 1988 und 1997 arbeitete ich als DJ in Cleveland in Ohio. Ich versuchte über die Jahre hinweg Humble Pie am Leben zu halten in dem ich in den USA mit einer Band unter diesem Namen arbeitete – wobei Steve mir die Erlaubnis gab, den Namen zu verwenden.

 

Wie hast Du vom Tod von Steve erfahren?

 

Es war an einem Samstagmorgen. Ich war gerade bei einem Freund, als das Telefon klingelte. Mein Freund nahm ab – kam zu mir, starrte völlig geschockt in den Raum und sagte, Peter Frampton ist am Apparat – Steve Marriott ist tot. Ich konnte es nicht glauben und brauchte sehr lange, um darüber hinweg zu kommen. Ich vermisse ihn noch heute und wie er starb, war wirklich schlimm.

 

Und wie kam es dann nun zum neuen Versuch?

 

Ich hatte einen verdammt schlimmen Autounfall in den USA. Danach entschloss ich mich,  nach England zurückzukehren, um mich zu erholen. Das war 1999. Greg Ridley rief mich an, ich schätze, er hatte von dem Unfall erfahren und wollte einfach nur wissen, wie es mir geht. Wir beschlossen, es einfach noch mal zu versuchen. Wir hatten mit Sanctuary bereits Kontakt was unseren Back-Catalouge angeht, und sie zeigten auch Interesse an einem neuen Album. Es war dann völlig natürlich Bobby Tench zu fragen, ob er mitmachen würde, da er ja auch in der Band war. Und ein Freund von mir  schlug vor, Dave Bucket in die Band zu holen. Ich kannte ihn von Konzerten mit Bad Company, und es hat besten funktioniert, was sich ja auch im Songwriting gezeigt hat. Da er ein großer Fan der Band war, wusste er auch genau, welche Art von Musik am besten zu uns passt.

 

Ursprünglich zählte ja auch der Keyboarder Zoot Money zum neuen Line Up, der ja auch bei einigen Songs auf dem neuen Album vertreten ist. Aber jetzt ist er wohl nicht mehr dabei?

 

Zoot hat bei den ersten Gigs mit gespielt, aber dann konnten wir einfach unsere Termine nicht mehr unter einen Hut bringen und so entscheiden wir uns, zu viert weiter zu machen.

 

Fühlst Du Dich heute auf der Bühne eigentlich anders als in der Vergangenheit?

 

Ich bin nicht aufgeregter als sonst. Wenn man so lange dabei ist wie ich, da weiss man einfach, was man auf der Bühne zu tun hat.

 

Wie schaffst Du es, immer noch die nötige Power für die Gigs aufzubringen?

 

Ein Vorteil, wenn du über viele Jahre hinweg ein Instrument spielst, besteht darin, dass du lernst, immer effektiver zu werden. Man braucht nicht mehr so viel Energie wir früher, man spielt es einfach ökonomischer.

 

Was ist das größte Problem, wieder ins Geschäft zu kommen?

 

Es ist heute einfach schwieriger, die Konzertveranstalter und Promoter zu überzeugen, dass es sich immer noch lohnt, mit einer Band wie uns zusammenzuarbeiten. Wir waren eben lange Zeit verschwunden, und viele glauben, für unsere Musik gibt es kein Publikum mehr. Es ist schwer, wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen. Hoffentlich überzeugt unsere neue Platte alle Zweifler!

 

Warum musste es eigentlich das Astoria - Studio von David Gilmour sein?

 

David Gilmour ist ein alter Freund von mir. Das Album sollte auf höchstem technischen Niveau eingespielt werden, aber dabei gleichzeitig unter Verwendung der etwas aus der Mode gekommenen analogen Systeme. David hat das beste Studio in England und er war so freundlich, es uns zur Verfügung zu stellen.

 

Dave ‚Bucket‘ Colwell – Der Neue

 

Dave, wie bist Du eigentlich zu Humble Pie gekommen?

 

Ich traf Jerry schon vor sechs Jahren, als er noch in Cleveland lebte und wir dort mit Bad Company spielten. Der Bassist von Bad Company Rick Wills ist ein alter Freund von Jerry und machte uns miteinander bekannt. Dabei stellte sich heraus, dass wir beide aus der selben Gegend stammten – aus Waltham Cross in Nord-London. Humble Pie waren die erste Rockband, die ich jemals live gesehen hatte. Es war bei dem legendären Konzert im Hydepark im Jahre 1971 als sie für Grandfunk Railroad eröffneten. Bis dahin hatte ich nur klassische Musik gespielt – doch dann sah ich Humble Pie und sagte, das ist genau das, was ich machen will. Im Jahr 2000 rief mich dann Jerry an und fragte, ob ich nicht zunächst für ein paar Shows in die Band einsteigen wollte. Aber wir haben dann sehr schnell angefangen an neuen Songs zu arbeiten und so wurde die Idee zu einem neuen Album geboren. Ich bin jetzt seit zwölf Jahren bei Bad Company und nun auch ein Mitglied von Humble Pie, das heisst ich bei ein Teil von zwei Bands, die eigentlich meine Lieblingsbands waren – was kann man da mehr verlangen?

 

Alle anderen Mitglieder der Band waren auch schon in der Vergangenheit bei Humble Pie – fühlst Du Dich da mehr als Gastmusiker?

 

Humble Pie ist für uns ein absolutes Full-Time-Project, und ich bin alles andere als nur ein Gastmusiker. Immerhin habe ich das Album mit produziert und habe auch entscheidend am Songwriting mitgewirkt!

 

Was ist der Unterschied zwischen Bad Company und Humble Pie?

 

Wie ich schon sagte, bin ich nun seit zwölf Jahren bei Bad Company und habe mit ihnen fünf Alben eingespielt. Verglichen mit Humble Pie waren Bad Company nie wirklich von der Bildfläche verschwunden. Es gab immer Tourneen und neue Alben. Humble Pie beginnen jetzt praktisch wieder von vorn, da ist es viel schwerer, geeignete Auftrittsmöglichkeiten zu finden.

 

Welche Erwartungen knüpft ihr an die neue Scheibe?

 

Wir hoffen, dass das Album gut läuft und wir beweisen können, dass es immer noch Leute gibt, die unsere Musik mögen. Ich kenne die Situation in den USA ziemlich gut, weiss aber ehrlich gesagt nicht, wie es in Europa aussieht. Wir hatten Chance vor Weihnachten eine kleine Tour mit Molly Hatchett und Company Of Snakes in Deutschland und in der Schweiz zu spielen, und wir waren erfreut, dass immer noch Leute kommen, um Humble Pie zu sehen.  Das ist wie eine eigene Szene. Die Leute finden über das Internet heraus wo wir spielen, und kennen jedes Album, auf dem man jemals mitgespielt hat. Die meisten Konzertbesucher waren so um die vierzig Jahr alt. Wenn das neue Album gut läuft, wenn die Medien reagieren, dann haben wir vielleicht auch die Chance, einige jüngere Fans für uns zu gewinnen.

 

Sind die Zeiten für handgemachte Rockmusik wieder besser geworden?

 

Ich glaube, dass sich auch in der Musik die Geschichte wiederholt. Natürlich kommen neue Trends dazu, aber mit Bands wie Oasis hat sich wieder die gitarren-orientierte Rockmusik etabliert. Als wir im April 2001 die Steve Marriott – Tribute-Show spielten, kamen Noel Gallagher und Paul Weller auf die Bühne. Und wenn solche jüngeren Bands wieder Erfolg haben, dann können vielleicht auch wir davon profitieren. Wir spielen lebendige Musik, wenn andere Leute mit Rap viel Geld verdienen können, dann sollen sie das tun – aber das berührt mich nicht.

 

War es für Dich wichtig, auch wieder neue Songs zu präsentieren?

 

Ich würde nicht in einer Band spielen, die lediglich von den alten Hits lebt. Das wäre wie eine Tribute-Band, mit einigen Original-Mitgliedern. Bei Bad Company ist die Situation ja eine ähnliche. Für mich ist es wichtig, selbst Input zu geben. Aber natürlich spielen wir die alten Hits – wobei ich bei Humble Pie sagen muss, dass ich die Songs eher wieder drauf hatte, als die Original-Mitglieder!

 

Renald Mienert

 

Discographie

AS SAFE AS YESTERDAY IS (1969)

TOWN AND COUNTRY (1969)

HUMBLE PIE (1970)

ROCK ON (1971)

PERFORMANCE (ROCKIN' THE FILLMORE) (1971)

SMOKIN' (1972)

EAT IT (1973)

THUNDERBOX (1974)

STREET RATS (1975)

ON TO VICTORY (1980)

GO FOR THE THROAT (1981)

BACK ON TRACK (2002)


© 05/2002 Renald Mienert
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