Miscellane: Auch ohne Exoten-Bonus hörenswert

DURP - eZine from the progressive ocean

Interview

Das holländische Label Bee & Bee Records glänzt nicht gerade durch eine große Anzahl von Veröffentlichungen, was man jedoch auf den Markt wirft, das kann sich hören lassen. Das galt für Alan Case genau wie für Anomaly oder Scott/Rickenfield, und das gilt auch für Miscellane aus der Slowakei. Die Band schaffte ja immerhin den Sprung auf den letzten Eclipsed-Sampler, da ist es nur naheliegend, dass wir sie nun etwas ausführlicher vorstellen. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als unsere per E-Mail geschickten Fragen in astreinem Deutsch beantwortet wurden, und zwar von Peter Orel (guit, vocals) und Peter Bales (bass).

Der Start war auch für Miscellane nicht gerade einfach. Wie üblich hatte man eine Menge Träume gepaart mit einer gehörigen Portion Enthusiasmus. Ins Leben gerufen wurde die Band 1993 von Peter Orel und Miro Hrusovsky. Beide spielten Gitarre und man komplettierte die Band mit Peter Bales am Bass, Drummer T. Gazik und der erste Mann am Mikro hiess Roman Kozak. Doch diese Besetzung sollte nicht lange Bestand haben.

Nach dem Ausstieg des Sängers, der den Drummer gleich mitnahm, übernahm Peter Orel auch den Posten des Lead-Sängers, was der Band ganz recht war, hatte man doch ohnehin Schwierigkeiten mit dem – wie man es selbst bezeichnete – "exponierten" – Gesang des Vorgängers. Als auch Miro Hrusovsky die Band verließ, entschied man sich, fortan nur noch mit einer Gitarre zu arbeiten, dafür aber einen Keyboarder in die Band zu integrieren. Der Mann an den Keyboards war Roman Hubinsky, und in Marek Hrabec wurde auch ein neuer Drummer gefunden. Von Miro blieb immerhin noch die Idee für den Namen der Band – er hatte das Wort in einem lateinischen Buch gefunden, und erst später erfuhr man die Bedeutung – aber da der Name bestens zur Musik passte, blieb es dabei. In dieser neuen Besetzung entstand das Demo Wings, durch das zunächst der heutige Manager Stano Balaz auf die Band aufmerksam wurde, und das später auch den Weg zu dem Deal mit Bee & Bee Records ebnen sollte.

Nach vier Demoaufnahmen, die bei der Kritik gut angekommen sind, aber von den Leuten ignoriert wurden, haben wir uns entschieden, uns nur noch auf die Musik zu konzentrieren und alles daran zu setzten, unsere Kindheitsträume zu verwirklichen. So entstand das Demo ‚Wings’, mit dem wir mehrere Westeuropäische Label angesprochen haben, da sich in der Slowakei die Label für diese Musikrichtung nicht interessieren. Eine erste positive Antwort bekamen wir aus der Schweiz, von dem Galileo Label, das leider zu beschäftigt war, um den Deal mit uns zu machen. Die Leute dort empfahlen uns aber ihren Freunden bei Bee & Bee Records in Holland. Bingo! Dolores Bremer hat sich unserer Sache angenommen und so kam die Sache ins Laufen.

Wobei sich Miscellane noch sehr genau an den Tag erinnern, als der Deal perfekt gemacht wurde...

Die Geschichte einer Band ist ja genau wie die Geschichte eines Einzelnen von Schlüsselereignissen geprägt. Bei uns war es der Tag, oder besser gesagt die Nacht, als das Telefon bei unserem Manager Stano Balaz klingelte und Dolores am anderen Ende der Leitung war. Jeder von uns wusste, daß der lang erwartete und erträumte Moment da war und wir ein Deal in der Tasche haben. Diesen Augenblick werden wir nie vergessen können. Aber genauso wichtig für uns war es, als sich Stano für uns zu interessieren begann und schließlich unser Manager wurde. Auch an ihn ein großes Dankeschön!

Was das Songwriting bei Miscellane angeht, so gibt es keine festgefahrenen Prozesse, jeder Song hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Mal steht der Text am Anfang, wobei dieser in der Regel von Peter Bales und Stano Balasz kommt, und mal die Musik, wobei diese im Normalfall Peter Orel und Roman Hrubinsky beisteueren. Aber es gibt auch Fälle, in denen beide Methoden verschmelzen oder einfach nur gejammt wird. Das Arrangement für den fertigen Song schließlich entsteht im gesamten Team. Und natürlich hat man auch große Vorbilder...

Natürlich gibt es Künstler, die uns beeinflussen. Wozu das Rad neu erfinden? Aber auf gar keinen Fall versuchen wir jemanden zu kopieren. Jeder in der Gruppe hat so seine Favoriten, aber um es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, können wir uns auf folgende Künstlern einigen: Dream Theater, Ark, Queenryche, Kansas, Savatage, Queen....

Mit Ark hat man sogar schon persönliche Kontakte geknüpft und ein Gig mit Dream Theater ist der große Traum der Slowaken. Dabei kann man was Live-Aktivitäten betrifft, schon einiges vorweisen.

Miscellane haben in der fast 10-jährigen Existenz etwas mehr als 60 Gigs in der Slowakei und in der Tschechischen Republik gespielt. Viele davon waren wirklich gelungen, andere erfüllten unsere Erwartungen nicht. Es gibt nicht sehr viele Möglichkeiten, live aufzutreten, und so waren wir auch gezwungen, Angebote anzunehmen, die nicht so toll waren. Die gelungensten Konzerte waren die mit großen Bands wie Anathema, My Dying Bride, U.D.O.. Die waren gut vorbereitet und wir konnten von erfahrenen Musikern lernen. Auch die Fans haben auf diese Gigs ausgesprochen positiv reagiert. Es ist eines unserer größten Ziele, auch in anderen Ländern aufzutreten, neue Leute kennenzulernen, die uns in ihrer Einstellung nahe sind. Wir können unsere erste Tour kaum erwarten und setzen alles daran, dass es bald soweit ist!

Natürlich will man die Band zu einer festen Größe in der Prog-Szene machen, und ein großer Wunsch ist es, durch die Musik den Lebensunterhalt verdienen zu können. Doch soziale Probleme sollen die Band nicht davon abhalten, sich musikalisch weiter zu entwickeln.

Progressive Rock hat seinen eigenen Raum und sein eigenes Leben. Man hat zwar kaum Aussichten, ein Star zu werden, aber die Musik ist glaubwürdig und gibt Musikern und Hörern neue Erfahrungen. Es ist gut zu wissen, daß es weltweit eine Menge hervorragender ProgBands gibt und dass es immer noch genug Leute gibt, die sich für sie interessieren. In unserem Land ist dem leider nicht so. Wir werden dem Progressive Rock treu bleiben, denn er deckt sich mit unseren Vorstellungen von Musik am ehesten. Wir planen uns ständig zu entwickeln, jeder Schritt soll ein Schritt nach Vorne sein. Jeder neue Song liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns und stellt eine neue Herausforderung dar.

Und der Anspruch, den die Band sich selbst stellt, ist nicht gerade ein geringer:

Unsere Vorstellung von einem guten Prog-Album, und das haben wir auch bei der Produktion von "Painted Palm" versucht umzusetzen, ist das Gleichgewicht zwischen gradlinigem und dynamischen Songmaterial und epischen und großflächigen Passagen. Es geht um die Verschmelzung von Dynamik, Technik, Poesie und Melodie mit der Größe, dem Anspruch und der Komplexität des Denkens (nicht nur musikalisch). Jedes von diesen Elementen sollte auf einem guten Album vorhanden sein. Also auch auf dem unseren. Wir versuchen, es dem Zuhörer in einem möglichst großem Ausmaß zu präsentieren um damit zu erreichen, daß er unsere Musiker immer wieder hören kann und immer noch bereichernd für sich empfindet. Es ist möglich, dass aufgrund solches Ausbaus die Songs immer größere Ausmaße annehmen, aber man muß immer darauf achten, dass das ursprüngliche Vorhaben aufgrund der Länge nicht verloren geht. Entscheidend sind der Inhalt und der Wert der künstlerischen Aussage. Ein gutes Werk entsteht aus einer Tradition und berreichert sie um neue Ansichten und Elemente.

Das nenne ich wacker gesprochen! Bei solchen Zielen steckt man natürlich kleinere Pannen eher locker weg.

Es stimmt, dass wir einiges Pech mit einem kleinen Verkehrsunfall hatten und auch einige gesundheitliche Probleme während der Aufnahmen auftraten. Fast alle mussten durch eine Erkältung- und Fieber-Periode durchgehen. Am schlimmsten erwischte es Roman Hubinsky, den Keyboarder, der für drei Tage ins Spital zur Beobachtung gehen musste, weil er seine Schmerzen, die durch ein Nierenstein verursacht waren, nicht ertragen konnte. Es klingt aber viel dramatischer, weil wir für die ganze Aufnahme nur 10 Tage zur Verfügung hatten.

Und außerdem konnte man ja auf prominente Unterstüzung bei der Produktion zurückgreifen....

Es ist uns eine Ehre mit einem Profi wie Paul Speer zusammen zu arbeiten. Es ist eine aufregende und vor allem nützliche Erfahrung. Bee & Bee Records hatte ja Kontakt zu ihm durch das Projekt mit Scott Rockenfield von Queensryche.

Kommen wir zum Abschluss des Interviews noch zu den einzelnen Songs von Painted Palm, wobei das zweigeteilte "Solstice Story" den Kernstück des Albums bildet.

Die Geschichte der Sonnenwende (engl. Solstice) betrifft unser Leben, speziell Dinge wie Liebe, Freundschaft, Widerstände, die Unsinnigkeit des menschlichen Handelns. Es geht um Geschichten, die in der Zeit des Umbruchs vom Altertum zur Neuzeit spielen, wo die Kulte und die Mythen noch wichtig waren. Diese zerstören ein sich gerade entwickelndes Liebesverhältnis eines jungen Königspaares. Der Mann stirbt, die Frau muß den Verlust durchleben und verkraften. Allerdings ging aus dieser Beziehung auch neues Leben hervor. Die zweite Geschichte beginnt wo die erste endete, nur 18 Jahre später. Wir finden die Tochter des Königspaares aus dem ersten Teil in einer ähnlichen Situation. Aber dieses Mal greift noch eine dritte Person in das Geschehen ein. Es ist ein Mann, der sich dessen bewußt ist, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Die Größe seiner Liebe und Freundschaft zeigt er in dem Moment, als er sich entscheidet das Leben seines Bruders und Widersachers zu retten und dem Paar so die Möglichkeit zur Erfüllung ihrer Liebe gibt. In "Wings" geht es um das ewige Verlangen der Menschen, deren Blicke zur Sonne gerichtet sind,

"Laments" und "Few Letters basieren auf dem Zyklus ‚Briefe aus der Zeit der Erschaffung der Welt’ wo Adam und Eva mit der Hilfe von Briefen ihre Seele aufdecken....

Was bleibt, ist der Band viel Erfolg für die Zukunft zu wünschen!

Renald Mienert

Kontakt:

email: miscellane@email.cz

Anschrift: Peter Bales, Za Humnami 34, 949 01 Nitra, Slowakei

Web:www.distribee.com/contact/miscellane.htm


© 05/2002 Renald Mienert
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