Royal Hunt: Auf dem Weg zum Mars

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Interview

Spätestens seit ihrem dritten Album "Moving Target" aus dem Jahre 1995 sind Royal Hunt eine feste Größe im Melodic Rock. Zuvor hatten die Mannen um Keyboarder Andre Andersen bereits die CD’s "Land Of Broken Hearts" (1993) und "Clown In The Mirrors" (1994) veröffentlicht. Nachdem man sich mit "Paradoxes" (1997) bereits an ein Konzeptalbum gewagt hatte, auf dem man der Frage nachging, wie wohl Jesus reagieren würde, wenn er nach 2000 Jahren auf die Welt zurückkehrt und feststellt, dass sich eigentlich nichts geändert hat, begibt man sich nun mit "The Mission" in den Weltraum. Wobei dies nicht nur das zweite Konzeptalbum der Band ist, sondern auch das zweite Album mit Leadsänger John West, der mit dem Album "Fear" (1999), den amerikanischen Sänger D.C. Cooper ablöste.

Renald Mienert unterhielt sich mir Andre Andersen

Auch wenn man es nicht glauben mag, Science Fiction ist tatsächlich ab und zu etwas mehr als nur Perry Rhodan. Dafür sorgte unter anderem der amerikanische Autor Ray Bradbury, der vor allem mit Werken wie "Fahrenheit 451", "Der illustrierte Mann" und "Die Mars-Chroniken" Weltruhm erlangte. Letzteres ist ein Roman in Erzählungen, die zwischen 1945 und 1950 entstanden und - fernab von Action – und Katastrophenszenarios (auf die Nichtkenner die Science Fiction gerne reduzieren) – von der Besiedlung des Mars durch die Menschheit erzählen, und das vor dem Hintergrund einer drohenden nuklearen Auseinandersetzung auf der Erde. Nachdem bereits die ungarische Proglegende Solaris in den Achtzigern das Werk vertonte, haben sich nun Royal Hunt des Werkes angenommen. Und das aus gutem Grund.

Zunächst einmal ist es ein wirklich wundervolles Buch. Es hat diese zwei Aspekte. Zunächst ist da natürlich die Science Fiction Story, sozusagen der Rahmen. Aber all die Geschehnisse sind dennoch sehr mit unserer Realität, mit unserem ganz normalen Alltag verbunden. Es geht um menschliche Probleme, das Buch funktioniert praktisch genau so, wie ich generell meine Texte schreibe. Es sind keinen rein phantastischen Themen, sondern reale Dinge, die um mich herum passieren. Ich gab das Buch den restlichen Bandmitgliedern und ihnen gefiel es auch. So wurde die Entscheidung getroffen. Wenn der Punkt erst einmal erreicht ist, dann folgen zwangsläufig Dinge, welche die Musik und den Sound des Albums betreffen. Ein Science Fiction – Konzeptalbum soll schließlich aus entsprechend futuristisch klingen, daher auch die Effekte und die Keyboardsounds, die teilweise roboterhaft wirken oder sogar Tekkno-Einflüsse haben. Es war eine sehr interessante Erfahrung, dieses Album zu machen und dabei zu versuchen, die Stimmung des Buches auch wirklich einzufangen. Es war wirklich völlig anders, wir betraten absolutes Neuland. Aber das ist in Ordnung. Eine Band, die ihr sechstes Studioalbum veröffentlicht, braucht auch wieder die Gelegenheit, sich praktisch wieder neu zu entdecken. Das ist mit diesem Album geschehen.

Wobei diese Neudefinition dem Royal Hunt – Fan, zumindest was die ersten Durchläufe angeht, vor eine ziemliche Belastungsprobe stellt. Anstelle des sonst dominierenden Mixes aus Melodic Rock, Klassik und einer Prise Prog fallen zunächst vor allem die schon erwähnten elektronischen Sounds auf.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns an das Arbeiten mir den elektronischen Sounds gewöhnt hatten, sonst überwiegen bei uns ja die klassisch-symphonisch orientierten Keyboards. Aber danach verlief alles wie geplant. Wenn man die Arbeiten zu einem Album beginnt, dann schwebt einem ein ganz bestimmter Sound vor, und was dieses Album angeht, so haben wir ihn schließlich zu fast hundert Prozent getroffen. Immer wenn du ein neues Album machst, und du hast vor dich zu entwickeln und kreativ zu sein, die Fans immer wieder auch zu überraschen, wird es vermutlich einige Leute geben, die von dem Resultat enttäuscht sind. Wie viele Alben hat man in den letzten sechs Jahren gehört, die offensichtlich nichts anderes probierten, als exakt nach Dream Theater zu klingen? Doch mindestens vierzig! Das ist doch so eine Verschwendung von Talent, warum springen alle auf den gleichen Zug auf? Wir jedenfalls versuchen und mit jedem Album auch ein wenig zu verändern, wenn auch nicht radikal. Es ist langweilig, immer das gleiche Album zu machen. "Paradox" war einigen zu hart, "Fear" einigen zu ruhig und "The Mission" wird einigen zu elektronisch sein. So ist das immer. Die wirklichen Fans akzeptieren aber auch diese Veränderungen und werden auch auf dem neuen Album die typischen Royal Hunt – Trademarks wieder erkennen.

Und genau das passiert auch. Und der Hörer wird auch sehr schnell erkennen, dass die Band das Konzept nicht nur in den Lyrics umsetzte, sondern eben auch musikalisch. Wobei auffällt, dass eigentlich nur sieben der dreizehn Tracks "richtige" Songs sind, die übrigen als kurze Instrumentals quasi als Bindeglied fungieren.

Jeder Song basiert auf genau einer Geschichte, genau wie in dem Buch. Wir gehen dabei nicht chronologisch vor, sondern springen vor und zurück in der Zeit, ähnlich wie das bei Filmen wie zum Beispiel Pulp Fiction gemacht wurde. Es war eine sehr große Herausforderung für uns. Die kurzen Instrumentals kann man auch mit Filmen vergleichen. Zwischen den Actionszenen, gibt es immer Sequenzen, die diese sozusagen vorbereiten, die eine bestimmte Stimmung erzeugen, Bilder von Landschaften zum Beispiel. Diese kleinen Instrumentalstücke geben außerdem die Gelegenheit sozusagen durchzuatmen, ohne dabei die Stimmung der richtigen Songs zu zerstören.

Royal Hunt haben dabei nicht nur die chronologische Reihenfolge verändert, sie geben den Songs auch von den Erzählungen abweichende Titel, wobei im Booklet jedoch Originaltitel und Handlungsjahr erwähnt werden. Der Song "The Mission" basiert auf der Erzählung "Rocket Summer" und gibt schließlich auch dem ganzen Album den Namen, das ja eigentlich "The Martian Chronicles" heißen müßte.

Der Begriff "The Mission" hat für mich bezogen auf das Album eine doppelte Bedeutung. Zunächst hat natürlich jeder Person, die sich entscheidet, auf den Mars zu gehen, ihre eigene Mission. Jeder hat völlig unterschiedliche Beweggründe. Ich halte darum den Titel auch für etwas näher an der Aussage als einfach nur "Die Mars-Chroniken". Darüber hinaus habe ich aber auch versucht, den eigentlichen Roman um gewisse aktuelle Zeitbezüge zu erweitern, in sozusagen upgedated. Die Werte, um die es in dem Buch eigentlich geht, sind allerdings zeitlos. Die Probleme, die hier in Storys verpackt sind, die aus der damaligen Sicht in weiter Zukunft lagen, hat es genausogut schon vor zweihundert Jahren gegeben – die Zeit spielt dabei eigentlich keine Rolle. Auf der einen Seite entwickeln wir uns immer weiter, zum Beispiel was die Technologie angeht, auf der anderen Seite kommt es immer wieder zu erschreckenden Gewaltausbrüchen – es scheint in der menschlichen Natur zu liegen.

Aber da wir nicht als Ersatz für das literarische Quartett agieren wollen, noch ein paar Fakten zur Band. Als man sich nach "Paradoxes" von D.C. Cooper trennte, kam es ja doch zu einigen unschönen verbalen Äußerungen. Das Thema ist zwar mittlerweile vom Tisch und mit John West ein ebenbürtiger Ersatz gefunden, aber auch der ist ja parallel zu Royal Hunt mittlerweile wieder bei seiner alten Band Artension aktiv und bastelt außerdem noch an einem weiteren Projekt. Hat man da nicht Angst, dass es bald wieder kracht?

Jedes Bandmitglied macht noch etwas neben Royal Hunt, wenn die Zeit es erlaubt. Das ist sehr gut, um die Kreativität auszuleben, die für die Band nicht benötigt wird, oder die nicht zur Band passt. Dabei steht Royal Hunt für uns alle im Vordergrund. John ist sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst und weiss, wie es läuft. Er hat es bisher immer verstanden, seine Nebenaktivitäten so zu gestalten, dass sie nie mit Royal Hunt in Konflikt gerieten – bisher gab es da also nie Probleme.

Und wie sieht es eigentlich mit der Position hinter der Schießbude aus? Nachdem auf den beiden letzten Alben Allen Sorensen als Drummer fungierte, sind jetzt zwei Trommler als Gastmusiker ausgewiesen, Kenneth Olsen, der bereits in der Vergangheit für Royal Hunt arbeitete, und Kim Johanneson.

Kenneth Olsen ist ein wirklich guter Freund von uns, und wir würden ihn wirklich gerne in unserer Band als festen Drummer haben. Aber er hat leider gesundheitliche Probleme mit seinen Ohren. Im Studio oder bei Proben, wo man die Situation selbst steuern kann, da funktioniert es, aber es würde natürlich Probleme bei Tourneen geben. Er hat die Möglichkeit einzusteigen, wenn er sich dazu in der Lage fühlt. Auf dem Album arbeiten wir ja mit einem zweiten Drummer, Kim Johannson, und es würde auch funktionieren, aber wenn möglich, wäre Kenneth unsere Nummer Eins.

Was die Plattenfirmen angeht, so ist SPV für Royal Hunt nicht mehr die Nummer Eins. Stattdessen ist man nun auch bei Frontiers gelandet, wobei das italienische Label momentan den deutschen Konkurrenten wohl ohnehin den Rang abgelaufen hat.

Prinzipiell schließen wir Plattenverträge immer nur für ein Album ab. Mit SPV gab es einige Kommunikationsprobleme, also haben wir den Deal nicht verlängert. Frontiers hatten uns bereits vor etwa drei Jahren kontaktiert und Interesse bekundet. Im Augenblick sind sie ziemlich enthusiastisch, was dieses Album angeht, also sehen wir mal, wie es läuft.

Und egal, auf welchen Label, von Royal Hunt werden wir auch in Zukunft hören


© 02/2002 Renald Mienert
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