Transatlantic: Prog für die Ewigkeit

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Interview

Speziell im Prog-Bereich gab es in den letzten Jahren immer wieder sogenannte All-Star-Projekte. Nehmen wir nur solche Namen wie Platypus, Explorers Club oder Liquid Tension Experiment. Der musikalische Output solcher Konstellationen wurde zwar immer hochgelobt, ihre Lebensdauer hielt sich jedoch in der Regel in Grenzen. Ähnliches hatte man auch von Transatlantic befürchtet, wohl das hochkarätigste Team, mit dem die Progszene der Gegenwart aufwarten kann. Hier sind mit Neal Morse und Roine Stolt die führenden Köpfe von Spock’s Beard und den Flower Kings – für viele Fans momentan die besten zwei Progbands der Welt – sowohl Mike Portnoy von Dream Theater – unumstrittener Long Time Inhaber der Prog Metal Throns – als auch Mitglied Pete Trewavas von der Proglegende Marillion vereinigt.

Mit letzterem unterhielt sich Renald Mienert über das zweite Studioalbum "Bridge Across Forever".

Wie bist Du eigentlich zu "Transatlantic" gekommen?

Mike hat alles ins Rollen gebracht. Nach dem Liquid Tension Project suchte er neue Musiker, von denen er glaubte, das Musizieren mit ihnen würde ihm gefallen. Und ich war einfach irgendwie auf seiner Liste! Der unmittelbare Kontakt kam dann über Steve Hogarth zustande. Mike und Steve waren per eMail in Kontakt, und Steve erwähnte seine Absichten bezüglich eines neuen Projektes und fragte ihn so nebenbei, ob ich nicht hierfür die Bassparts übernehmen könne. Dann folgten einige Chats, Mike sagte mir, wen er noch gerne dabei hätte und schließlich stand die Band. Am Ende ist es eine wirklich interessante Mischung von Musikern und ich denke, es hat auch prächtig funktioniert.

Man sagt Transatlantic völlig zurecht eine große musikalische Nähe zu den großen Prog-Bands der Siebziger nach. Ist diese musikalische Ausrichtung beabsichtigt?

Diese Einflüsse sind unumstritten, aber eine direkte Absicht steckt nicht dahinter. Es hat sich einfach so ergeben. Als wir uns schließlich trafen, hatten wir nicht sehr viel Zeit was das gemeinsam Komponieren angeht. Was mich betrifft, so war ich zum Beispiel überhaupt nicht in das Songwriting eingebunden. Das meiste Material stammte eben von Neal, was wohl auch der Grund dafür war, dass viele Leute kritisierten, das erste Album klinge wie Spock’s Beard. Aber Neal hatte das Material eben schon geschrieben und er übernahm auch den Großteil der Vocal-Parts, so konnte man diese Ähnlichkeit wohl nicht vermeiden. Für mich sind Vergleiche mit Alben wie "Close To The Edge" sehr positiv, ich mag es, diesen Retro-Prog-Sound zu haben.

Der Vorwurf in Richtung Ähnlichkeit zu Spock’s Beard kann, was das zweite Album angeht, so nicht mehr aufrecht erhalten werden, denn "Bridge Across Forever" klingt wesentlich eigenständiger. Warum?

Das Schöne an der Zusammenarbeit für das neue Album war die gemeinsame Zeit in Neals Haus. Wir verbrachten dort ein paar Tage und stellten gemeinsam die Arrangements zusammen, für all die musikalischen Ideen, die jeder von uns einbrachte. Es war einfach eine ungeheuer kreative Atmosphäre. Und dieses Bandgefühl, dass sich während der Konzerte eingestellt hatte, hat sich hier weiter ausgeprägt.

Wo wir schon bei den Konzerten sind, es ist absolut untypisch, dass solche All-Star-Projekte auch auf Tour gehen. Ihr habt es gemacht, was ja auch auf einer Live-Doppel-CD dokumentiert wurde.

Als wir erkannten, wie gut das Material des ersten Albums war, war klar, dass wir auch live spielen würden. Es macht einfach mehr Spaß. Das Ganze wirkt dann viel organischer. Im Studio kannst du immer tricksen und schummeln – was wir allerdings so gut wie nicht nötig hatten. Live musst du einfach spielen und erlebst sofort die Reaktion des Publikums. Nach dem Erfolg von "SMPTe" gab es einfach viel Leute, die uns Live sehen wollten. Die Einladung, als Headliner beim Near-Fest aufzutreten, führte schließlich dazu, es einfach zu probieren. Das führte dann zu einer kleinen Tour, die Nachfrage was so groß, wir hätten auch Monate touren können, aber das funktioniert natürlich nicht, da jeder von uns genügend terminliche Verpflichtungen mit seiner Stammband hat. Wir werden auch live immer besser, einfach weil wir uns besser kennen lernen und uns besser aufeinander einstellen. Durch die Konzerte hat sich die Band auch eine eigene Identität erspielt. Den für mich besten Gig hatten wir im letzten Jahr in Los Angeles, als wir auch "Shine On You Crazy Diamond" live spielten. Für das neue Album gibt es ja auch einige Gigs in Europa, was wirklich toll ist, zumal Europa wohl auch der größte Markt für uns ist.

Nach dem Debüt hatte ich wirklich befürchtet, es würde bei einem Album bleiben, auch als sich herausstellte, dass "SMPTe" kommerziell sehr erfolgreich war. Schließlich war es das erste Album der Szene, (wenn man etablierte Acts mal ausklammert) das sich in den CD-Charts platzieren konnte. Hättet ihr auch sonst weiter gemacht?

Das hatte nichts mit dem Erfolg zu tun, es ist einfach eine Frage der Freude am Musik machen. Freilich ist es schön, wenn wir auch noch Geld damit verdienen, aber das war nicht der Punkt.

Beschränkt man sich auf die normale CD-Version (wie bei Inside Out fast schon normal, gibt es auch von "Bridge Across Forever" eine Limited Edition als Doppel-CD mit diversem Bonusmaterial), gibt es auf dem neuen Album nur vier Songs. Der erste und der letzte Song ("Duel With The Devil" bzw. "Stranger In Your Soul") bringen es auf jeweils 26 Minuten Spielzeit und haben beide das Potential in die Schulbücher in Sachen Longtrack aufgenommen zu werden. "Suite Charlotte Pike" bringt es immerhin noch auf 14 Minuten, versprüht gelegentliches Jam-Session-Feeling und sprengt die stilistsichen Grenzen des Prog beträchtlich. Bleibt noch der Titelsong, mit etwas mehr als 5 Minuten der kürzeste Song des Albums: Eine Ballade, komplett von Neal Morse im Alleingang eingespielt. Der Song an sich ist wunderschön, aber hätte er nicht eher auf Neals jüngst erschienene Solo-CD gehört?

Wir alle lieben den Song einfach. Er ist wirklich wunderschön. Vor einiger Zeit schickte Neal etliche Demos an uns, und die Idee zu diesem Track war dabei. Die anderen Songs auf dem Album sind sehr lang und sehr komplex. Da ist es auch mal schön, einen anders gearteten Titel zu hören, bei dem man einfach nur entspannen kann.

Zum Schluss noch eine Frage mit Bezug zu Deiner Stammband Marillion. Bei jedem neuen Marillion-Album kommt es zu der gleichen Diskussion: Prog oder nicht? War mit Fish nicht doch alles besser? Wo du jetzt bei Transatlantic bist, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Kannst Du bei Transatlantic jetzt endlich zeigen, was wirklich in Dir steckt?

Das kann man nicht wirklich miteinander vergleichen. Die Musik der beiden Bands ist unterschiedlich, und manchmal ist es schwer, einen eigentlich leichten Part auch so zu spielen, dass er den richtigen Groove bekommt. Du brauchst einfach für beide Arten Musik das jeweils richtige Talent. Ich bin gerne bei Transatlantic, aber meine Stammband ist Marillion. Solche Vereinfachungen sind ziemlich naiv. Und es gibt sowohl was Marillion mit Fish als auch mir Steve angeht genügend Beispiele dafür, dass auch hier eine hohe Komplexität zu finden ist, auch was speziell meine Bassparts angeht. Bei Marillion sehe ich die Herausforderung eigentlich mehr im Songwriting. Wir haben schon so viele Alben veröffentlicht, da ist es natürlich nicht einfach, immer wieder etwas wirklich Neues zu machen. Da ist Transatlantic eine willkommene Abwechslung.


© 01/2002 Renald Mienert
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